2009 hat Karlsruhe einen ersten Schritt in Richtung Klimafreundlichkeit gemacht: Ein erstes Klimaschutzkonzept wurde veröffentlicht. Im April 2020 wurde die Strategie erneut angepasst: Mit dem "Klimaschutzkonzept 2030" wurden 65 Maßnahmen festgelegt, die alle drei Ziele verfolgen:

  • Bis zum Jahre 2030 sollen die CO2-Emissio­nen im Stadt­ge­biet um mindestens 58Prozent - bezogen auf den Stand von 2010 ­- ab­ge­senkt werden. Das bedeutet gegenüber 2017 eine Minderung um ins­ge­samt mindestens rund 1,3 Millionen Tonnen CO2.
  • Bis zum Jahr 2040 soll Karlsruhe klimaneutral werden. Dafür soll der CO2-Ausstoß pro Kopf unter 0,5 Tonnen pro Jahr liegen.
  • Die Stadt­ver­wal­tung soll spätestens bis zum Jahre 2040 kli­ma­neu­tral sein.

Nun, zwei Jahre nach Veröffentlichung der neuen Klimastrategie, hat die Stadt Karlsruhe einen ersten Fortschrittsbericht zusammengestellt. Aber welche der angepeilten Klimaziele wurden im Jahr 2021 in der Fächerstadt wirklich erreicht - und welche nicht?

Zehn Millionen Euro für den Klimaschutz im Jahr 2021

2021 hat die Stadt Karlsruhe insgesamt zehn Millionen Euro für den Klimaschutz in die Hand genommen. Damit wurden von den insgesamt 65 in dem Klimaschutzkonzept aufgeführten Maßnahmen bis zum Ende des vergangenen Jahres sechs Projekte abgeschlossen:

  1. eine "Roadmap für eine Transformation (Defossilisierung) der Wärmeversorgung", das heißt: Für die Fernwärmeversorgung soll künftig keine Kohle mehr verwendet werden.
  2. der "Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung" im Rahmen der Fernwärmeversorgung
  3. der "Ausbau unterstützender Dienstleistungsangebote", das heißt: Die Beratung zum Thema Photovoltaik soll intensiviert werden.
  4. die Etablierung eines "Klimastammtischs" als Austauschformat
  5. die Etablierung des "Energienetzwerks Green IT" für Unternehmen aus dem IT- und Kommunikationsbereich sowie Forschungseinrichtungen mit einem hohen Stromverbrauch für den Betrieb von IT-Infrastruktur
  6. die Förderung des Fußverkehrs

Und was ist mit den übrigen 60 Projekten? Insgesamt 20 davon wurden laut Fortschrittsbericht im Jahr 2021 angegangen - eine gute Bilanz, allerdings mit Einschränkungen. Denn: Teilweise liegt der Abschluss dieser Maßnahmen noch mehrere Jahre in der Zukunft.

So ist etwa die Verlängerung der Tramlinie 2 nach Knielingen im Rahmen des verstärkten Ausbaus des Nahverkehrs bereits im November 2020 fertiggestellt worden, doch fünf weitere Streckenerweiterungen befinden sich aktuell noch in der Planung. Die Verlängerung der Tramlinie 1 nach Kirchfeld Nord wurde gar aufgrund eines "ungewissen Zeitplans" zurückgestellt.

Dateiname : Alle Maßnahmen der Stadt Karlsruhe zum Klimaschutz im Katalog
Dateigröße : 555533
Datum : 30.05.2022
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Alle Maßnahmen der Stadt Karlsruhe zum Klimaschutz im Katalog

Auch der Ausbau des Fernwärmenetzes nach Rüppurr und Rheinstetten ist bereits erfolgt. An die Fernwärme angeschlossen sind jedoch noch nicht alle Haushalte. Hier rechnet die Stadt damit, dass das Ziel, insgesamt 45.000 Wohnungen an die Fernwärme anzuschließen, erst im Jahr 2025 erreicht wird.  

Viele Projekte stecken noch in den Kinderschuhen

Damit bleiben insgesamt 39 Maßnahmen übrig, die noch nicht oder nur in der Planung angegangen wurden. Dazu gehört beispielsweise die Nutzung von Geothermie in Karlsruhe oder die Verdopplung des ÖPNV-Angebots - beide Projekte befinden sich bis 2023 noch in der Datenauswertungsphase.

Vorhaben wie die bessere Vernetzung von Unternehmen, die mehr für den Klimaschutz tun wollen, Digitalisierungen oder Energiekonzepte stecken hingegen noch ganz in den Kinderschuhen. Hier werden laut Fortschrittsbericht noch Vorüberlegungen getroffen.

Wie sich die Maßnahmen auf das Klima auswirken, weiß niemand 

Es zeigt sich: Karlsruhe ist beim Thema Klimaschutz seit Beschluss des Klimaschutzkonzeptes schon einen Schritt weitergekommen. Doch bei allen Erfolgen im Bereich der Klimaschutzmaßnahmen gibt es jedoch ein großes Problem: Wie positiv oder negativ sich die Maßnahmen letztendlich auf das Karlsruher Klima auswirken, kann nicht gemessen werden,

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Denn: Dafür müssten verschiedene digitale Messungstools zur Verfügung stehen. Mit der jetzigen Messungssoftware der Stadt sei es allerdings nur möglich, "die gesamten energiebedingten Treibhausgasemissionen aus dem Stadtgebiet von Karlsruhe" nachzuvollziehen, erklärt die Stadt in ihrem Fortschrittsbericht.

