Mittlerweile demonstriert das Karlsruher Klimacamp bereits 32 Tage im Panorama des Schlossgartens für Umweltschutz. Es war eine Prämisse des Protestcamps, dass seine genauen Ziele während seines Bestehens erarbeitet werden. Aus zahlreichen Diskussionen mit den verschiedensten Gesprächspartnern hätten sich dabei eindeutige Ziele herauskristallisiert, wie einige seiner Pressevertreter berichten.

Klimacamp Juni
Bild: Lars Notararigo

"Die Grundlagen unserer Forderungen sind die Ergebnisse des Weltklimarates IPCC sowie verschiedener Einflüsse anderer Klimaschützer. Zum Beispiel Fridays for Future, Greenpeace oder das Klimakollektiv", berichtet Annika Kelber, eine von drei Rednern, die die Forderungen am Marktplatz verkünden. "Alle unserer Anliegen zielen auf die Einhaltung des 1,5 Grad Ziels ab, wie es bereits vor vier Jahren wissenschaftlich festgelegt wurde."

Klimacamp Karlsruhe
Luca Golea, Simon Völker und Annika Kelber (v.l.). | Bild: Lars Notararigo

Auf drei Hauptforderungen legen die Mitglieder des Klimacamps dabei besonderes Augenmerk. Forderungen, die sowohl auf ökologischer, wirtschaftlicher als auch auf gesellschaftlicher Ebene zu tief greifenden Veränderungen aufrufen. "Wir haben noch Zeit, um zu handeln", so die dortige Sprecherin des Klimacamps, Annika Kelber. Doch damit schlimmere Folgen der Erderwärmung ausblieben, müsse auch gehandelt werden.

1. Forderung: Das CO2-Budget einhalten

"Wir fordern, dass das CO2-Budget, also die maximale Emissionsmenge, die Karlsruhe dürfte ausstoßen dürfte um  die 1,5 Grad-Grenze nicht zu überschreiten auch eingehalten wird", so Simon Völker, Ansprechperson und Redner für das Karlsruher Klimacamp bei dieser Veranstaltung.

Klimacamp Karlsruhe
Simon Völker, Aktivist und Redner während der Verkündung der Klimaschutz-Forderungen. | Bild: Lars Notararigo

"Bisher hat sich Karlsruhe zum Ziel gesetzt, dazu beizutragen, dass sich das Weltklima bis 2050 klimaneutral zu werden. Das ist für das 1,5-Grad Ziel allerdings völlig unzureichend! Wir fordern Klimaneutralität Karlsruhes bis 2030, denn so ist ein gerechter Beitrag der Fächerstadt zum 1,5-Grad", kritisiert Völker. Dazu solle Karlsruhe seine finanziellen Mittel vor allem in umweltentlastende Projekte fließen lassen.

Das könnte Sie auch interessieren

"Doch statt das Klimakonzept auszufinanzieren, werden noch weitere ökologisch schädliche Projekte bewilligt", meint Simon Völker, "Obwohl 50 Prozent des Karlsruher Strombedarfs durch Photovoltaikanlagen gedeckt werden könnten, wird das Rheinhafen-Dampfkraftwerk noch immer mit Kohle betrieben. Obwohl eine Mobilitätswende überfällig ist, wird die Infrastruktur für Autos in Form der Rheinbrücke noch weiter ausgebaut!"

2. Forderung: Ein lebenswertes, klimafreundliches Karlsruhe

Diese Mobilitätswende sei auch Teil der zweiten Forderung der Aktion Klimacamp. "Autos - auch E-Autos - belasten die Umwelt durch schädliche Emissionen und toxische Abfallprodukte. Zusätzlich nehmen sie Platz weg und verbringen die meiste Zeit ihrer Nutzungsphase stehend", so Völker. Dies sei langfristig für den Klimaschutz nicht tragbar, weshalb die Vertreter des Camps "eine sofortige Mobilitätswende zu einer autofreien Innenstadt und einem ausgebauten, kostenlosen öffentlichen Personen-Nahverkehr fordern".

Das könnte Sie auch interessieren

Im Zuge dieser autofreien Innenstadt sei es weiterhin notwendig "die von Asphalt versiegelten Flächen zu entsiegeln". Die Hitze solle in kommenden Jahrzehnten nur noch weiter wachsen, weshalb es umso wichtiger sei, sie durch wasserhaltige Grünflächen abzumildern. Der dunkle Straßenbelag absorbiere die Hitze wodurch sich der Stadtboden nach und nach immer aufheizen würde.

"Wir fordern eine Umgestaltung der gesamten Wirtschaft"

Die Wirtschaft sei hierbei einer der wichtigsten Gründe, warum weder die Mobilitätswende noch die Entsiegelungen bisher vorgenommen wurden, so die Angabe der Aktivisten. "Der westliche Kapitalismus zielt auf stetiges Wachstum ab, auf eine Überflussgesellschaft", so Simon Völkers Erklärung.

Das könnte Sie auch interessieren

Diese Überflussgesellschaft äußere sich auch in "weltumspannenden Handelswegen, die durch lange Strecken und hohen Treibstoffverbrauch die Umwelt massiv belasten", ergänzt Luca Golea. Um die Umwelt zu schonen, sei es laut dem Sprecher nötig, die Transportwege kurz zu halten. "Daher benötigen wir eine regionale Wirtschaft, die auf Bedarfsdeckung, nicht auf Überfluss ausgerichtet ist", so Simon Völker.

Klimacamp Karlsruhe
Bild: Lars Notararigo

"Wir fordern also eine Umgestaltung der gesamten Wirtschaft. Ansätze, wie etwa eine Post-Wachstums-Ökonomie existieren bereits." Dies sei zweifellos auch mit sehr großen gesellschaftlichen Wandeln verbunden.

