Es ist ein Bild, wie man es auch im Karlsruher Rathaus nicht alle Tage sieht: Fünf Oberbürgermeister aus fünf badischen Städten sitzen gemeinsam im großen Konferenzsaal, zwei weitere Stadtvertreter sind online zugeschaltet.

Frank Mentup, Dietmar Späth, Martin Wolff und Johannes Arnold (v.l.)
Bild: Lars Notararigo

Hier in diesem Raum wird - wenn auch auf kleiner und kommunaler Ebene - Geschichte geschrieben. Denn um die derzeitige Energiekrise und Gasknappheit zu stemmen, haben sieben Städte beschlossen, in einem einzelnen großen Projekt zu kooperieren. 

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"Heute ist es auf den Tag genau sechs Monate her, seit der russische Angriffskrieg auf die Ukraine begonnen hat", sagt Karlsruhes Oberbürgermeister Frank Mentrup. "Seitdem wurden die Gaslieferungen aus Russland rigoros gekürzt, nicht zuletzt aus erpresserischen Gründen.

Nun stehen EU, Bundes- und Landesregierung  vor empfindlichen Entscheidungen, die sich stark auf das kommunale Leben auswirken werden. Es gilt, einen Energienotstand im Alltag zu verhindern."

Die Ressourcenknappheit hält nicht an Grenzen

Ressourcenmangel herrsche nämlich schon jetzt. Und dieser halte sich nicht an Grenzen oder regionale Beschränkungen. Mit den ersten Engpässen habe schon beinahe jeder Großraum und jede Stadt Baden-Württembergs und darüber hinaus zu kämpfen.

Frank Mentrup, Oberbürgermeister der Stadt Karlsruhe.
Bild: Lars Notararigo

"Auch auf kommunaler Ebene sehen wir uns daher in der Pflicht, diesem Mangel an Gasenergie entgegenzusteuern. Allerdings wäre uns wohl kaum geholfen, wenn jede Stadt unterschiedliche oder gar widersprüchliche Schwerpunkte setzen würde", so Mentrup. "Wir müssen den Gasmangel Schulter an Schulter und koordiniert angehen."

Der #EnergiePakt wird geschlossen

Dies veranlasste die Stadt Karlsruhe, sechs weitere Städte der Technologieregion anzufragen, ob sie sich aktiv an einem Projekt beteiligen möchten, das von den Stadtwerken Karlsruhe ausgearbeitet wurde. Jede davon habe zugesagt und so seien neben Karlsruhe nun Rheinstetten, Bretten, Baden-Baden, Rastatt, Bruchsal und Ettlingen Teil des sogenannten #EnergiePaktes. 

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"Ziel dieser Aktion wird sein, die Bürger aller sieben Städte dazu zu motivieren, Energie zu sparen. Sei es direkt Gas oder Strom. Laut Prognosen aus Berlin werden wir mit der Gasknappheit bundesweit auf ein Energiedefizit von 20 Prozent kommen und so möchte jede Stadt diese 20 Prozent auch bei sich einsparen", sagt Mentrup. Man wolle die Menschen dabei unterstützen, sich selbst zu entlasten.

Das sei nicht nur sinnvoll, sondern von eminenter Wichtigkeit, wie Baden-Badens Oberbürgermeister Dietmar Späth hinzufügt.

PK Energiekrise
Dietmar Späth, Oberbürgermeister von Baden-Baden. | Bild: Lars Notararigo

"Oft ist uns gar nicht bewusst, wie abhängig wir von Gas- und elektrischer Energie sind. Vor nicht langer Zeit gab es in Baden-Baden einen stadtweiten Stromausfall - da wurde uns sehr deutlich vor Augen geführt, wie hilflos wir ohne die Versorgung sind. Und solche Situationen wollen mit dem EnergiePakt tunlichst vermeiden", sagt er.

Drei Säulen des Energiepaktes

Jeder Bürger Karlsruhes und seiner Pakt-Partner soll also angehalten werden, Energie zu sparen, um die Reserven zu schonen und Notstände zu verhindern. Doch wie? Und vor allem, woher soll jeder Einwohner Karlsruhes wissen, wie viel er dafür sparen muss? Diese Fragen zu beantworten gaben sich die Stadtwerke Karlsruhe zur Aufgabe. Allen voran die Leiterin der Marketing- und Operations-Abteilung Iman El Sonbaty.

Iman El Sonbaty, Geschäftsleiterin von Marketing und Operations der Stadtwerke Karlsruhe.
Iman El Sonbaty, Geschäftsleiterin von Marketing und Operations der Stadtwerke Karlsruhe. | Bild: Lars Notararigo

"Wir werden ab dem heutigen Mittwoch eine groß angelegte Informationskampagne für die Bürger starten", so ihre Worte. "Diese stützen wir auf drei Säulen: Einmal nutzen wir verschiedene Initiativen, wie etwa sogenannte 'Energiecoaches' bei denen wir Karlsruher Persönlichkeiten befragen, wie sie Energie sparen, einmal finanzielle Beratung, wie die Gasversorgung vor allem für Geringverdiener trotzdem bezahlbar bleibt und einmal individuelle Beratung zum Sparen von Gasenergie."

