Die kleine Pilgerreise durch die Kaiserstraße beginnt mit dem Surren einer Rolltreppe. Langsam geht es aufwärts; von den kühlen Gewölben der U-Haltestelle "Kronenplatz" zu ihrem vom Sommertag aufgeheizten Namensgeber. Die Anzeigetafeln zeigen 16.11 Uhr, Zenit des Nachmittags, und die drückende Sommerluft ist auch an diesem Dienstag deutlich spürbar. Von hier aus wird der Weg entlang der Fußgängerzone führen.

Wie verwaist ist die Kaiserstraße wirklich?

Das Ziel: Der Europaplatz - und während dieses Spazierganges selbst ein Bild davon bekommen, wie "leer gefegt", wie "trostlos" oder "tot" die Innenstadt wirklich ist. Verweilen die Menschen in der Kaiserstraße, wie die Stadt es mit ihren Maßnahmen erreichen wollte, oder bleiben Straße und vor allem Läden leer?

Die obere Kaiserstraße - Verwaist oder beliebt?
Die Fußgänger bleiben beharrlich im Schatten. | Bild: Lars Notararigo

Ein erster Eindruck entsteht bereits, als die Treppenstufe auf die Schwelle des Kopfsteins trifft - und dieser sagt, dass die Kaiserstraße  nicht so ausgestorben ist, wie von manchen suggeriert. 

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Zugegeben: Überfüllt wirkt die Kreuzung mit der Waldhornstraße nicht, aber dennoch schlendert ein regelmäßiger und nicht abreißender Strom an Fußgängern am Kronenplatz vorbei, der vom aufklaffenden Gebäude des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) eingerahmt ist. 

Der Weg, den sie beschreiten, wird dabei vom Schatten dieser KIT-Einrichtung vorgezeichnet. Kaum jemand setzt sich der prallen Sonne aus. Genau genommen ist das hitzeflimmernde Pflaster fast ausschließlich den Krähen und Tauben vorbehalten. Es mag auch der Sommerhitze geschuldet sein, dass der vom Sonnenlicht bleiche Kronenplatz nahezu brach liegt.

Der leergefegte Kronenplatz

Sitzbänke in der Farbe überreifer Apfelsinen sind über das Zentrum des Kronenplatzes verteilt. Daneben recken sich einigen Zierpflanzen der sehr spendablen Sonne entgegen. All das soll zum Verweilen einladen, so der Grundgedanke der Stadt bei ihrer Installation.

Die obere Kaiserstraße - Verwaist oder beliebt?
Ebenso der Kronenplatz. | Bild: Lars Notararigo

Bis auf einen ka-news.de-Redakteur, der die Sitzgelegenheit kurzzeitig für Notizen nutzt, nimmt aber niemand dieses Angebot wahr - jedenfalls nicht an jenem heißen Sommertag. Schatten werfen hier in der Mitte des Kronenplatzes nämlich nur die Sitzbänke und die Pflanzen selbst.

Sonst gibt es kaum Möglichkeiten, sich der Mittagshitze zu entziehen, denn die Bäume richten ihre Schatten zu dieser Stunde nur gegen die angrenzenden Mauern.

Die obere Kaiserstraße - Verwaist oder beliebt?
Wenigstens die Enten kommen bei den Wasserspielen am Kronenplatz auf ihre Kosten. | Bild: Lars Notararigo

Selbst die sanft plätschernden Wasserspiele, die den Platz abkühlen  sollen, helfen kaum, die Assoziation eines Glutofens abzumildern. Entsprechend finden sich auch keine Besucher, die die Atmosphäre des fließenden Wassers genießen wollen. Oder zumindest keine Menschlichen.

Wenig aber regelmäßige Kundschaft

Kritikern zufolge ist der dortige Einzelhandel durch mangelnde Kundschaft aber ohnehin schon tot und begraben. Die Stadt wiederum berichtet von ersten Erfolgen bei der Unterstützung eben jenes Einzelhandels.