3. Forderung: Ein Klimarat in Karlsruhe

"Es ist richtig, dass die Klimakrise nur durch große Veränderungsbereitschaft bekämpft und überstanden werden kann", sagt Simon Völker. "Und wir wollen nicht, dass diese Veränderung der Gesellschaft von oben aufgezwungen wird, sondern dass sie von der Gesellschaft ausgeht. Außerdem muss der Prozess der Veränderung ständig transparent sein, wenn er akzeptiert werden soll." Infolgedessen sei die dritte Forderung das Einrichten eines Karlsruher Klimarates.

Das könnte Sie auch interessieren

"Die Mitglieder dieses Klimarates sollen durch Auslosen bestimmt werden. Diese sollen dann an die Problematik der Klimakrise herangeführt werden und gemeinsam mit Experten Lösungen entwickeln. Wichtig ist uns vor allem, dass Vertreter aus allen Gesellschaftsschichten unabhängig von ihren Aufstiegschancen daran teilnehmen. Zur Lösung der Klimakrise benötigen wie die Ideen und die Kreativität aller Menschen, nicht nur die von Wenigen", führt Völker weiter aus.

Das könnte Sie auch interessieren

"Außerdem ist es wichtig, dass Menschen aller Geschlechter, die Opfer von Rassismus, soziale Benachteiligung und Diskriminierung sind, ebenfalls eine Stimme im Klimarat bekommen. Denn sie werden am meisten unter den Folgen der Klimaerwärmung zu leiden haben." Auch diese Menschen zu Wort kommen zu lassen, sei Teil der Klimagerechtigkeit. Und gerade diese Folgen könnten laut den Aktivisten verheerend sein, sollten keine Gegenmaßnahmen eingeleitet werden.

Kommt es zu Massenimmigrationen?

"Seit dem 19. Jahrhundert ist der Meeresspiegel aufgrund der schmelzenden Eiskappen um 17 Zentimeter gestiegen", sagt Luca Golea. Sollte die Klimapolitik auf Kurs bleiben, würden Städte wie Venedig in Zukunft unbewohnbar werden, so der Aktivist. Auf der anderen Seite werden auf der Südhalbkugel extreme Dürren und Wasserknappheit ausstehen. 

Das könnte Sie auch interessieren

Auch im Deutschen und Badischen Raum würden die Konsequenzen der Klimaerwärmung nicht ausbleiben: "Sollte sich das Weltklima um mehr als 1,5 Grad erwärmen, werden sogenannte Kipp-Punkte überschritten, die weltweite und unumkehrbare Kettenreaktionen bedeuten würden", so der Aktivist.

ka-news.de Hintergrund: Zwei Beispiele für Kipp-Punkte

Die Arktis ist eine weiße Fläche. die die Wärmestrahlung der Sonne reflektiert. Sollte zu viel Eis am Nordpol schmelzen, wäre die Fläche nicht mehr weiß und würde die Wärmestrahlen absorbieren. Dies würde eine noch größere Erderhitzung und weitere Katastrophen ermöglichen, wie Klimaexperten erklären.

Im sibirischen Dauerfrostboden ist sehr viel Methan versiegelt. Sollte das Eis schmelzen, würde das Methan freigelegt werden und in die Atmosphäre steigen. Dadurch wäre der Treibhauseffekt noch weiter verstärkt und die Erde würde sich massiv erwärmen. Ein Beispiel, das auch Luca Golea nennt.

Durch derartige Kettenreaktionen könnten weite Teile der Welt, insbesondere nahe dem Äquator, weitläufig lebensfeindlich werden. "Und unbewohnbare Teile der Welt bedeuten Massenmigrationen in bewohnbarere Erdteile - etwa hierher in den globalen Norden", wie Golea fortfährt.  "Und wenn das geschieht, wird es weltweit zu massiven kulturellen Konflikten und auch Kämpfe um Ressourcen kommen."

Klimacamp Karlsruhe
In einer Performance mit dem Titel "Die-In", solle mit fiktiven, klimabedingten Todesfällen symbolisiert werden, welche fatalen Folgen die Klimaerwärmung entfalten könnte. | Bild: Lars Notararigo

Es liege im Interesse von Karlsruhe und der Welt, zur Verhinderung dieser Kipp-Punkte beizutragen. "Leider werden auf der ganzen Welt die selbst gesteckten Klimaziele verneint. Oder das Problem der Klimaerwärmung wird nur einseitig behandelt." Aus diesem Grund sei das Klimacamp überhaupt erst notwendig, wie seine Vertreter erklären: Es müsse genügend Aufmerksamkeit auf die Kipp-Punkte gelenkt werden um sie in naher und ferner Zukunft zu vorzubeugen. 

Wie lange bleibt das Karlsruher Klimacamp?

"Es geht sowohl um unsere Zukunft als auch um die Zukunft der Welt", sagt Annika Kelber. "Darum werden wir an unseren Forderungen festhalten. Wir werden sie noch weiter ausbauen, auch unter Beteiligung von Bürgern und Passanten. Anschließend wollen wir das Gespräch mit Politikern und Entscheidungsträgern suchen."

Klimacamp Karlsruhe
Bild: Lars Notararigo

Ein konkretes Enddatum für das Camp gebe es daher nicht - sollte es nötig sein, sei man sogar bereit, wie einst in Augsburg ein ganzes Jahr vor dem Schloss zu kampieren. "Wir, als die junge Generation haben ein Recht auf Zukunft", sagt die Aktivistin. "Deswegen wird das Klimacamp nicht aufgelöst, bis die Politik auf unsere Forderungen eingegangen ist. Deswegen werden wir bleiben, bis ihr handelt."