Es war das Jahr vor der Corona-Krise, als die Fridays for Future(FFF)-Bewegung die Weltbühne stürmte.  2019 war angefüllt von Bildern junger Menschen, die in allen Sprachen mehr Klimaschutz fordern. Es waren Bilder, die rund um den Globus für Aufsehen, Solidarität und Furore sorgten. 

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FFF Karlsruhe hat drei Hauptforderungen

So wundert es nicht, dass sich bereits in einer frühen Phase der Bewegung ein Ableger in der Fächerstadt formierte. Schon im Jahr 2019 stellte FFF Karlsruhe einige Forderungen an die Stadtverwaltung. "Wir haben drei kurzfristige Hauptanliegen", so der Mitorganisator der FFF-Niederlassung in Karlsruhe, Pawel Bechthold:

  1. die Ausrufung des Klimanotstandes in Karlsruhe nach dem Konstanzer Modell
  2. die Abschaltung von Block sieben des Rheinhafen-Dampfkraftwerks und
  3. die gesetzliche Verpflichtung von Umwelt- und Klimaschonung bei Bauprojekten.

Langfristig dienen diese Forderungen vor allem dazu "ein gerechtes CO2-Budget der Stadt Karlsruhe zu erreichen, um damit die vom Pariser Abkommen festgelegte 1,5 Grad-Grenze zu erfüllen", wie der 18 Jährige gegenüber ka-news.de erklärt. 

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Solche Forderungen wurden gerade in der Anfangsphase allerdings nicht immer positiv auf- oder ernstgenommen. Aus diesem Grund hat sich auch in Karlsruhe die Initiative "Scientists for Future" gegründet.

"Die Klimaklage hat uns in unseren Forderungen bestätigt"

"Wir wollen die Fridays for Future-Bewegung in ihren berechtigten Anliegen unterstützen und beraten", sagt Volker Stelzer im Gespräch mit ka-news.de. Der Nachhaltigkeitsforscher des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) ist Mitglied des Deutschlandbeirats der Scientists for Future-Gruppierung und außerdem Co-Leiter des Karlsruher Zweigs.

Volker Stelzer, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des KIT, Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse.
Volker Stelzer, wissenschaftlicher Mitarbeiter des KIT am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse. | Bild: KIT

"Immerhin werden die Freiheitsrechte der jüngeren Generation eingeschränkt werden, wenn keine Gegenmaßnahmen zur Klimaerwärmung ergriffen werden", so der 60 Jährige. Dies sei auch der Inhalt der Klimaklage, die Ende April vom Bundesverfassungsgericht angenommen wurde. "Die Klimaklage hat uns in unseren Forderungen, schneller zu handeln, bestätigt", sagt Bechthold.

"Wir wurden zwei Jahre lang ignoriert"

Gerade aus diesem Grund äußert Pawel Bechthold seine Bedenken, dass bisher nur eine von drei Forderungen der FFF-Karlsruhe bisher im Gemeinderat eine Umsetzung fand. "Gesellschaftlich haben wir einiges erreicht. Ich glaube unser größter Erfolg besteht darin, dass wir viele Menschen für den Klimaschutz sensibilisiert haben."

Das sei auch ein Grund warum, die Stadt Karlsruhe 2019 den Klimanotstand überhaupt erst ausgerufen hat. Denn: "die meisten Menschen wünschen sich mehr Klimaschutz", so Bechtholds Einschätzung. Aber: "Politische Erfolge konnten wir bisher eher weniger erreichen. Im Prinzip wurden wir zwei Jahre lang ignoriert." Doch stimmt das wirklich? Wie steht es um den Erfolg der drei Hauptforderungen von FFF Karlsruhe wirklich?

1. Forderung: Der Klimanotstand - Nur eine symbolische Handlung?

Obwohl die Stadt Karlsruhe den Klimanotstand - wie von FFF gefordert - ausgerufen hat, sieht Pawel Bechthold darin nur einen Teilerfolg: "Leider ist es bei der Ausrufung des Klimanotstands auch geblieben. Schneller und effizienter gehandelt wird dadurch nicht. Der Klimanotstand war für Karlsruhe mehr eine symbolische Handlung als alles andere. Das, was gemacht wurde, reicht nicht aus und geht teilweise sogar in die falsche Richtung."

