Doch zuallererst muss geklärt werden: Wie genau wird die Angst ausgelöst? Laut Diehl-Becker ist die Erklärung für Angst aus psychologischer Sicht einerseits ein Basisgefühl, das allen Menschen von Natur aus angelegt ist. Andererseits werde Angst auch erlernt - zum Beispiel durch das Auflegen der Hand auf eine heiße Herdplatte. Das heißt: Angst wird auch durch Erfahrungen gewonnen.

Besonders schwere Kämpfe gibt es in der Ukraine um die Stadt Mariupol - humanitäre Organisationen bezeichnen die Lage dort als katastrophal.
Besonders schwere Kämpfe gibt es in der Ukraine um die Stadt Mariupol - humanitäre Organisationen bezeichnen die Lage dort als katastrophal. | Bild: Evgeniy Maloletka/AP/dpa

"Das ist für uns enorm wichtig, weil uns die Angst ja auch schützt. Hätten wir keine Angst, würden wir den ganzen Tag nur dumme Dinge machen", erklärt Diehl-Becker im Gespräch mit ka-news.de. So hätten zum Beispiel auch der Zweite Weltkrieg oder andere schreckliche Ereignisse dazu geführt, dass bis heute Nachwirkungen dieser Angst spürbar sind. 

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"Die Gefahr ist ja real, wir wissen nicht, was passiert. Aber das ist das eigentlich Entscheidende, weil dies zu einem Mangel an Einfluss auf die Situation führt. Die Menschen fühlen sich dann hilflos und ausgeliefert, weil sie nicht wissen, wie sie sich vor Krieg schützen sollen", so Diehl-Becker weiter. Kombiniert mit den drei oben genannten Krisen, die alle diese Hilflosigkeit auslösen, kann das zu psychischen Belastungen führen.  

Hamsterkäufe: Ein Zeichen der "Kontrolle"?

Doch damit nicht genug. Diese psychischen Belastungen können sich wiederum im Verhalten der Menschen widerspiegeln. Zum Beispiel bei den sogenannten "Hamsterkäufen": War es zu Corona-Hochzeiten noch das Klopapier, so ist aktuell das Speiseöl wohl zum begehrtesten Produkt infolge des Ukraine-Kriegs aufgestiegen.

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Letztendlich sei dieses "Hamstern" ein Anzeichen dafür, dass Menschen sich für einen eventuellen Katastrophenfall wappnen wollen. Aber auch, um ein Stück weit aus dieser Hilflosigkeit zu entfliehen und wieder "Herr der Lage" zu werden. "Die Menschen streben nach einer gewissen Sicherheit. Diese Sicherheit kann sich eben auch durch das Ansammeln von Vorräten manifestieren. Dieser Zustand des 'nicht wissen, was auf mich zukommt', nennt sich auch Ambiguität. Das heißt, wir versuchen damit, die Ambiguität zu reduzieren" erklärt die Psychologin.

Wegen der Hamsterkäufe ist vor allem Klopapier in einigen Supermärkten nicht mehr verfügbar.
Wegen der Hamsterkäufe ist vor allem Klopapier in einigen Supermärkten nicht mehr verfügbar. | Bild: Tom Weller/dpa

Auf die Frage, ob Menschen aus den Klopapier-Zeiten von vor zwei Jahren etwa nichts dazugelernt hätten, antwortet sie: "Dazu müssten wir viel mehr über solche Phänomene wie Hamsterkäufe reden. Sobald die Läden wieder aufgestockt hatten, war das Thema vom Tisch."

Keine "Hobby-Psychologie" betreiben

Ein weiteres Indiz dafür, dass die Menschen etwas gegen diese Ambiguität unternehmen möchten, ist der verstärkte Drang danach, zu helfen. Egal, ob durch Spenden oder durch das Anbieten von Unterkünften. "Um aus dieser 'Angststarre' oder dieser 'Hilflosigkeit' herauszukommen, empfinden viele den Drang, etwas zu tun. Etwas, das einem das Gefühl gibt, dass man Einfluss nehmen kann", sagt Diehl-Becker. Ihrer Vermutung nach helfe dies auch der eigenen Psychohygiene. Darunter versteht man Maßnahmen, die dem Schutz und dem Erhalt der psychischen Gesundheit dienen. 

Ein Mädchen aus der Ukraine sitzt in einem polnischen Flüchtlingslager in Medyka.
Ein Mädchen aus der Ukraine sitzt in einem polnischen Flüchtlingslager in Medyka. | Bild: Hector Adolfo Quintanar Perez/ZUMA Press Wire/dpa

In direktem Kontakt mit den Geflüchteten, zum Beispiel durch das Anbieten eines Schlafplatzes, mahnt die Psychologin: "Traumatisierte Personen gehören immer in Therapie. Niemand soll versuchen, als Hobby-Psychologe traumatisierte Personen zu heilen. Das geht einfach nicht."

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Stattdessen sollten Helfende, die ihre Räumlichkeiten zur Verfügung stellen, zu Verstehen geben, dass sie "da sind". "Wichtig ist, diese Personen nicht mit eigenen Erfahrungen zuzutexten. Vielmehr sollte zugehört, mit Augenkontakt Verständnis signalisiert werden. Immer wieder schauen, kann ich was tun, aber nicht aufdrängen", rät die Expertin. 

Tun, was einem selbst gut tut

Doch auch im sonstigen Umgang mit der Situation empfiehlt Angela Diehl-Becker: Tun, was einem selbst gut tut. Sei es durch das direkte Helfen oder durch andere Dinge wie beispielsweise Sport, Sonne tanken oder zu einer Demo gehen. Darum müssten Helfer sich selbst erst einmal bewusst werden, ob sie mit diesem direkten Kontakt umgehen können. 

Unseson: Fahrt in die Ukraine
(Archivbild) Das Karlsruher Hilfswerk "Uneson" bei einer ihrer Hilfsfahrten | Bild: Beatrix von Hartmann

"Das erfordert ein bisschen Selbstreflexion und Selbsterkenntnis. Aber grundsätzlich sollte man tun, was einem den Eindruck vermittelt, das eigene Leben wieder in die Hand nehmen zu können. Sich Rekreation-Inseln schaffen, um wieder Kraft zu tanken", sagt Diehl-Becker. Wer also sehr sensibel auf das Thema reagiere, müsse also nicht unbedingt darauf verzichten, aktiv bei der Flüchtlingshilfe mitzuwirken. 

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Spenden an die Kriegsflüchtlinge. | Bild: Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/dpa

"Wichtig ist, nichts in sich hineinzufressen"

"Vielleicht hilft es ja, sich mit den Menschen auszutauschen, darüber zu sprechen, was man aus der eigenen Sensibilität vermutet oder wahrnimmt. Zu sehen, wie andere damit umgehen. Ich denke nicht, dass jemand, der besonders sensibel ist, sich ausschließen sollte", so Diehl-Becker weiter. 

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Auf den oftmals gehörten Tipp, die Nachrichten nicht ständig zu verfolgen, entgegnet Diehl-Becker ähnlich: "Irgendein Selbstschutz ist schon sinnvoll, aber was das genau heißt, muss jeder selbst herausfinden. Wichtig ist aber, mit Personen des Vertrauens darüber zu reden und nichts in sich hineinzufressen."

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