Karlsruhe Karlsruher Bauexperte erklärt: 5 Maßnahmen, um Karlsruher Gebäude nachhaltiger zu machen

Fairtrade-Schokolade, nachhaltige Mode und E-Autos in der Garage - grüner leben ist im Trend. Auch in der Wohnungsbau-Branche ist das Thema Nachhaltigkeit inzwischen angekommen, sagt Professor Thomas Lützkendorf vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Er arbeitet aktuell mit zwei Fakultäten daran, die Bauprojekte der Fächerstadt nachhaltiger werden zu lassen. Wie das in Zukunft aussehen könnte - ka-news.de hat mit ihm gesprochen.

Seit dem Jahr 2000 bekleidet Professor Thomas Lützkendorf den Lehrstuhl für Ökonomie und Ökologie des Wohnungsbaus am KIT. Ein besonderes Ziel, das sich der 64 Jährige  gesteckt hat, ist eine Integration der Nachhaltigkeit in den Bau- und Gebäudebereich. Doch wie kann das gelingen?

"Ausgangspunkt der Diskussion sollte ein gemeinsames Verständnis des Begriffs 'Nachhaltigkeit' sein", erklärt er gegenüber ka-news.de. "Wir müssen genau definieren, was wir als ökologisch vorteilhaft beziehungsweise nachhaltig verstehen."

Thomas Lützkendorf (64). Professor für Ökonomie und Ökologie des Wohnungsbaus am KIT
Thomas Lützkendorf (64). Professor für Ökonomie und Ökologie des Wohnungsbaus am KIT | Bild: Karlsruher Institut für Technik

In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Institut für Normung (DIN) ist es Aufgabe des studierten Bauingenieurs, herauszufinden und zu beschreiben, welche technischen und funktionalen Anforderungen erfüllt werden müssen, damit ein Bau als "nachhaltig" gilt.

Dabei seien vor allem drei Komponenten entscheidend: Die ökologische, die ökonomische und die soziale Seite. Sowohl Bauherren als auch Architekten müssten bei zukünftigen Projekten jeden dieser Aspekte gründlich durchdenken.

1. "Natürliche Ressourcen müssen geschont werden"

Vom ökologischen Gesichtspunkt her gesehen gelte es vor allem, nachwachsende Rohstoffe sorgfältig zu nutzen. Dadurch soll eine Nutzung fossiler Brennstoffe und der Abbau natürlicher Ressourcen wie mineralische Rohstoffe oder Erze reduziert werden.

Eine ökologisch schonendere Alternative sei die Wiederverwendung bereits bestehender Ressourcen. "Bei der Modernisierung eines Hauses gilt es, so viele Rohstoffe wie möglich weiter zu nutzen." Eine solche Schonung des Baumaterials sei ebenso elementar wie Energieeinsparung und Emissionsminderungen.

2. "Graue Emissionen" verringern

Doch gerade diese beiden Faktoren seien nicht immer leicht in Einklang zu bringen - vor allem nicht bei Neubauten. "Damit ein neues Haus so energieeffizient wie möglich wird, benötigt man umso mehr Dämmstoffe oder Haustechnik", so Lützkendorf.

Günstige Gelegenheit: Wer seine eigenen vier Wände energetisch sanieren lässt, kann eine Steuerermäßigung bekommen.
Günstige Gelegenheit: Wer seine eigenen vier Wände energetisch sanieren lässt, kann eine Steuerermäßigung bekommen. | Bild: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/ZB

Deren Herstellung  verbrauche natürlich für sich selbst auch Energie und gebe Schadstoffe ab. "Der Aufwand an Ressourcen und die Wirkungen auf Umwelt und Klima, die mit der Herstellung von Bauprodukten für Neubau und Modernisierung entstehen, wird 'Graue Emission' genannt."

Und je mehr die Energieeffizienz und Schadstoffarmut eines Gebäudes sinkt, desto mehr steige also Energieverbrauch bei der Herstellung der Hilfsmittel. Dies sei laut dem Bauexperten ein weiterer Grund dafür, bestehende Ressourcen zu nutzen.

Ein Architekt müsse zukünftig auch diese "graue Emission" berücksichtigen und durchrechnen. "Es darf nicht passieren, dass wir die Umwelt durch den Bau und die Modernisierung eines umweltschonenden Gebäudes über Gebühr belasten", so der Bauingenieur. 