Wie viele Emissionen effektiv durch die Maßnahmen eingespart werden, könne man derzeit nicht nachvollziehen, denn: "Dazu existiert auf dem deutschen Markt keine Software." Auf dem europäischen Markt sei man daher aktuell noch auf der Suche nach einer Messungssoftware.

Der BUND ist unzufrieden mit den Maßnahmen

Ein weiteres Problem: die Corona-Krise. Laut der Stadtverwaltung hat die Pandemie die Umsetzung der Klimaschutzmaßnahmen deutlich in den Hintergrund gedrängt: "Die Zeit nach dem Beschluss des Klimaschutzkonzeptes 2030 war stark beeinflusst durch die Corona-Krise. Der Bereich Klimaschutz und Wirtschaft wurde sowohl aus Personalmangel als auch wegen der Corona-Krise zurückgestellt, da viele Betriebe mehr mit Existenzsorgen als der Frage einer CO2-Reduktion befasst waren", lautet die Einschätzung im Fortschrittsbericht.

Harry Block, Informatiker und Mitglied der Klimaschutzorganisation BUND Karlsruhe.
Harry Block, Vorstandsmitglied der Klima- und Naturschutzorganisationen BUND Karlsruhe und BUND Oberrhein. | Bild: Block

Nur einige komplett umgesetzte Maßnahmen und wenig konkrete Messdaten: Die Umsetzung des Klimaschutzkonzeptes in Karlsruhe hat an vielen Stellen noch Verbesserungspotential - oder? Einer, der es wissen muss, ist Harry Block, Vorstand des Bundes für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) Karlsruhe. Er ist der Ansicht: Die Stadt tut immer noch zu wenig für das Klima.

"Vieles ist einfach unzureichend und nicht zu Ende gedacht. Von eineinhalb Milliarden Euro Haushaltsgeld werden nur ein bis zwei Prozent für den Klimaschutz aufgewendet", erklärt der BUND-Vorstand im Gespräch mit ka-news.de.

"Es fehlt die Konsequenz"

Block war bis 2005 ein Stadtrat der Grünen-Fraktion und habe nach eigenen Angaben die Klimaschutzmaßnahmen auch nach seinem Austritt akribisch verfolgt sowie viele Gespräche mit Amtsträgern und Stadtmitarbeitern zum Thema geführt. "Vieles ist hier nicht zu Ende gedacht oder zu langsam. Geothermie zum Beispiel wird in Mannheim bereits zur Fernwärme genutzt. Karlsruhe ist noch bei der Datenauswertung."

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Auch beim Thema Defossilisierung ist der BUND-Vorstand nicht zufrieden. Der Grund: Diese werde von der Energie Baden-Württemberg AG (EnBW) unter anderem durch das Verbrennen von Plastik kompensiert.

"Dadurch entstehen im Jahr fünf Millionen Tonnen CO2. Aber die Stadt nimmt kein Geld in die Hand um daran etwas zu ändern. Die zehn Millionen Euro, die 2021 aufgewendet wurden, reichen allenfalls für ein paar Solaranlagen - und auch da fehlt Konsequenz."

"Es fühlen sich einfach zu Wenige verantwortlich"

Das Problem dabei: "Die meisten der Maßnahmen bleiben am Karlsruher Amt für Umwelt hängen", meint Block. Wo das Amt nicht eingebunden ist, blieben die Anstrengungen beim Thema Klimaschutz daher auf ein Minimum beschränkt. Ein Beispiel: der BBBank Wildpark. "Dafür ist nicht nur genug Geld da, sondern es bleiben auch viele Flächen ungenutzt, obwohl sie sich bestens für Solarzellen eignen würden", so Block.

Rundgang KSC-Baustelle am 8. März
Einige Solarzellen werden am BBBank Wilpark angebracht. Doch zu wenige, findet Harry Block. | Bild: Thomas Riedel

Dass insgesamt bisher nur wenige der geplanten Klimaschutzmaßnahmen umgesetzt worden sind, ist für den Umweltschutz-Experten nicht tragbar. "Es fühlen sich einfach zu Wenige zu wenig verantwortlich", meint Block dazu.

"Es werden immer neue Ausreden gefunden"

"Und es werden immer neue Ausreden gefunden, um das Klima hintanzustellen. Diesmal war es Corona. Ich könnte mir vorstellen, dass es beim nächsten Mal der Ukraine-Krieg und die dadurch unterbrochenen Lieferketten sind. Jedenfalls befürchte ich stark, dass auch der Klimaschutz des Jahres 2022 nicht angemessen umgesetzt wird", so Block.

Denn: Mit dem Fortschrittsbericht hat die Stadtverwaltung gleichzeitig auch die Klimaschutzmaßnahmen für 2022 und 2023 geplant. Und hier zeigt sich: Finanziell soll deutlich mehr aufgewendet werden als noch im vergangenen Jahr. So sollen 2022 insgesamt 23 Millionen Euro für den Klimaschutz ausgeben werden, 2023 sollen es sogar schon 31 Millionen Euro sein.

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Ob diese Planung so tatsächlich umgesetzt wird, ist allerdings noch nicht sicher, denn zuerst muss der Karlsruher Gemeinderat am Dienstagabend Budget und Maßnahmen noch zustimmen. ka-news.de wird das Ergebnis im Anschluss an die Abstimmung hier veröffentlichen.