Eine Vorschrift des Infektionsschutzes gebietet, dass Tiere, die von außerhalb der EU einreisen, zunächst auf Impfungen überprüft werden und gegebenenfalls in Quarantäne müssen - Tollwut und andere Infektionskrankheiten sollen vermieden werden. Nun, wo Zehntausende von Menschen ihre Heimat aufgrund des Ukraine-Krieges verlassen mussten, um ins Asyl zu fliehen, bedeutet das für einige einen Abschied von ihren geliebten Tieren am Ende des Fluchtweges.

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Was sowohl für Tier als auch Mensch eine starke seelische Belastung bedeutet, führt auch für Tierheime zu einer verstärkten Überbeanspruchung - so etwa im Heim des Karlsruher Tierschutzvereins. "Tiere sind leider nicht in allen Unterkünften erlaubt, obwohl sie in den Erstaufnahmestellen normalerweise bei ihren Besitzern bleiben dürfen", sagt Stephanie Keil, Leiterin des Tierheims, im Gespräch mit ka-news.de. Eine Einschätzung, die das Regierungspräsidium Karlsruhe bestätigt.

Stephanie Keil, Mitglied des Tierschutzvereins Karlsruhe und Umgebung e.V.
Stephanie Keil, Mitglied des Tierschutzvereins Karlsruhe und Umgebung e.V. und Leiterin des dortigen Tierheims. | Bild: Tierschutzverein Karlsruhe und Umgebung

"Wenn sie nicht erlaubt sind, kommen die Tiere in erster Anlaufstelle hierher, falls die Landeserstaufnahmestelle sie aussortiert oder ihre Besitzer an einem Ort untergebracht werden, wo keine Tiere erlaubt sind. In den letzten Wochen hatten wir auf diese Weise 25 Neuzugänge in unserem Tierheim - Hunde und Katzen. Das klingt erst einmal nicht dramatisch, bedeutet aber enormen organisatorischen Aufwand."

"Alle sechs Stunden kam ein neues Tier"

Immerhin müssten die Tiere häufig in Quarantäne. "Wir haben nicht genügend Quarantäneplätze - an sich ist unser Platz begrenzt. Das bedeutet auch, dass wir uns auf separate Pflegestellen berufen mussten, um alle Tiere versorgen zu können", so Keil. Separate Pflegestellen bedeuteten in diesem Fall Privatpersonen, die bereit sind, die Tiere aufzunehmen. 

Tiere aus der Ukraine im TH
Ein Hund aus der Ukraine, der von Privatpersonen in Karlsruhe aufgenommen wurde. | Bild: Tierschutzverein Karlsruhe und Umgebung e.V.

"Natürlich musste das schnell gehen - meistens hatten wir kaum sechs Stunden lang einen freien Platz, bevor schon das nächste Tier kam - aber wir wollten sie auch nicht einfach ungeprüft abgeben", sagt Keil. So mussten sich die Tierschützer selbst einen Eindruck von der Pflegefamilie und ihrem Heim verschaffen.

"Und das Angebot war nicht klein - es kam eine ganze Flut an Mails von Leuten, die sich um die Tiere kümmern wollten. Wir mussten also die Mails aussortieren, die Pflegestellen überprüfen und die hiesigen Tiere versorgen."

"Die Tiere sind ihren Besitzern wichtig"

Über die letzten zwei Wochen habe das Tierheim die Masse an Anfragen und neu ankommenden Tieren bewältigen müssen. "Diese Situation war völlig neu für uns. Wir haben ja keinen Schlachtplan, nach dem wir uns in solchen Fällen richten können. Also mussten wir zusehen, dass wir schnelle Konzepte einrichten. Gleichzeitig wollten wir auch Kontakt mit den Besitzern halten", sagt die Tierheimleiterin.

Tiere aus der Ukraine im TH
Nach einer Überprüfung der Familie, werden viele Hunde provisorisch bei Karlsruhern untergebracht. | Bild: Tierschutzverein Karlsruhe und Umgebung e.V.

Die Tierbesitzer seien neben den Tieren selbst nämlich die eigentlichen Leidtragenden. "Wenn man mit einem Tier aus dem Kriegsgebiet flieht - über Tage und tausend Kilometer versucht, sich, die Familie und die Haustiere in Sicherheit zu bringen, dann ist das Tier einem schon sehr wichtig. Und dann wird es aus welchen Gründen auch immer weggenommen. Das ist nicht nur für Kinder ein harter emotionaler Schlag. Nicht einmal das Besuchen des Tieres ist immer möglich."

"Ich würde auch weinen"

Theoretisch sei es den Besitzern jederzeit gestattet, ihre vierbeinigen Familienmitglieder im Tierheim zu besuchen, doch häufig sind sie mehrere Hundert Kilometer von der Erstaufnahme entfernt. "Die Landeserstaufnahmestelle ist nun einmal auch hier in Karlsruhe. Wenn jetzt aber ein Ukrainer von hier aus in München oder Heidelberg untergebracht wird und dort keine Tiere erlaubt sind - sei es aus gesundheitlichen oder anderen Gründen - dann bleibt sein Tier bei uns", erklärt Keil.

Jungkatzen gehören zu den beliebtesten Zöglingen des Tierschutzvereins.
Auch Jungkatzen sind im Tierschutzverein untergekommen. | Bild: Tierschutzverein Karlsruhe und Umgebung

"Da viele kein Deutsch oder Englisch sprechen, wird es umso schwerer, den Weg ihrer Tiere nachzuverfolgen - oder gar sie zu besuchen. Deshalb arbeiten wir mit verschiedenen Hilfsorganisationen zusammen, die diesen Kontakt herstellen und erhalten", sagt die Leiterin des Tierschutzvereins.

Tiere aus der Ukraine im TH
Ein Hund konnte dank dem Tierschutzverein Karlsruher wieder mit seiner Besitzerin (r.) zusammengebracht werden. | Bild: Tierschutzverein Karlsruhe und Umgebung e.V.

Sobald sie an einem Ort untergebracht werden, wo Tiere erlaubt sind, dürfen sie ihre Vierbeiner auch wieder aufnehmen. Ein paar Leute seien schon hergekommen und konnten sich endlich wieder mit ihren Haustieren vereinen. "Das waren oft sehr emotionale, tränenreiche Szenen. Und ganz ehrlich: Ich würde auch weinen."

Eine viertägige Atempause

Mittlerweile habe sich die Lage aber wieder ein wenig entspannt. "Seit vier Tagen haben wir jetzt Ruhe vor Neuzugängen. Das heißt, wir können ein wenig durchatmen und uns verstärkt um die Tiere kümmern, die hier sind. Wir machen uns aber keine Illusionen, dass das so bleibt. Immerhin werden immer mehr Leute die Ukraine verlassen müssen, je länger der Krieg andauert", meint Keil.

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Der Gemeinderat führe schon jetzt Gespräche, dass die Flüchtlinge ihre Haustiere grundsätzlich behalten dürfen: "Doch auch, wenn sich das noch hinzieht, haben wir mittlerweile ein etwas belastbareres System. Wir haben die Kontakte zu den Pflegestellen registriert und durchorganisiert und wir verstärken die Arbeit mit Hilfsorganisationen. Für die Ankunft weiterer Tiere sind wir also fürs Erste gerüstet."