3. Bauen für ein Jahrhundert

Dennoch sei die möglichst Erhöhung von Energieeffizienz und Emissionsarmut nicht nur sinnvoll, sondern notwendig. "Ein Haus ist ein Objekt für 70, vielleicht auch 100 Jahre", meint der Professor. "In dieser Zeit belastet es die Umwelt nicht nur in seiner Nutzungsphase, sondern auch darüber hinaus."

Ein Gebäude in der Südstadt wird saniert (Bild: September 2019)
Ein Gebäude in der Südstadt wird saniert (Bild: September 2019) | Bild: Thomas Riedel

Schon allein aus diesem Grund müsse man längerfristig denken: Bereits in der Planungsphase müsse der komplette Lebenszyklus eines Gebäudes zu berücksichtigt werden: "Es wird Anforderungen geben, den CO2-Ausstoß noch drastischer zu senken", prognostiziert Lützkendorf. 

Seine Empfehlung daher an Karlsruher Bauherren? "Sich nicht auf die gegenwärtige Gesetzeslage beschränken, sondern sich - unter der Nutzung von Förderprogrammen - an erwartbaren Anforderungen kommender Generationen orientieren."

"Jedes Gebäude muss zukunftsfähig werden" 

Doch dies ist verständlicherweise keine leichte Aufgabe. "Natürlich weiß niemand so ganz genau, welche Rahmenbedingungen in 50 bis 100 Jahren vorherrschen werden. Deshalb müssen Neubauten und Modernisierungsvorhaben so entworfen werden, dass sie anpassbar, aufrüstbar und flexibel sind", so der Dozent. 

"Die Notwendigkeit, Bauten instand zu halten und zu modernisieren, werden künftig nicht mehr der Ausnahmefall, sondern Normalität sein. Denn jedes Gebäude muss zukunftsfähig werden." All diesen Aspekte liege jedoch auch ein finanzieller Aufwand zugrunde.

"Qualität muss man planen und bauen, aber genauso auch bestellen und bezahlen", so Lützkendorf. Konkret bedeute das: "Ein Finanzierungsplan muss Teil des nachhaltigen Bauens werden. Nachhaltigkeit und Flexibilität wirken sich bereits jetzt auf die Finanzierung aus. Genauso auf  Versicherungskosten und auch auf den Mietspiegel."

4. "Eine nicht nachhaltige Immobilie ist ein ökonomisches Risiko"

Somit hätten sowohl Eigentümer als auch Mieter Interesse daran, die Nachhaltigkeit eines Gebäudes zu wahren - wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. "Eine nicht nachhaltige Immobilie ist ein ökonomisches Risiko", sagt Lützkendorf.

Wer diesem entgehen möchte, müsse in Zukunft genau dokumentieren, welche Produkte verbaut wurden, wie der Energiebedarf einzuschätzen ist und dann als Verbrauch tatsächlich erfasst wurde. "Künftig werden nicht nur Wertermittler und Banken nach Angaben aus einer Hausakte fragen, auch wenn dies momentan noch Zukunftsmusik ist", so Lützkendorfs Einschätzung.

5. Die Luftqualität ist entscheidend

Was allerdings schon heute ausschlaggebend sei, sei die Wohnqualität. "Ein Zuhause muss, als Beitrag zur sozialen Qualität, vor allem Gesundheit, Behaglichkeit, Nutzerzufriedenheit und eine gute Raumluftqualität aufweisen können", wie Lützkendorf erläutert. Einerseits müssen Gebäude zur Vermeidung von Bauschäden und Energieverlusten luftdicht sein. Gleichzeitig müsse eine gute Luftqualität erreicht werden.

"Das ist kein Widerspruch! Die Lösung besteht im aktiven Lüften oder der Nutzung von Lüftungsanlagen", so der Experte. Die Raumluftqualität sei dabei auch von den Baumaterialien abhängig und welche Stoffe sie in die Luft abgeben - primär aber vom Verhalten der Bewohner: "Es ist möglich, aktive Lüftungssysteme zu installieren. Aber deren Herstellung bedeutet graue Emission, Kosten und Energieverbrauch. Alternativ könnten die Anwohner selbst lüften."

Und das sei ein wichtiges Beispiel für unterschiedliche Handlungsoptionen: "Es existieren viele gute Beiträge zu mehr Nachhaltigkeit durch den Einsatz von High-Tech-Lösungen", so Lützkendorf, "doch man könnte ähnliche Ergebnisse erzielen, indem man sein Verhalten an die Vorgaben der Nachhaltigkeit anpasst." Dies ist die soziale Seite der Nachhaltigkeit.

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