Vor Gott sind alle Menschen gleich, die Würde des Menschen ist unantastbar, alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Obwohl diese bekannten Zitate  eindeutig auf ein gleichberechtigtes Miteinander abzielen, sieht die Realität oftmals anders aus.

Flüchtlinge kommen in einer Flüchtlingsunterkunft an. In den Jahren 2015 und 2016 hatte Deutschland insgesamt mehr als 1,1 Millionen ...
Flüchtlinge kommen in einer Flüchtlingsunterkunft an. In den Jahren 2015 und 2016 hatte Deutschland insgesamt mehr als 1,1 Millionen Asylsuchende aufgenommen. | Bild: Swen Pförtner/dpa

Jüngstes Beispiel: Der Umgang mit Ukraine-Flüchtlingen im Vergleich mit Flüchtlingen aus Afghanistan oder Syrien. Der Punkt: Einige ka-news.de-Leser beanstanden, dass letztere deutlich häufiger diskriminiert werden und somit eine Spaltung erzeuge - quasi in "guter Flüchtling" und "schlechter Flüchtling". So tituliert es unter anderem auch die Wochenzeitung "Zeit".

"Wo bleibt die Herzlichkeit allen anderen gegenüber?"

Das Problem: Laut Facebook-User "Manuel" erhalte der Ukraine-Krieg durch die Gesellschaft und Medien deutlich mehr positive Aufmerksamkeit als es bei den Konflikten in den Jahren 2015/2016 der Fall gewesen sei: "Beim Krieg in Syrien, Yemen, Libyen, Afghanistan und so weiter hats doch auch keinen wirklich interessiert", schreibt er in den Kommentarbereich.

Derzeit nicht erfasst wird, wie viele Geflüchtete von Deutschland aus weiterreisen in andere Staaten. (Bild aus Berlin)
Derzeit nicht erfasst wird, wie viele Geflüchtete von Deutschland aus weiterreisen in andere Staaten. (Bild aus Berlin) | Bild: Hannibal Hanschke/dpa

An anderer Stelle schreibt eine Userin namens "Jas Mine": Was ist der Unterschied zwischen Ukrainern und allen anderen Kriegsflüchtlingen? Wo blieb oder bleibt die Herzlichkeit allen anderen gegenüber? Selbe gilt für Rassismus! Entweder ist man allen Wesen gegenüber empathisch oder man ist es nicht. Sich gewisse 'Favoriten' rauszupicken ist meiner Meinung nach Heuchelei."

Polizisten sprechen an der deutsch-österreichischen Grenze bei Passau mit Flüchtlingen aus Syrien. Foto: Sebastian Kahnert
Polizisten sprechen an der deutsch-österreichischen Grenze bei Passau mit Flüchtlingen aus Syrien. Archiv-Foto: Sebastian Kahnert

Zu diesen Aussagen gesellen sich wiederum auch Kommentare anderer User, die den Verdacht von "Manuel" und "Jas Mine" zu erhärten scheinen. So schreibt ein anderer User unter einen Artikel, der die Unterbringung der Ukraine-Flüchtlinge thematisiert: "Dann hoffen wir mal, dass es sich auch wirklich ausnahmslos um Ukrainer handelt."

Doch woher kommt diese Differenzierung zwischen den Flüchtlingen? Gibt es dafür eine Erklärung?

Vermutung: Europäer fühlen sich wegen "Ähnlichkeit" den Ukrainern näher

Wir stellen die Frage einer Diplom Psychologin aus Karlsruhe, Angela Diehl-Becker. Sie vermutet dahinter einen Grund, der sich mit dem Ausdruck "Ähnlichkeitsprinzip" am ehesten definieren lässt. Dieses löse das vermeintlich stärkere Verbundenheitsgefühl mit den Ukrainern aus. Durch die räumliche Nähe zu der Ukraine werde dieses zusätzlich verstärkt.

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"Ich denke, dass es damit zu tun haben könnte, dass Menschen aus Ukraine uns ähnlicher sind als Menschen aus Syrien. Also rein historisch, religiös und kulturell betrachtet. Das sind aber natürlich Vorurteile. Wir wissen ja eigentlich gar nicht, wie ähnlich uns diese Personen sind. Aber aus der Empfindung heraus, kann das durchaus der Fall sein", erklärt Diehl-Becker im Gespräch mit ka-news.de. "Außerdem fliegt man in die Ukraine vielleicht zwei Stunden. Damit ist die Gefahr für uns deutlich größer." 

