Das Auto einfach mal stehen lassen: Mit dieser Forderung wird in der Republik vielerorts dafür geworben, auf den öffentlichen Personennahverkehr oder für kurze Strecken auf das Fahrrad umzusteigen. Damit soll jeder Einzelne einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Dass es nötig ist, zeigen nicht zuletzt auch die Berichte über den Dieselskandal oder die vielerorts hohen Werte an Stickoxiden in den Städten.

Jeder Deutsche fuhr im Schnitt 130 Mal Bus und Bahn

Wie aktuelle Zahlen aus Wiesbaden nun belegen, scheinen die Kampagnen für den Personennahverkehr Früchte zu tragen: "Fahrgäste nutzten im Jahr 2017 in Deutschland den Liniennah- und -fernverkehr mit Bussen und Bahnen erstmals über 11,5 Milliarden Mal", so das Statistische Bundesamt. Insgesamt habe man auf diese Weise etwa 11,3 Milliarden Fahrgäste befördert. Das heißt, dass jeder Deutsche rein rechnerisch 130 Mal in einem Bus oder einer Bahn saß. Damit erreicht diese Zahl einen Höchstwert.

 

"Die Zahl der Fahrgäste im Liniennahverkehr ist seit 2004 - dem ersten Jahr, für das vergleichbare Daten vorliegen - kontinuierlich gestiegen", so das Statistische Bundesamt in seiner Veröffentlichung. Die guten Zahlen von regionalen Bus- und Bahnverbindungen seien dabei unter anderem auf eine gestiegene Zahl der Einwohner, Erwerbstätigen, Schüler und Studenten deutschlandweit zurückzuführen. Weiter würden Streckenerweiterungen und Sonderticket-Aktionen ihren Teil zum Wachstum beitragen.

Karlsruher Schienennetz wächst und wächst - die Pendlerzahlen nicht

Der Nahverkehr ist laut diesen Daten in ganz Deutschland eine boomende Branche: Strecken werden erweitert, Pendlerzahlen steigen - eine positive Wechselwirkung. In ganz Deutschland, außer in Karlsruhe: Man erweiterte das Streckennetz der Straßenbahnen, um immer mehr Pendler anzusprechen - bis 2012 klappte dies ganz gut.

Zur Jahrtausendwende wurde die Strecke in der Brauerstraße und zur Europäischen Schule erweitert. 2004 folgte die Erweiterung nach Wolfartsweier und zwei Jahre später fuhren die Bahnen auch in die Nordstadt. Die jüngste Erweiterung des Streckennetzes erfolgt 2012: Seither fahren die Trams über die sogenannte Südostbahn und entlang der Ludwig-Erhard-Allee. Jüngstes Neubauprojekt ist die Erweiterung des Streckennetzes in Knielingen bis 2020.

Das könnte Sie auch interessieren
Das könnte Sie auch interessieren

Die wohl größte Erneuerung seiner Geschichte erfährt das Karlsruher Schienennetz aber seit 2010. Seither wird die Kaiserstraße, das Herz der Innenstadt, untergraben, um die Bahnen unter die Erde zu verlegen und eine schienenfreie Fußgängerzone zu schaffen. 2020 soll es nach aktuellem Stand der Dinge soweit sein und erste Teil des Jahrhundertprojekts - der Stadtbahntunnel - soll in Betrieb gehen. Der zweite Teil, der Auto-Tunnel unter der Kriegsstraße, soll dann ein Jahr später folgen.

Zahl der KVV-Fahrgäste bewegt sich seit Jahren kaum

Die Erweiterung des Streckennetzes sorgte zunächst für steigende Fahrgastzahlen, doch dann bewegt sich Karlsruhe entgegen des bundesweiten Trends. Seit 2012 sinken die Fahrgastzahlen - von der Bestmarke 178 Millionen (2012) auf zuletzt 172 Millionen (2016). Für 2017 liegen noch keine öffentlichen Fahrgastzahlen vor, heißt es vom KVV auf ka-news-Anfrage. Diese Zahl soll erst mit dem Verbundbericht im Juni folgen.

Der KVV schreibt die Fahrgastzahlen für das gesamte Verbundgebiet nieder, das immerhin von Eppingen bis Bad Bergzabern und von Bad Schönborn bis Forbach reicht. Im Verbundgebiet des KVV sind 19 Verkehrsunternehmen länderübergreifend zusammengeschlossen - insgesamt sind es 216 Linien. Dazu gehören auch die Verkehrsbetriebe Karlsruhe (VBK), welche die Linien im Karlsruher Stadtgebiet betreiben. Wie sieht es speziell hier mit den Fahrgastzahlen aus?

 

 

Ein Blick in die KVVH-Geschäftsberichte zeigt: Bei den Verkehrsbetrieben Karlsruhe sinken die Zahlen ebenfalls - nur etwas später: Hier findet sich das Fahrgast-Rekordhoch im Vergleich zum Verkehrsverbund ein Jahr später, nämlich 2013, mit 115,1 Millionen Fahrgästen. Nach 2013 sinken die Zahlen kontinuierlich -  2016 liegen sie bei 106,4 Millionen. Insbesondere zwischen 2014 und 2015 sanken die Zahlen um über fünf Millionen Fahrgäste...

Trotz Netzausbau und neue Bahnen - Karlsruhe kann sich nicht in den bundesweiten Trend der steigenden Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs einreihen. Über die Ursache lässt sich nur spekulieren - zwar stiegen die Preise in den vergangenen Jahren an, eine sprunghafte Erhöhung, welche den Verlust von vielen Fahrgästen erklären würde, gibt es jedoch nicht.

 

 

AVG stellt Verbindungen ein

Aber: Langfristig wird der KVV-Höchstwert aus 2012 wohl nicht mehr erreicht werden: Bereits im vergangenen Jahr gab die Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG) bekannt, dass in Zukunft nicht mehr alle Strecken von AVG-Bahnen befahren werden sollen.

So sollen ab 2022 vier Verbindungen gestrichen werden, die dann von Eisenbahnen betrieben werden sollen. Bereits im kommenden Jahr wird eine Linie aus dem Plan der AVG genommen: Auf der S9 zwischen Mühlacker und Bruchsal werden ab Juni 2019 ebenfalls nur noch Züge unterwegs sein, die nicht von den AVG betrieben werden.

Wie sich die Veränderungen auf die Fahrgastzahlen auswirken werden, wird sich zeigen. Im Juni steht fest, ob sich Karlsruhe dem bundesweiten Trend anschließt - oder weiterhin mit sinkenden Fahrgastzahlen zu kämpfen haben wird.