Dieser Einschätzung stimmt Volker Stelzer allerdings nicht vollständig zu: "Ich sehe durchaus die ernsthaften Bemühungen, zumindest bei Teilen des Gemeinderats, was den Klimanotstand angeht. Meiner Meinung nach ist das nicht nur symbolisch."

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Doch wie äußert sich die Stadt Karlsruhe zu den Vorwürfen? Auf Anfrage bestätigte die Stadtverwaltung, die CO2 -Emissionen Karlsruhes bis 2030 zu um 58 Prozent reduzieren zu wollen und bis 2040 nach Möglichkeit völlig klimaneutral zu sein. Dafür sei allein im Jahr 2021 ein Budget von rund 20 Millionen Euro vom Gemeinderat bewilligt worden.

Dennoch sei die Reaktion der Politik auch nach Stelzers Ansicht nur bedingt optimal: "In der Politik müssen nach reiflicher Überlegung Kompromisse und Ausgleiche eingegangen werden. Das ist unter normalen Bedingungen auch richtig und sinnvoll."

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Das Problem, das der Dozent dabei sieht: "Das Klima hält sich nicht an Politik. Der Klimaerwärmung ist es egal, wer wie viel Geld und Personal aufwendet, sie wird sich in einer bestimmten Zeit vollziehen. Wir befinden uns in einem Wettlauf. Unser Aufbau eines energieeffizienten Systems muss schneller sein als die negativen Folgen der Klimaerwärmung."

2. Forderung: Genügt der Kohleausstieg bis 2030?

Auch aus diesem Grund drängt die FFF-Bewegung Karlsruhe auf einen schnelleren Kohleausstieg. "Wir sagen Nein zum Rheinhafen-Dampfkraftwerk und haben schon damals gefordert, dass Block 7 des Kraftwerks noch bis Ende 2019 abgeschaltet wird", fasst Pawel Bechthold die Forderungen zusammen.

Doch: Der Block ist bis heute in Betrieb. "Er soll irgendwann im Rahmen des bundesweiten Kohleausstiegs abgeschaltet werden, aber das wird nicht vor 2030 passieren." Ein Zeitplan, der vor dem Hintergrund der Klima-Katastrophe nicht ausreiche.

Das alte Elektrizitätswerk (links), der Energieberg (rechts) und das Rheinhafendampfkraftwerk (hinten) am Rheinhafen bei Karlsruhe.
Das alte Elektrizitätswerk (links), der Energieberg (rechts) und das Rheinhafendampfkraftwerk (hinten) am Rheinhafen bei Karlsruhe. | Bild: Carmele/TMC-Fotografie

Tatsächlich spricht sich auch die Stadtverwaltung für eine Abschaltung des siebten Kraftwerk-Blocks aus: "Die Stadt hat schon immer darauf gedrängt, dass nach der Inbetriebnahme von Block 8 des Rheinhafendampfkraftwerkes (RDK) der Block 7 stillgelegt wird", so eine Sprecherin der Stadt.

Da das Kraftwerk jedoch als Teil der EnBW nur dem Landkreis unterstellt ist, habe die Stadt selbst keinerlei Einfluss auf eine potenzielle Stilllegung. Volker Stelzer zeigt sich einem sofortigen Ausstieg aus der Kohle jedoch skeptisch: "Natürlich ist es wichtig, Alternativen zu fossilen Brennstoffen zu suchen. Auch in Bezug auf Fernwärme, die von diesem Kraftwerk abgegeben wird."

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Als Möglichkeiten nennen sowohl Stelzer als auch Bechtold Geothermie, Abwärme der Industrie und Wärme aus Bio-Abfällen. "Dennoch könnte ein sofortiger Abschaltung der Kohlekraftwerke Baden-Württembergs zu Energieengpässen führen. Ein konsequenter Ausstieg bis 2030 ist im Rahmen der CO2-Bilanz ein durchaus vertretbarer Vorschlag, sollte dann aber auch bis spätestens zu diesem Jahr vollzogen sein."