Angela Diehl-Becker, Diplom Psychologin und Leiterin Studiengang BWL - Deutsch-Französisches Management an der DHBW Karlsruhe
Angela Diehl-Becker, Diplom Psychologin und Leiterin Studiengang BWL - Deutsch-Französisches Management an der DHBW Karlsruhe | Bild: DHBW Karlsruhe

Dass die Hilfsbereitschaft gegenüber Ukraine-Flüchtlingen grundsätzlich höher wäre als gegenüber syrischen oder afghanischen Flüchtlingen, widerspricht sie. "Es hat während der Flüchtlingswelle 2015/2016 auch eine große Hilfsbereitschaft  gegeben. Es gab nur auf der politischen Ebene nicht die Offenheit, die wir heute vorfinden", so die Expertin.

Solidarisch wegen Nachbarschaft und "gleicher Werte"

Diese politische Offenheit spricht auch die Integrationsbeauftrage der Stadt Karlsruhe, Meri Uhlig, an. Denn: Während Polen und Ungarn in den Flüchtlingswellen zuvor ablehnend reagiert haben, zeigen sich diese infolge des Ukraine-Krieges erstmals "solidarisch". 

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"Das liegt sicher an der historischen Erfahrung dieser Länder und auch daran, dass die Ukraine ein Nachbarland ist und auch viele Ukrainer schon lange in diesen Ländern leben. Diese Aufnahmebereitschaft ist auch in den anderen europäischen Ländern hoch: Es gibt eine andere Wahrnehmung und Haltung in der Bevölkerung der europäischen Länder zu den Vertriebenen aus einem ebenfalls europäischen Land – eben weil es Nachbarn sind – als gegenüber Menschen, die aus ferneren Ländern kommen, auch wenn dort eine ähnliche Zerstörung und Vertreibung passiert", so Uhlig auf Nachfrage der Redaktion.

Meri Uhlig
Bild: Meri Uhlig/ SPD Karlsruhe

Und noch ein Aspekt sei zu nennen: Auf Solidaritätsbekundungen, auch in Karlsruhe, gehe es den Menschen auch immer um die Verteidigung der Werte 'Demokratie und Menschenrechte.' "Man fühlt diese Werte, die auch unsere sind, viel bedrohter als je zuvor in der jüngsten Vergangenheit", so Uhlig weiter. 

Ein weiterer Aspekt, den sowohl Uhlig als auch Diehl-Becker ansprechen, ist, dass vermehrt Frauen und Kinder aus dem Land flüchten. Laut Uhlig liege der Anteil an geflüchteten Kindern bei rund 50 Prozent. 

Rassistische Beweggründe

All diese Punkte deuten darauf hin, dass die ukrainischen Flüchtlinge wohl tatsächlich eine gewisse Bevorzugung genießen. Dennoch, so die Integrationsbeauftragte, müsse unter diesen Umständen auch darauf geachtet werden, dass die Beweggründe nicht rassistisch geprägt seien. Hierfür kann Uhlig sogar ein konkretes Beispiel liefern:

"Eine afghanische Frau konnte nicht in Wohnraum vermittelt werden – der Vermieter wollte nur an Menschen aus der Ukraine vermieten. Mit dieser Haltung müssen wir nun umgehen und aufpassen, dass alle Schutzsuchenden gleich behandelt werden."

Blick auf die Fassaden von Wohnhäusern.
Blick auf die Fassaden von Wohnhäusern. | Bild: Nicolas Armer/dpa/Symbolbild

Trotz allem, so Uhlig, stellen solche Fälle die Ausnahme dar, Denn: Auch für Menschen aus Syrien, Afghanistan und Co. gebe es sehr wohl eine Willkommenskultur in Deutschland.

"Ich erinnere auch noch an die kürzliche Situation bei der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan, auch hier war die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung sehr hoch. Dennoch gibt es in Deutschland auch Ablehnung. Aber die kommt unserer Wahrnehmung nach nur von einer kleinen Minderheit".