"Die Zahl der wohnungslosen Menschen in Karlsruhe hat in den vergangenen Jahren zugenommen", sagt Uwe Enderle von der Wohnungslosenhilfe des Diakonischen Werks. 350 Menschen kehrten regelmäßig in ansässigen Notunterkünften ein. Zudem wisse man von 150 Obdachlosen. Die Dunkelziffer liege wesentlich höher. Auch würden die Obdachlosen tendenziell immer jünger.

Wohnungslose aus dem Landkreis strömen nach Karlsruhe

Fragt man ihn, worauf das zurückzuführen ist, verweist Enderle auf die Wohnungsnot in der Fächerstadt: "Eine prekäre Situation."  Es gebe kaum noch preiswerten Wohnraum und wenn, werde dieser den Studis oder den gastiereden Kombi-Bautrupps zugesprochen. Keine Chance für Obdachlose also, so Enderle. Ihnen bleibe das Hilfsangebot in Karlsruhe, darunter das "Dienstezentrum für wohnungslose Menschen" mit Beratung, Versorgung und Unterschlupf - eine Dauerlösung sei das jedoch nicht. "Es muss etwas getan werden", fordert Enderle. Immer häufiger kämen Menschen aus dem Umkreis, weil es dort schlicht keine Verpflegung oder Notunterkünfte gebe. Karlsruhe wirke mit dem städtischen Angebot wie ein Magnet auf Obdachlose - so wie jedes andere Ballungszentrum auch.

Die Kriegsstraße 88 - das ist Postleitzahlen-übergreifend eine Adresse für Erfrierungsschutz im Winter, eine Kleiderkammer, Essensausgabe und intensive Gespräche - und das seit nunmehr zehn Jahren. Täglich zählen die Verantwortlichen rund 155 - vor allem männliche - Besucher, die das Angebot nutzen. Im Winter sei die Zahl weitaus höher. Man will Hilfsbedürftige nicht im Regen stehen lassen - auch solche, die es zwar schon von der Straße weg geschafft haben, nun aber mit der Integration zurück in die Gesellschaft kämpfen.

"Wir brauchen sozialen Wohnraum, Ein-Euro-Jobs - und Socken"

Besonders schwer fällt das offenbar jenen, die noch nie richtig eingebürgert waren: "Aktuell schwappt eine Welle von wohnungslosen Migranten aus Osteuropa an unsere Haustür", erklärt Uwe Schlindwein von der städtischen Wohnungslosenhilfe. Oft sprechen sie kein Deutsch und seien vom Sozialleistungsbezug ausgegrenzt - da werde es schwierig, sowohl in Sachen Kommunikation als auch in Punkten ärztlicher Versorgung. Mittlerweile könne im Dienstezentrum nahezu täglich eine Arztsprechstundeangeboten werden - problematisch werde es allerdings, wenn die Patienten nicht versichert sind. Weiterführende Behandlungen bei Spezialisten würden dann zur Kraftprobe. Was sich durch jegliche Zweige in der Bevölkerung zu schlängeln scheint ist offenbar die Angst vor Zahnärzten.

Erkundet man sich nach den Zukunftswünschen der beiden Helfer, erhascht man ein verlegenes Grinsen. Nach einer kurzen Überlegung beginnt Enderle: "Sozialen Wohnraum, eine Eingliederung  - besonders von wohnungslosen Migranten - und mehr Ein-Euro-Jobs - das braucht Karlsruhe." Viele Obdachlose wollen offenbar arbeiten, schätzen ihre Chancen für den normalen Arbeitsmarkt jedoch zu gering ein. Geeignete Tätigkeiten gebe es heutzutage kaum mehr - dabei wirke laut dem Mitarbeiter des Diakonischen Werks schon allein die Beschäftigung sowie die Routine im Alltag therapeutisch. An was es noch fehle? "Socken, Jeans und Unterwäsche" - die hauseigene Kleiderkammer sei für jede Spende dankbar.

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