3. Forderung: "Keine umweltschädlichen Bauprojekte trotz Klimanotstand"

Die dritte kurzfristige Forderung der FFF-Bewegung in Karlsruhe schließlich sei die gesetzliche Verankerung von umweltfreundlichen Baumaßnahmen. Ein wichtiger Ansatz sei dabei die Nutzung von Solarenergie. "In ihrem Klimaschutzkonzept besteht die Stadt Karlsruhe zwar durchaus auf Solarenergie, aber im Gesetz festgeschrieben ist sie noch nicht", sagt Bechthold.

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Dies deckt sich auch mit den Aussagen der Stadtverwaltung, da eine Installation von Photovoltaikanlagen erst in einer nicht näher bestimmten Zukunft für Neubaugebiete verpflichtend sein sollen.

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Ebenso kritisiert Bechthold, dass trotz des ausgerufenen Klimanotstandes noch immer umweltschädliche Projekte in Karlsruhe verabschiedet würden. "Dass trotz der zugespitzten Lage noch immer solche Bauvorhaben genehmigt werden, ist für uns unvorstellbar!" Als Beispiel nennt der junge Vertreter von Fridays for Future die Südumfahrung Hagsfeld, die bereits vergangenes Jahr von Demonstranten als nicht klimaneutral kritisiert wurde.

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Ein Vorwurf den der Nachhaltigkeitswissenschaftler Volker Stelzer näher erläutert: "Durch die Herstellung der Baustoffe wird natürlich zusätzlich CO2 freigesetzt. Vor allem aber, ist die Umfahrung ein Ausbau der Infrastruktur für den Autoverkehr. Und mehr Verkehr bedeutet mehr Emission. Andererseits werden die Verbrennermotoren in Zukunft stark zurückgehen, sodass sich der CO2-Ausstoß zumindest teilweise relativiert."

Deutlich sinnvoller für eine klimaneutrale Infrastruktur wäre laut den Forderungen von Fridays for Future und auch Volker Stelzer ein Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel. Dieser sei auch von der Stadt befürwortet, die sich laut eigener Aussage zum Ziel gesetzt habe "kundenfreundliche Nutzungen zu ermöglichen, das Streckennetz zu erweitern und den Tarif attraktiv zu gestalten".

Das höchste Ziel der Fridays for Future-Bewegung

Über all diesen konkreten Forderungen schweben laut Pawel Bechthold jedoch zwei globale Ziele: Ein gerechteres CO2-Budget und Karlsruhes Beitrag zur 1,5 Grad-Grenze des Pariser Klima-Abkommens. "Der UN-Klimarat hat berechnet, wie viel CO2 noch ausgestoßen werden darf, bevor es zu Katastrophen kommt", wie auch Stelzer erklärt. Dabei sei man zu mehreren Ergebnissen gekommen.

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"Erstens, dass von Industrienationen sehr viel mehr CO2-Ausstoß geduldet wird als von Entwicklungs- und Schwellenländern. Darüber kann man sich wissenschaftlich gesehen natürlich kein moralisches Urteil bilden, aber als Person kann ich durchaus verstehen, wenn dies von manchen als ungerecht empfunden wird", sagt der KIT-Mitarbeiter.

Zudem sei bestimmt worden, dass sich das Weltklima im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter noch um ungefähr 1,5 Grad erwärmen darf, bevor es zu dramatischen Folgen für die Menschheit kommt. "Folgen, die nicht mehr rückgängig gemacht werden können."

"Der Schwarzwald wird brennen"

"Für die Erde ist die Klimaerwärmung keine Katastrophe", so Stelzers Prognose. Die drehe sich weiter, egal ob die Menschheit nun existiere oder nicht. "Doch für die Menschheit werden die Lebensbedingungen rapide fallen. Schon unsere Kinder werden mit Wasserknappheit und Missernten zu kämpfen haben."

Fridays For Future in Karlsruhe
Die erste Fridays for Future-Demo in Karlsruhe im März 2019. | Bild: Thomas Riedel

Und im Gegensatz zu anderen Krisen, wie etwa der Corona-Pandemie, könne man sich gegen die Auswirkungen der Klimaerwärmung nicht impfen, so Stelzer. Genauso wenig könne man einen zuvor herrschenden Zustand auch nur ansatzweise wiederherstellen.

"In heißeren Gebieten kam es beispielsweise schon zu großflächigen Waldbränden. Und auch der Schwarzwald wird eines Tages in Flammen stehen, sollten wir die Klimaziele nicht wenigstens in ihren Grundzügen erfüllen."

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