"Wir waren überglücklich, als die Anbindung an die Linie 2 der Straßenbahnen 2020 auch bei uns in Knielingen eröffnet werden konnte", sagt der anonyme ka-Reporter. "Wir leben sehr nahe an der Haltestelle 'Sudetenstraße' und haben uns entsprechend über die Verkehrsanbindung gefreut und haben zunächst auch gar nicht mit Lärmbelästigung gerechnet. Immerhin steht im Planfeststellungsbeschluss der neugebauten Linie explizit, dass die VBK sich dazu verpflichtet, sie zu verhindern."

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Tatsächlich werde im zum Ausbau der Linie 2 gehörigen Planfeststellungsbeschluss von 2017 explizit darauf hingewiesen, dass "die einvernehmlich zwischen der VBK, der Straßenverkehrsbehörde der Stadt Karlsruhe Streckenhöchstgeschwindigkeiten aus schalltechnischen nicht überschritten werden dürfen." Ebenso dass "Benetzungsanlagen nach dem Stand der Technik einzubauen", sind um die Lärmbelästigung auszudünnen.

"Es ist eine Qual, so zu leben"

"Bisher hat aber nichts von beidem ein merkliches Resultat erzielt - sofern es überhaupt eingehalten wurde", sagt der ka-Reporter. "Aber wir haben davon nicht wirklich etwas mitbekommen, denn seit der Eröffnung im November 2020 waren wir praktisch konstanter Lärmbelästigung ausgesetzt. Alle zehn Minuten scheppert eine Vierzig-Tonnen-Bahn an unserem Zuhause vorbei, wir hören das schrille Quietschen und spüren die Erschütterung im Erdreich."

Video: Melissa Betsch

An so ein Beben könne man sich als Anwohner nur sehr schwer bis gar nicht gewöhnen - immerhin sei dies mit einem Gefahreninstinkt verbunden. "Es ist eine Qual, so zu leben, besonders wenn man den Kreisel aus Beton bedenkt, in den die Sudetenstraße mündet. Der Beton leitet die Erschütterungen nämlich optimal weiter. Ruhe haben wir eigentlich nur, wenn es regnet, da die Schienen dann nass sind und die Bahnen besser gleiten", meint der ka-Reporter.

Schienensituation in Knielingen
Der Betonkreisel nimmt die Erschütterungen auf und leitet sie weiter. | Bild: Melissa Betsch

Dies sei eigentlich die Aufgabe der angekündigten Befeuchtungsanlage. Doch die sei nach der Fertigstellung den ganzen Winter 2020 über ausgeschaltet geblieben. "Davon stand nichts im Feststellungsbeschluss. Als wir die VBK fragten warum, hieß es 'aus Frostschutzgründen, damit die nassen Schienen nicht gefrieren'. Frostschutzmittel oder beheizte Flüssigkeit gehen laut VBK aus Umweltschutzgründen auch nicht. Das alles ist fadenscheinig, wie ich finde", so der ka-Reporter weiter.

Bewässerungsanlage defekt, obwohl sie nie zum Einsatz kam?

"Wann hat es in Karlsruhe das letzte Mal wirklich über längere Zeit Minusgrade und Frost gegeben? Wie oft war es im November noch 20 Grad? Bestimmt hätte man das Problem auch durch einen Temperatursensor lösen können, aber so etwas wurde gar nicht erst angebracht. Im Frühjahr kam ein Mitarbeiter der VBK um die Sensoren mit einem Hebel zu aktivieren. Das halte ich persönlich nicht für den versprochenen 'Stand der Technik'", sagt er.

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Als der Frühling nun kam und die Anwohner auf ein wenig Ruhe hofften, sei es zum nächsten Eklat gekommen. "Im März 2021 wurde uns von den Verkehrsbetrieben mitgeteilt, dass die Benetzungsanlage kaputt sei. Sie kam bis zu dieser Nachricht nie zum Einsatz. Erst Ende April, Mitte Mai wurde sie dann endlich in Gang gesetzt. Allerdings kam da auch schon das nächste Problem auf", so der ka-Reporter.

"Für ein Millionen-Euro-Projekt finde ich das lächerlich"

Die Benetzungsanlagen sprühten zwar Wasser, doch das dazugehörige System habe in Zusammenspiel mit dem Takt der Bahnen nur unzureichend funktioniert. "Bei den Bahnen gibt es nämlich sehr wohl Sensoren. Die lösen die Benetzungsanlagen aus, sobald eine Bahn an der Haltestelle 'Sudetenstraße' ankommt. Das Problem ist nur, dass die Sprinkler das Wasser nur mit wenig Druck auf die Schienen sprühen", erklärt der ka-Reporter.

