"Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass sich die medizinische Versorgung von wohnungslosen Menschen als sehr schwierig gestaltet", sagt Uwe Enderle, Leiter des Tagestreffs "Tür" in der Kriegsstraße, im ka-news-Gespräch. Wohnungslose Menschen würden vom regulären Versorgungs- und Gesundheitssystem häufig nicht erreicht. Hierfür seien zwei Gründe ausschlaggebend: Zum einen seien die finanzielle Hürden für eine Behandlung hoch, zum anderen verhindere häufig Scham den Gang zum Arzt.

Aus Scham nicht zum Arzt

So seien viele Wohnungslose, da sie Arbeitslosengeld II beziehen, krankenversichert, allerdings könnten sie sich anfallende Zuzahlungen für Medikamente und die Praxisgebühr oft nicht leisten. Wenn die Obdachlosen Arbeitslosengeld II beziehen, könnten sie sich die Praxisgebühr erstatten lassen. "Belege sammeln geht aber schlicht an der Lebensrealität dieser Menschen vorbei", so Endler. Zudem komme es immer wieder vor, dass Obdachlose mit abfälligen Bemerkungen von Mitpatienten im Wartezimmer oder dem Praxispersonal aufgrund ihres Aussehens und ihrer Verhaltensweisen diskriminiert würden. Wegen solcher negativen Erfahrungen würden sich viele nicht zum Arzt trauen.

Um diesen Menschen dennoch eine medizinische Versorgung zu gewährleisten, bietet der Tagestreff "Tür" wohnungslosen Menschen zwei mal im Monat eine ärztliche Sprechstunde an. Zwei Ärzte kümmern sich dort alle 14 Tage ehrenamtlich um die Obdachlosen. Derzeit findet die Sprechstunde noch in einem Büro eines Sozialarbeiters statt, das provisorisch mit einer Liege und einem Arztschrank umfunktioniert wurde. Das soll sich jetzt ändern, denn noch im Winter soll dort ein neues und gut ausgestattetes Behandlungszimmer bereit stehen.

20.000 Euro Spenden

Die medizinische Ausstattung des Behandlungszimmers wird durch Spenden der Karlsruher Rotary-Clubs finanziert. Diese haben sich zum Ziel gesetzt, den "Grundstein für eine umfassende medizinische Versorgung Wohnungsloser in Karlsruhe zu legen". Bei einem Benefizkonzert der fünf Karlsruher Rotary-Clubs und des Rotaract-Clubs kamen kürzlich rund 20.000 Euro zusammen. Da der Erlös unerwartet hoch ausfiel, werden statt einem geplanten Behandlungszimmer sogar drei ausgestattet. Neben dem  Behandlungszimmer in der "Tür" wird auch je ein Behandlungszimmer im "Anker" in der Lameystraße und im "TafF", dem Tagestreff für Frauen in der Belfortstraße, eingerichtet. Das Arztzimmer in der Tür soll noch in diesem Winter eröffnen, die anderen im März 2012.

"Unser Ziel war es, ein regionales Projekt gemeinsam mit allen Karlsruher Rotary-Clubs im Raum Karlsruhe durchzuführen", erklärt Professor Norbert Holstein, Past-Präsident des Rotary-Club Karlsruhe-Fächerstadt und selbst Hals-Nasen-Ohren-Arzt in Durlach, gegenüber ka-news. Vor einem Jahr begannen die Planungen für das Projekt. Mittlerweile sei nicht nur genug Geld für drei Behandlungszimmer zusammen, sondern auch mit der Kassenärztlichen Vereinigung und den Krankenkassen konnten Kooperationen abgeschlossen werden. So seien Krankenkassen dazu bereit künftig auf die Praxisgebühr bei Obdachlosen zu verzichten, so Holstein.

Medizinisches Netzwerk soll entstehen

Auch wolle man mehr Fachärzte dafür gewinnen, dass sie außerhalb ihrer Sprechzeiten wohnungslose Menschen untersuchen. Denn  in den Behandlungszimmern sei oft nur eine Erstdiagnose möglich, zur genaueren Abklärung ein Facharzt nötig. Das Ziel sei es, ein Netzwerk zu schaffen, damit Obdachlosen eine Versorgung in allen medizinischen Fachbereichen angeboten werden könne - unter anderem durch Internisten, Urologen und Kardiologen.

Bereits heute kommen drei bis zehn Patienten in eine Sprechstunde in die "Tür", sagt Tagestreff-Leiter Endler. Künftig soll die Sprechstunde einmal in der Woche immer zur gleichen Zeit stattfinden. Durch diese Kontinuität würde es auch den Obdachlosen einfacher gemacht die Angebote zu nutzen. Außerdem befänden sich die Behandlunsgzimmer in einem vertrauten Umfeld, den Obdachlosen würde so die Scheu genommen einen Arzt aufzusuchen.

100 Menschen auf der Straße

"Die Einrichtung der Behandlungszimmer ist eine sehr wertvolle Ergänzung zum bestehenden Betreuungsangebot", sagt  Sonja Rexhäuser, Leiterin der Fachstelle Wohnungslosigkeit in der Sozial- und Jugendbehörde Karlsruhe, auf ka-news-Anfrage. Grundsätzlich sei das Betreuungsangebot für Wohnungslose in Karlsruhe gut. "In Karlsruhe muss keiner auf der Straße leben, der das nicht will", so Rexhäuser. Durch die medizinische Betreuung würde eine Betreuungslücke geschlossen.

In Karlsruhe sind nach Angaben Rexhäusers derzeit 300 Menschen in Unterkünften obdachlosenrechtlich untergebracht. Rund 100 Menschen leben hier nach Schätzungen der Sozialbehörde auf der Straße. Die Zahl der Wohnungslosen in Karlsruhe sei seit Jahren konstant. Die am stärksten wachsende Gruppe sei die der 18- bis 24-Jährigen. Woran das liegt, soll eine Umfrage unter den betroffenen Jugendlichen im nächsten Jahr herausfinden.

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