Es wirkt wie eine unscheinbare Nische in den geräumigen Büros einer IT-Firma in der Zimmerstraße - ein großer Schreibtisch für nur vier Personen. Nur wenig deutet darauf hin, dass hier einer der wichtigsten Knotenpunkte zur Wohnraumvermittlung für Flüchtlinge zusammenläuft. "Das eigentliche Hauptquartier der Flüchtlingshilfe Karlsruhe ist am Alten Schlachthof 59", sagen die beiden Mitarbeiterinnen Edit Nagy-Nepstad und Gertrud Weber in gemeinsamer Aussage.

Flüchtlingshilfe Karlsruhe Wohnungsvermittlung
Edit Nagy-Nepstad und Gertrud Weber (v.l.), ehemals ehrenamtliche und vorübergehend fest eingestellte Mitarbeiterinnen der Flüchtlingshilfe Karlsruhe. | Bild: Lars Notararigo

"Wir sind aber bereits am 14. März mit dem Team Ukraine hier in der Zimmerstraße gestartet", so die Mitarbeiterinnen. Hintergrund sei vor allem, dass mit dem andauernden Kriegsgeschehen immer mehr Flüchtende nach Karlsruhe kämen.

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Zunächst jüngere und nach einiger Zeit auch ältere und eingeschränkte Menschen. "Viele davon fragen zuerst bei uns an, wenn sie in Karlsruhe Wohnraum suchen. Daher richtete uns die Stadt hier in der Zimmerstraße für drei Monate einen Arbeitsplatz zur Vermittlung ein."

Drei Personen koordinieren den Wohnraum

Bis Ende Juni sei es Aufgabe der vier Damen, den hier ankommenden Flüchtenden temporär ein Dach über dem Kopf anzubieten. "Wir sind dabei drei ständige Mitarbeiterinnen und eine Übersetzerin. Bis Ablauf der Frist sind wir bei der Stadt angestellt und nicht wie sonst ehrenamtlich. Es ist dabei an uns, die Wohnungsangebote, die die Bürger Karlsruhe den Ukrainern unterbreiten, zu katalogisieren und an die Flüchtlinge zu vermitteln", so das Flüchtlingshilfe-Team.

Flüchtlingshilfe Karlsruhe Wohnungsvermittlung
Der Arbeitsplatz in der Zimmerstraße dient dazu, die Wohnungsangebote aufzuarbeiten. | Bild: Lars Notararigo

"Natürlich sind wir nicht die einzige Hilfsorganisation zu diesem Thema, aber eine sehr große Zahl an Wohnraumangeboten landet dennoch bei uns", sagen sie. "Diese ganzen Angebote zu erfassen und zu koordinieren ist zu dritt eigentlich auch kein größeres Problem - im Gegenteil: Wir sind dankbar für jeden Karlsruher, der Wohnraum zur Verfügung stellen will. Und die Hilfsbereitschaft ist enorm. Aber leider passen die Angebote nicht immer zu den Bedürfnissen der Flüchtlinge."

Ein Querschnitt durch die ukrainische Gesellschaft

Man müsse sich dabei vergegenwärtigen, dass bei den ankommenden Flüchtlingen die gesamte ukrainische Gesellschaft abgebildet: "Wo zunächst hauptsächlich junge Menschen kamen, kommen nun alle. Von einem Baby bis zur 91-jährigen, dementen Großmutter ist jede Gruppe vertreten. Jede mit anderen Bedürfnissen. Um diese Bedürfnisse zu ermitteln, haben wir einen eigenen Fragebogen ausgearbeitet", erklären die beiden Mitarbeiterinnen.

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"Darin verlangen wir selbstverständlich keine allzu persönlichen Angaben - nur die wichtigsten Informationen. Etwa welche Sprachen die Ankommenden sprechen, ob sie Haustiere haben, in welchem Alter ihre Kinder sind, ob es Raucher gibt, ob jemand ein Handicap oder eine schwere Krankheit hat und so weiter", erklären sie. "Diese Informationen gleichen wir dann mit den Angeboten ab - dabei müssen wir uns natürlich nach den Wünschen der Wohnungseigentümer richten."

"Frauen mit Kindern werden am ehesten aufgenommen"

Viele hätten dabei eine recht präzise Vorstellung, wen sie aufnehmen möchten. "Frauen mit Kindern bis zu sechs Jahren sind am einfachsten zu vermitteln. Ebenso wie einzelne Reisende, die in Karlsruhe ankommen. Eine größere Herausforderung sind ältere Menschen oder größere Familien. Immerhin sprechen ältere Menschen recht selten Englisch und werden wohl manchmal für gebrechlich oder unselbstständig gehalten."

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Wenn nun der Wunsch eines Wohnraumbesitzers auf einen Fragebogen passt, werde sofort vermittelt. "Natürlich werden der Wohnraum und sein Anbieter erst inspiziert und kennengelernt. Niemand ist verpflichtet, den angebotenen Wohnraum anzunehmen. Dazu haben wir viele ehrenamtliche Helfer, die sich das Angebot mit den Flüchtlingen zusammen ansehen und arbeiten auch eng mit dem Ukrainischen Verein Karlsruhe zusammen.", sagen die Mitarbeiterinnen.