Die obere Kaiserstraße - Verwaist oder beliebt?
Die Sonne und alles was darin liegt wird gemieden. | Bild: Lars Notararigo

Was davon ist an diesem Tag eher zutreffend? Auf den ersten Blick: Beides und nichts davon. In den verschiedensten Branchen von Bäckereien, Lebensmittelhandel, Friseuren bis hin zu Läden ohne erkennbaren Fokus, deren Schaufenster ein Sortiment ohne System versprechen, gehen einzelne Kunden ein und aus - und das so regelmäßig, dass die Geschäfte niemals leer bleiben. Nur in den verschiedenen Reparatur- und Zubehörgeschäften für Handys hallt lediglich die einsame Stimme des telefonierenden Verkäufers wider.

Die Menschen blicken sich noch immer um

Mittlerweile weht ein etwas kühlerer Wind und durch den Karlsruher Fächer fegt den Duft von Rauch und schwelendem Teer durch die Straßen. Manche Passanten motiviert das aufziehende Lüftchen sogar dazu, den schützenden Schatten der Gebäude zu verlassen.

Die obere Kaiserstraße - Verwaist oder beliebt?
Bild: Lars Notararigo

Kurioserweise blicken sich viele Menschen, selbst sechs Monaten nach Fertigstellung des Tunnels, noch immer um, bevor sie die Schienen in der Fußgängerzone überqueren. Welche Ziele sie mit dem Verlassen des Schattens und überqueren der Straße anstreben, ist dabei schnell klar.

Leergefegte Läden, prallgefüllte Eisdielen

Imbisse, Schnellrestaurants, Eisdielen - bei diesem Wetter haben es vor allem letztere den Karlsruhern angetan. Während nur hier und da eine Mann einen Laden betritt oder eine Frau einen Termin im Corona-Testzentrum wahrnimmt, sammeln sich immer deutlichere Menschentrauben dort, wo eine kalte Mahlzeit versprochen wird.

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Auch die Außengastronomie ist an diesem Nachmittag gefragt. In den sonnengeschützten Häuserschluchten, lugt das Schloss hinter den aufgespannten Sonnenschirmen hervor, unter denen es sich einige Gäste gut gehen lassen.

Die obere Kaiserstraße - Verwaist oder beliebt?
Bild: Lars Notararigo

Zunächst sind die Tische der Gaststätten noch recht spärlich befüllt, doch die Ansammlungen von Menschen, die nach Essen und Abkühlung suchen, wird immer größer, je näher man dem Marktplatz kommt.

Der Marktplatz - Schatten als relevantester Standortfaktor?

Im Hof von Karl-Wilhelms Pyramide schließlich, dem Ort der schon als "Herzstück", "Wohnzimmer", aber auch "Rumpelkammer" Karlsruhes betitelt wurde, zeigen sich die bisherigen Beobachtungen im Extrem. Dank der nun gereinigten Wasserspiele hüpfen und tollen die Kleinsten der Fächerstadt unbehelligt von der schwelenden Hitze durch das kühle Nass.

Die obere Kaiserstraße - Verwaist oder beliebt?
Bild: Lars Notararigo

Der Rest der durchaus großen Zahl an Marktplatzbesuchern beeilt sich, die berühmte badische Sonne gegen weniger berühmten badischen Schatten einzutauschen. Dabei werden aber keiner der Verkaufsläden und nur wenige Schnellimbisse angepeilt. Eisdielen hingegen scheinen eine Eigengravitation entwickelt zu haben.