"Kinder und Jugendliche werden Energiesparbotschafter"

Vierzig Prozent der Menschen in Deutschland wüssten nicht genau, wie ihr jährlicher Stromverbrauch in Kilowattstunden eigentlich aussieht, erklärt El Sonbaty. Allein das sei für das sparen von Energie natürlich hinderlich. "Daher ist es uns wichtig, die Bürger durch Tutorials, Kurse, Online- oder Live-Vorträge - auch auf öffentlichen Plätzen mit unserem Energiemobil - für ihren Energieverbrauch zu sensibilisieren und ihnen konkrete Tipps zu geben, wie sie ihn nach und nach reduzieren können."

Säulen des Energiepaktes
Bild: Stadtwerke Karlsruhe

Herzstück dieser Informationsbemühungen seien Kinder und Jugendliche. "Wir arbeiten schon jetzt mit dem Schulamt zusammen und wollen Infoveranstaltungen für insgesamt 9.000 Schüler zwischen 12 und 18 Jahren abhalten. Das sind unsere Multiplikatoren für eine nachhaltige Transformationen", sagt El Sonbaty weiter.

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"Wir wollen bei den Schülern die Leidenschaft für Nachhaltigkeit bei Energie und Klimaschutz wecken. Geplant sind auch größere Veranstaltungen Workshops, zu denen die Schüler am Energieberg in Rheinhafen spielerisch an das Energiesparen herangeführt werden. Sie sollen sozusagen die Energiesparbotschafter für ihre Familien werden und die Motivation auch zu ihren Eltern weitertragen. Und es ist ein Appell an unsere Zukunft", meint sie.

Der Erfolg in Zahlen

Mit diesen geballten Anstrengungen soll also bald Sparsamkeit in der Fächerstadt und ihren Partnern einkehren. Natürlich werde das Projekt dabei auf die Bedürfnisse und Eigenschaften jeder einzelnen Stadt angepasst und jede Stadt habe ein eigenes Sparkontingent.

"In Karlsruhe zum Beispiel sollen bis in der Heizperiode von Oktober 2022 bis März 2023 insgesamt 280 Gigawattstunden an Gasenergie eingespart werden. Das sind in etwa 14.000 Einfamilienhäuser und 100.000 Flüge nach Mallorca", so El Sonbaty.

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Ferner wolle man mit der Kampagne #EnergiePakt zu insgesamt zwei Millionen Bürger Kontakt aufgebaut und 80.000 Fragen beantwortet haben. "Wenn diese Zahlen erreicht sind, werden wir den Energiepakt als Erfolg einstufen", erklärt sie. Kosten werde die Initiative in Karlsruhe nichts.

"Wir haben unser bestehendes Budget umgeschichtet, sodass wir keine zusätzlichen Geldmittel brauchen." Genau gesagt könnte man mit dem Erfolg des Projektes sogar Gewinne einsparen.

"Klimaschonung schont auch den Geldbeutel"

Genauer gesagt könnte das Projekt sogar einen enormen Mehrwert für den Klimaschutz entfalten. "Wenn Gasenergie eingespart werden soll, muss der Klimaschutz in diesem Zusammenhang auch in den Fokus rücken", sagt Frank Mentrup dazu.

"Noch genauer gesagt wird es mit den steigenden Energiepreisen sogar notwendig, sich nachhaltig zu verhalten, um die Kosten zu senken. Durch die jetzige Situation wird Klimapolitik also in Zusammenhang mit der Schonung des Geldbeutels gebracht."

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All diese Aspekte seien zwar für jeden einzelnen Bürger relevant, betreffe aber auch die Industrie und die Verwaltungen der einzelnen Städte. "Auch wir werden Entscheidungen treffen müssen, die sowohl uns als auch den Bürgern wehtun werden", sagt beispielsweise Brettens Oberbürgermeister Martin Wolff.

PK Energiekrise
Martin Wolff, Oberbürgermeister der Stadt Bretten. | Bild: Lars Notararigo

"Bis zum Winter müssen wir uns gut überlegen, ob wir einen Weihnachtsmarkt oder eine Eislaufbahn in gewohnter Form bieten können. Oder auch wie es jede Stadt mit ihren öffentlichen Bädern hält", sagt er. 

Eine neue Solidarität

Trotzdem, so glaubt sein Amtskollege Frank Mentrup, biete sich mit dieser Kampagne auch die Chance, "dass alle Gesellschaftsschichten sich daran beteiligen und so eine neue Solidarität, ein Wir-Gefühl in einer auseinanderdriftenden Gesellschaft erzeugt wird. Sicherlich wird das Projekt anfangs nur langsam akzeptiert werden, doch alleine aufgrund der finanziellen Hilfen und Vorteile wir sind zuversichtlich, sehr viele Bürger erreichen zu können", sagt Karlsruhes Oberbürgermeister.

PK Energiekrise
Bereits jetzt sitzen die Oberbürgermeister der beteiligten Städte an einem Tisch. | Bild: Lars Notararigo

"Wichtig ist dabei aber, dass alle den Energiepakt mittragen aktiv unterstützen und sich so viele Menschen wie möglich an dieser Energieeinsparinitiative m Sparprojekt beteiligen, sich informiert halten, die Botschaft weitergeben und wir so diese Krise gemeinsam meistern", bekräftigt die Vertreterin der Stadtwerke El Sonbaty.