Kohlekraft gehört der Vergangenheit an - das meinen zumindest einige Vertreter einer Generation, die die Zukunft erleben werden. Eine Ansicht, die die Energie Baden-Württemberg AG (EnBW) teilweise bestätigte. Zugunsten des Klimaschutzes kündigte sie an, den siebten Block des von ihr betriebenen Rheinhafen-Dampfkraftwerks in Karlsruhe bis zur Jahresmitte 2022 herunterzufahren.

Dies geschah jedoch noch 2021. Nun, wo ein kaum vorhergesehener Krieg auf dem europäischen Kontinent ausgebrochen ist, haben sich die Gegebenheiten verschoben.

Bleibt Block 7 weiterhin am Netz?

Die Preise für Strom, Gas, Kohle, Benzin und einige andere energetische Ressourcen sind in den letzten zwei Monaten teils moderat, teils drastisch angestiegen. Grund genug also, die Entscheidung, das RDK7 herunterzufahren, noch einmal zu überdenken? Die AfD-Fraktion im Karlsruher Gemeinderat vertritt die Ansicht, dass Block 7 in diesen Zeiten wichtig für die Stabilität der Energieversorgung in Karlsruhe sei und brachte im April einen entsprechenden Antrag vor den Gemeinderat.

Der Kohle-Kraftwerksblock 7 im Karlsruher Rheinhafen soll bald stillgelegt werden.
Der Kohle-Kraftwerksblock 7 im Karlsruher Rheinhafen sollte 2022 stillgelegt werden. | Bild: Daniel Maier-Gerber/EnBW/dpa

Ob der Block bestehen bleibt oder nicht, habe die Stadt laut eigener Aussage aber nicht zu entscheiden. Das obliege in erster Linie der EnBW selbst. Eine Nachfrage der ka-news.de-Redaktion dort ergab jedoch: Auch der Energieversorger zeigt sich angesichts der aktuellen Situation unsicher.

"Wir reflektieren die Schließung von Block 7 aufgrund der aktuellen Lage neu. Wir sind hier im engen Austausch mit den politischen Entscheidungsträgern", so eine Sprecherin des Unternehmens.

"Die bisherige Kohle kam aus Russland"

Verbindliche Angaben, in welchem Stadium sich dieser Reflexionsprozess befinde, könnten derzeit nicht geäußert werden. Nichtsdestotrotz wirft der Weiterbetrieb des Kohlekraftwerks einige Fragen auf, etwa von woher die Kohle bezogen wird. "Bei der EnBW stammten 2021 im Bereich der Steinkohle von rund 4,2 Millionen Tonnen knapp 3,6 Millionen Tonnen aus Russland", so die Sprecherin.

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Weil aber sehr viele Handelsbeziehungen mit Russland kriegsbedingt aufgelöst werden, bestehe die Gefahr eines Rohstoffengpasses. Allerdings habe die EnBW sich bereits vor dem Angriffskrieg nach neuen Handelspartnern umgesehen: "Wir sind gerade dabei, die Beschaffung aus alternativen Bezugsländern zu beschleunigen. Daher halten wir die Situation auch bei einem potenziellen Ausbleiben russischer Kohlelieferungen für kontrollierbar", so die Sprecherin.

Wirtschaftlichkeit über Nachhaltigkeit?

Neue Handelsrouten für Steinkohle sollen derzeit also geprüft werden. "Potenzielle Handelspartner sehen wir dabei in Kolumbien, Südafrika und USA und weitere Beschaffungsoptionen aus Australien, Afrika und Asien", erklärt die EnBW weiterhin. Die Versorgung sei laut EnBW also durch andere Partner zu gewährleisten. Wirtschaftlichkeit ist natürlich nicht der einzige Faktor, der bei einer Weiterführung des RDK7 Gewicht hat.

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Immerhin waren es in erster Linie Nachhaltigkeit und Klimaschutz, die die EnBW nach eigener Aussage zu einer Abschaltung des Kohlekraftwerks bewogen haben. Entsprechend reagieren einige Umweltschutzorganisationen sowie die Karlsruher Fraktion der Grünen mit großer Enttäuschung auf die Möglichkeit, dass das Dampfkraftwerk doch noch weiter bestehen könnte.

"Die Versorgungssicherheit hängt nicht vom RDK7 ab"

"Ja, der Ukrainekrieg verlangt eine Neubewertung der Situation, doch eine Weiterführung des Kohlekraftwerks kann nicht die Lösung sein", sagt etwa Hartmut Weinrebe, Sprecher des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (Bund) in Karlsruhe, gegenüber ka-news.de.