"Wir vergessen niemanden"

Komplizierter liege die Sache, wenn der angebotene Wohnraum nicht zu den Bedürfnissen der ankommenden Ukrainer passe - was häufig vorkomme. "In diesem Fall verhandeln wir viel und führen sehr viele Telefongespräche mit den Besitzern, ob sie nicht auch bereit wären, Flüchtlinge aufzunehmen, die nicht ganz ihrem ersten Angebot entsprechen. Meistens klappt das auch", so das Team.

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Sollte der angebotene Wohnraum aber nun überhaupt nicht kompatibel mit den derzeitigen Bedürfnissen der Flüchtlinge in Karlsruhe sein, so werde die Anfrage liegen gelassen. "Wenn jemand zum Beispiel nur Einzelpersonen aufnimmt - wobei aber meistens ganze Familien fliehen - muss er leider warten", so die Mitarbeiterinnen weiter.

"Deswegen bekommen wir auch oft Mails, in denen jemand nach drei Wochen fragt, ob sein Angebot überhaupt noch gebraucht wird. Das wird es in den allermeisten Fällen auch früher oder später - wir vergessen niemanden - aber manchmal stimmt das Angebot eben nicht mit dem Bedarf überein."

"Was wir brauchen, sind ganze Wohnungen"

Erschwerend komme dabei hinzu, dass derzeit zum überwiegenden Teil nur Zimmer oder WG-Räume und keine ganzen Wohnungen angeboten werden. "Für junge Männer und Frauen sowie einzeln reisende Menschen ist das auch kaum ein Problem. Die werden oft gerne Teil einer WG. Eine fünfköpfige Familie können wir aber nicht in einem einzelnen Raum in einer Dreizimmerwohnung unterbringen. Und ältere oder kranke Menschen auch nicht", sagt das Flüchtlingshilfe-Team.

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Damit soll die Dankbarkeit für das Angebot von Zimmern keineswegs geschmälert werden. "Wir möchten jedem danken,  der Kriegsflüchtlingen eine Unterkunft bietet", so die beiden Vermittlerinnen. Man müsse aber auch sehen, dass viele der in Karlsruhe ankommenden eine Fluchtgeschichte hinter sich haben und zunächst einen Rückzugsort benötigen - einen Ort für sich und die engste Familie. "Was wir momentan brauchen, sind ganze Wohnungen." Und das gelte nicht nur für Ukrainer.

Nicht alle Flüchtlinge sind Ukrainer

In der Ukraine, mit all ihren Universitätsstädten und ihrer Kultur habe es immerhin auch sehr viele Bewohner aus Drittländern gegeben, die dort gelebt, gearbeitet und studiert haben. "Auch diese Menschen sind verständlicherweise geflohen und einige haben den Weg nach Deutschland beziehungsweise Karlsruhe gefunden. Allerdings erweist es sich als recht große Herausforderung, Menschen ohne ukrainischen Pass zu vermitteln", sagt das Flüchtlingshilfe-Team.

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"Hilfsbereitschaft in diesem Ausmaß gibt es eben leider erst seit dem Ukraine-Krieg. Flüchtende, die in den Jahren 2014 bis 2017 nach Karlsruhe kamen, haben teilweise immer noch Probleme, Wohnraum zu finden - sowohl Männer als auch Frauen. Darum wollen wir uns auch um sie kümmern und Fragen die Anbieter letztendlich auch an, ob sie Menschen aus Drittländern aufnehmen würden", so die beiden Flüchtlingshelferinnen.

"Es ist nur eine Übergangslösung"

All das sei aber letztendlich nur eine Übergangslösung. Letztendlich diene die Flüchtlingshilfe auch dem Bestreben der Stadt, die ankommenden Flüchtenden eine menschenwürdige Unterkunft zu bieten und sie nicht zusammenzupferchen. "Ihnen aber wirklich dauerhaften Wohnraum zuzuteilen, ist nicht unsere Sache, sondern die der Stadtverwaltung selbst. Natürlich werden sie aber sehr gerne tatkräftig unterstützen. Das machen wir schon jetzt", meinen die beiden Helferinnen.

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"Sobald die Stadt Konzepte entwickelt hat, mit denen sich die Flüchtenden aus der Ukraine und darüber hinaus eine langfristige Existenzgrundlage in Karlsruhe aufzubauen, werden wir unser Büro in der Zimmerstraße schließe, was auf Ende Juni angesetzt ist. Aber auch danach haben wir vor, die neuen Karlsruher aus der Ukraine auch weiterhin in ihrem neuen Leben zu begleiten und für sie da zu sein", so das Team. "So haben wir es schon für die Flüchtlinge von 2015 und den Folgejahren getan."