Schienensituation in Knielingen
Selbst leicht befeuchtete Schienen sind nicht vor Reibungslauten gefeit. | Bild: Melissa Betsch

"Das heißt, bis sie feucht genug sind, um die Bahn ohne Lärm und Beben fahren zu lassen, ist die Bahn schon wieder los. Natürlich mit entsprechend geräuschvoll. Und bis die nächste Bahn 10-Minuten später kommt, ist der Wasserfilm auf den Schienen schon wieder verdunstet - gerade im Sommer. Ganz im Ernst, für so ein Millionen-Euro-Projekt finde ich so etwas lächerlich. Gerade wenn man bedenkt, wie viele Gutachter im Vorhinein mit der VBK zusammengearbeitet haben."

"Als das Vergussmaterial geschmolzen ist, hatten wir die schönste Zeit"

Sicherlich seien viele der beschriebenen Probleme dadurch zu abzumildern, dass die Geschwindigkeit der Bahnen begrenzt werde - doch auch hier sieht der ka-Reporter kaum ein Entgegenkommen der VBK: "Manche Bahnfahrer nehmen die Kurven und Halte recht sanft. Andere wiederum rasen regelrecht um die Ecke des Kreisels bei der Sudetenstraße. Besonders nachts ohne Fahrgäste kommt das häufig vor", so seine Ausführungen.

Video: Melissa Betsch

"Einige Anwohner haben auch schon bei den VBK angefragt, ob nicht dagegen vorgegangen werden kann. Als Antwort kam zurück, dass die Geschwindigkeitsübertretungen der Bahnen manchmal geduldet werden, sofern keine Gefährdung dadurch entsteht. Der Zweck des Ganzen ist angeblich, dass die Fahrer eine längere Raucherpause haben können." Die Lärmbelästigung sei also bis ins Jahr 2022 ungehindert weitergegangen. "Die schönste Zeit war für uns, als im Juli 2021 das Bitumen der Schienen geschmolzen ist und die Bahnen nicht fahren konnten."

Regierungspräsidium bestätigt den Fall

Nach dem sich also auch nach zwei Jahren und verschiedensten Beschwerden keine Besserung abzeichnete, habe  der ka-Reporter gemeinsam mit einigen ebenso betroffenen Nachbarn rechtliche Schritte eingeleitet. "Wir schalteten einen Anwalt ein, der sich mit den VBK in Verbindung gesetzt hat. Allerdings wurde er von ihnen mit einer Mail mit zwei Sätzen abgefrühstückt. Also wanden wir uns als Nächstes an das Regierungspräsidium", so die weitere Erklärung des ka-Reporters.

Schienensituation in Knielingen
Bild: Melissa Betsch

Das Regierungspräsidium bestätigt hierbei die Beschwerde um den erklärten Sachverhalt, fügt jedoch an, dass das Ausschalten der Benetzungsanlagen im Winter planmäßig sei. Dennoch sei das Regierungspräsidium bereit, mittels einer ihm unterstellten Planungsbehörde "steuernd einzugreifen", wie ein Sprecher gegenüber ka-news.de bestätigt.

VBK hält sich bedeckt

"Zunächst hat das Regierungspräsidium der VBK meines Wissens eine Frist bis zum 28. Februar gegeben, um eine Lösung für das Problem von Lärm und Erschütterungen anzubieten. Diese Frist wurde noch einmal bis zum 18. März verlängert und es ist immer noch nichts passiert", sagt der ka-Reporter. "Nun kündigte die VBK einen Vor-Ort-Termin in der Sudetenstraße am 11. April an, um ihre gefundenen Lösungen vorzuschlagen."

Dateiname : Planfeststellungsbeschluss 2017 für Ausweitung der Linie 2
Dateigröße : 714894
Datum : 04.04.2022
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Planfeststellungsbeschluss 2017 für Ausweitung der Linie 2

Bei diesem Vor-Ort-Termin sollen die Geschäftsführung sowie ein Vertreter der Stadtverwaltung zugegen sein. "Ich kann nur hoffen, dass dann auch eine Lösung gefunden wird", schließt der ka-Reporter. Die VBK selbst möchte sich nach eigenen Angaben nicht vor dem 11. April zu diesem Thema äußern.