"Wir gehen davon aus, dass die Versorgungssicherheit beim Strom durch eine Stilllegung von RDK7 nicht verschlechtert wird", ergänzt Aljoscha Löffler, Stadtrat der Grünen-Fraktion, auf Nachfrage der Redaktion.

Aljoscha Löffler, Stadtrat der Grünen-Fraktion Karlsruhe.
Aljoscha Löffler, Stadtrat der Grünen-Fraktion Karlsruhe. | Bild: Grüne Karlsruhe

Auch Fridays for Future Karlsruhe äußert sich zu der Debatte: "Unserer Meinung nach sollte der Ukraine-Krieg nicht gegen die Klimakrise ausgespielt werden", meint Pawel Bechthold stellvertretend für die Klimabewegung zu diesem Thema. "Wir müssen sehr schnell von fossilen Energieträgern unabhängig werden. Daher sollte der Fokus auf dem Ausbau von Photovoltaik, Wind und auch besonders hier in der Region auf Geothermie liegen."

Pawel Bechthold (18), Mitorganisator der Fridays for Future Bewegung Karlsruhe.
Pawel Bechthold, Mitorganisator der Fridays for Future Bewegung Karlsruhe. | Bild: Karsten Killian

"Die EnBW hat überhaupt kein Klimakonzept"

Es sei also ein Rückschritt, die Kohlekraft aufgrund der Unsicherheiten des Krieges weiter zu betreiben. Allerdings kein Unerwarteter, wie Hartmut Weinrebe vom Bund erklärt: "Die EnBW hat überhaupt kein Klimakonzept. Seit Jahren pocht der Bund darauf, dass sie der Öffentlichkeit eines vorlegen, doch sie haben nie darauf reagiert. Hier in Karlsruhe sind wir immer noch von Kohle abhängig. Und das wurde vom Krieg nicht erst ausgelöst, sondern nur akzentuiert."

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Dem widerspricht die EnBW auf Nachfrage von ka-news.de deutlich: "Wir fühlen uns dem Pfad der Energiewende und dem vollständigen Ausstieg aus der Kern- und Kohleenergie bis 2035 sowie dem Ausbau der erneuerbaren Energien verpflichtet und wollen bis zu diesem Jahr völlig CO2-neutral werden", so die Sprecherin.

Hartmut Weinrebe, Regionalgeschäftsführer des BUND Mittlerer Oberrhein.
Hartmut Weinrebe, Regionalgeschäftsführer des BUND Mittlerer Oberrhein. | Bild: BUND

"Sollte es in den weiteren Entwicklungen als Folge des Kriegs in der Ukraine erforderlich sein, Maßnahmen zugunsten der Versorgungssicherheit zu prüfen, wollen wir alle Möglichkeiten offen halten". sagt sie weiter. Ein Umstand, den Weinrebe eher verurteile:

"Bis 2035 sind es noch 13 Jahre und die EnBW hat sich hier in Karlsruhe wenig bis gar nicht in Richtung Kohleausstieg bewegt. Den Krieg als verlangsamenden Umstand vorzuschieben, halte ich für inakzeptabel."

"Wir haben Putins Krieg mitfinanziert"

Etwaige soziale Folgen, die die Kohlekraft mit sich bringt, müsse man dabei schließlich auch berücksichtigen. "Die EnBW hat ihre Kohle jahrzehntelang aus Südamerika bezogen. Aufgrund von Menschenrechtsverletzungen hat sie diese Handelsverbindungen aber abgebrochen und sich nach Russland gewandt. Lange Jahre wurde Kohle als Energieressource aus Russland importiert. Und indem Karlsruhe diese Energie genutzt hat, haben wir Putins Krieg mitfinanziert", erklärt Weinrebe.

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Jetzt, wo neue Abkommen mit Ländern wie Kolumbien verhandelt werden sollen, sei die Einhaltung von Menschenrechten bei der Ressourcengewinnung wieder in Zweifel gezogen. "Energiegewinnung, bei der alle Menschenrechte gewährleistet werden können, findet sich nun einmal am ehesten bei erneuerbaren Quellen", so Weinrebe. Sonne, Wind, Geothermie und Wasserstoff seien immerhin rund um die Welt in rauen Mengen vorhanden.