Die obere Kaiserstraße - Verwaist oder beliebt?
Eine weitere Möglichkeit für Eis: Das Café Böckeler. | Bild: Lars Notararigo

Besonders auffällig ist der Ansturm beim Café Böckeler. Kaum verwunderlich, denn die hochaufragende Fassade des Familienbetriebes ist maßgeblich daran beteiligt, dass es auf dem Marktplatz eine Schattenseite gibt. Für die rustikalen Verkaufsstände, die auf der anderen - der Sonnenseite des Platzes stehen, herrscht an diesem Dienstagnachmittag aber eher Ebbe. Um nicht zu sagen Austrocknung.

"In den Ferien kommen nur wenige Leute"

"Jeden Tag arbeite ich von 8 bis 18 Uhr hier. Aber in den letzten Wochen war nicht wirklich etwas los hier", sagt der anonym bleibende Verkäufer eines Blumenstandes. Der Mann weicht Blicken aus und begleitet seine Worte mit einem verlegenen Lächeln. "Das liegt aber auch an den Ferien, da kommen nur wenige Leute hier am Marktplatz vorbei, geschweige denn an meinem Stand", sagt er.

Die obere Kaiserstraße - Verwaist oder beliebt?
Die Leute tendieren deutlich eher dazu, sich im Schatten des Cafés Böckeler rechts zu sammeln, statt unter den Zelten des Blumenladens links. | Bild: Lars Notararigo

Tatsächlich wagt sich, abgesehen von zwei Damen, die die Blumen zwar ausgiebig prüfen, aber nichts kaufen, niemand unter das mit stickiger Luft angefüllte Verkaufszelt. Die aufgrund der Hitze gepflegten Blumen blieben in der Regel an Ort und Stelle, so der Verkäufer. Auf die Frage, ob es denn im Winter anders sei, antwortet er mit "Nein, nicht wirklich."

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Von einem Cima-Gutachten oder der Wiederbelebung der Innenstadt weiß er nichts. Ebenso wenig von neuen Anreizen, die die Menschen an Kaiserstraße und Marktplatz zum Verweilen einladen sollen. Der einzig harte Standortfaktor, der an diesem Tag über das Verweilen in der Innenstadt entscheidet, scheint der Schatten zu sein. 

Ähnliche Eindrücke auch nach dem Marktplatz

Andere Verkäufer - ob nun innen oder außen - zeigen sich weniger redselig. Sei es, da sie nichts ohne Erlaubnis des Chefs preisgeben wollen, sie zu beschäftigt mit den Kunden sind oder es ihnen ganz einfach zu heiß ist. Dennoch zeichnet sich auch ohne ihre Einschätzung ein klares Bild der Situation, sobald man vom Marktplatz weiterzieht - dasselbe Bild, das sich auch schon vor dem Marktplatz darbot.

Die obere Kaiserstraße - Verwaist oder beliebt?
Der Schatten markiert die Bewegungsgrenzen der Menschenmasse. | Bild: Lars Notararigo

Recht viele Menschen sind unterwegs, doch kaum einer davon lenkt seine Schritte in eines der vielen Geschäfte. Die großzügig angelegten und kühl temperierten Verkaufsräume wirken noch größer, wenn sie nur hier und da von einzelnen Zweiergruppen erfüllt sind.

Und während wenige Menschen einkaufen, nutzen noch weniger die Kaiserstraße wirklich, um sich entspannt auf eine Bank zu setzen und den Nachmittag ausklingen zu lassen. Nur die Eisdielen sind nach wie vor ein beliebtes Ballungszentrum.

Die obere Kaiserstraße - Verwaist oder beliebt?
Eisdielen sind sehr gut besucht. | Bild: Lars Notararigo

Bedeutet das also, dass der Einzelhandel wirklich im Abstieg begriffen ist? Oder sind es nur die Temperaturen, die Abkühlung zum obersten Bedürfnis der Menschen machen, wodurch der Fokus der Wirtschaft an diesem Nachmittag auf den Eisdielen liegt? Den aktuellen Bedarf der Kunden zu befriedigen ist immerhin die erste und letzte Pflicht einer Einkaufsmeile.

Musikerinnen: "Wir konnten vielen Menschen ein Lächeln aufs Gesicht zaubern"

Außerdem sind es ja nicht nur die Einkaufsmöglichkeiten, die die Passanten in der Kaiserstraße dazu bewegen können, innezuhalten und der Innenstadt ein wenig ihrer Zeit zu schenken. Vertreter der Kultur buhlen, obwohl sie recht dünn gesät sind, noch immer um die Aufmerksamkeit der Leute - vor allem Straßenmusiker. Das Duo aus den beiden Musikerinnen Lina und Lilli finden die Kaiserstraße beispielsweise keineswegs trostlos.

Die obere Kaiserstraße - Verwaist oder beliebt?
Lina und Lilli (v.r.) zwei Musikerinnen, die am Dienstag in der Kaiserstraße auftraten. | Bild: Lars Notararigo

"Wir spielen heute das erste Mal hier in Karlsruhe", sagt Lilli . "Dabei hatten wir nicht den Eindruck, dass es hier tot zugeht. Wir stehen hier jetzt schon ein paar Stunden und fanden schon, dass viele Menschen vorbeikamen. Sie schienen sich auch sehr über die Musik zu freuen und sie zu genießen. Wir konnten einigen ein Lächeln aufs Gesicht zaubern." Ein wenig zum Verweilen scheinen sich die Karlsruher also doch bewegen zu lassen.

Die Kaiserstraße ist der Weg, nicht das Ziel

Als das Echo der beiden musizierenden Damen verklingt, ist der Europaplatz dann auch schon in unmittelbarer Nähe. Nach acht kreuzenden Fächerstraßen - vorbei an der Deutschen Bank, an leeren Optikergeschäften, an Gebäudenischen ohne Inhaber, an Bettlern, die von vorbeiziehenden Menschenmengen ignoriert werden und am moderat gefüllten Saturn - ist das Ende der Kaiserstraße schließlich erreicht. 

Die obere Kaiserstraße - Verwaist oder beliebt?
Dieses leerstehende Geschäft ist eines der letzten Gebäude innerhalb der Kaiserstraße. | Bild: Lars Notararigo

Was mit dem Surren einer Rolltreppe begann, endet um 16.58 Uhr mit dem monotonen Surren der Motoren, die nun wieder die Autos und Bahnen durch die umliegenden Straßen treiben. Und mit dem Verkehrslärm kommt ein letztes Mal die anfängliche Frage zurück: Ist die Kaiserstraße wirklich trostlos und verwaist? Vom Europaplatz aus ist jedenfalls noch immer zu sehen, dass einige Menschen in die Kaiserstraße einbiegen.

Die obere Kaiserstraße - Verwaist oder beliebt?
Ein letzter Blick zurück, vom Europaplatz aus auf die Kaiserstraße. | Bild: Lars Notararigo

Doch mindestens genauso viele, manchmal mehr, verlassen sie gleichzeitig wieder. Nach knappen fünfzig Minuten Aufenthalt ist also ein ziemlich klares Bild entstanden: Zum Essen und Trinken verweilen die Leute in der Kaiserstraße - und zwar dort, wo es Schatten gibt. Insbesondere Eisdielen sind das Ziel der Wahl. Ob sich  die Menschen aber noch allzu lange dort aufhalten, nachdem sie ihre Naschlust gekühlt haben, ist fraglich.

Die obere Kaiserstraße - Verwaist oder beliebt?
Bild: Lars Notararigo

An Wochenenden, bei niedrigeren Temperaturen - vielleicht schon zu einer späteren Uhrzeit mag sich der Schwarm an flanierenden Menschen noch einmal ganz anders verhalten. Doch an diesem Dienstagnachmittag wird eines deutlich: Für die allermeisten Passanten ist die Kaiserstraße der Weg und nicht das Ziel.

Alle Bilder zum Spaziergang durch die Kaiserstraße:

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