"Der #digitalk am 1. Dezember behandelt ein Thema, das jeden betrifft, über das aber kaum jemand nachdenkt", sagt Uwe Gradwohl, der den Abend im Karlsruher Triangel Open Space wie immer moderiert. "Nämlich die digitale Identität, die wir im Internet und vor allem auf Social Media hinterlassen. Und wie sie unsere analoge Identität beeinflusst."

Uwe Gradwohl bei der Moderation des Digitalk.

Event zum Thema: Wer bin ich und wie seht ihr mich im Netz?
Uwe Gradwohl bei der Moderation des Digitalk. Event zum Thema: Wer bin ich und wie seht ihr mich im Netz? Selbstrepraesentation und Identitaet in digitalen Umgebungen | Bild: Tim Carmele

Nun könnte man meinen, die Identität im Internet würde auch ausschließlich und separat dort existieren. Doch weit gefehlt, wie Gradwohl fortfährt: "Heute kann man auf Social Media sehr schnell die verschiedensten Inhalte publizieren und in Echtzeit sehen, wie das Publikum reagiert. So entsteht eine Feedback-Schleife um die eigene Person, die das Selbstbild und die Denkweise immer weiter verändern kann."

Die Zukunft der Demokratie

Bedenkt man, dass alleine in Deutschland mehrere Millionen solcher Feedback-Schleifen tagtäglich neu ausgelöst werden, die miteinander interagieren und einander beeinflussen, "so muss man fast zwangsläufig damit rechnen, dass Social Media die Gesellschaft verändert und vielleicht sogar die Zukunft der Demokratie mitbestimmt", so Gradwohl.

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Diese Zukunft der Demokratie durch Social Media zu analysieren und Prognosen zu stellen, habe sich dabei der erste Referent, Björn Bohnenkamp, Professor für Internationales Medienmanagement an der Karlshochschule, zur Aufgabe gemacht.

Björn Bohnenkamp: Das Reallabor "Future Democracies"

Stellvertretend für die erkrankte Referentin Julia Beckmann erklärt er dabei, wie seine Forschungsgruppe an diese Thematik herangeht. "Wir stellen uns an der Karlshochschule die Frage, wie genau soziale Medien und der digitale Raum sich weiterentwickeln könnten, um auch in Zukunft demokratische Werte zu bewahren", so Bohnenkamp.

Prof. Dr. Björn Bohnenkamp beim Digitalk.

Event zum Thema: Wer bin ich und wie seht ihr mich im Netz? Selbstrepraesentation und ...
Prof. Dr. Björn Bohnenkamp beim Digitalk. Event zum Thema: Wer bin ich und wie seht ihr mich im Netz? Selbstrepraesentation und Identitaet in digitalen Umgebungen | Bild: Tim Carmele

Zu diesem Zweck habe die Karlshochschule ein Reallabor mit dem Titel "Future Democracies" ins Leben gerufen. "Wichtig ist uns dabei, die Menschen mit einzubeziehen", erklärt Bohnenkamp. "Wir führen Gespräche und Diskussionsrunden über die Auswirkungen von Social Media mit so vielen verschiedenen Menschen wie möglich."

Social Media als Ökosystem

Besonders in Karlsruhe selbst habe man schon mit Gruppierungen verschiedenen Alters gesprochen. Ebenso mit Vertretern von Kunst, Wissenschaft, Politik und Ökonomie - immerhin seien auch dazugehörige Institutionen auf Social-Media-Plattformen vertreten.

Prof. Dr. Björn Bohnenkamp referiert beim Digitalk.

Event zum Thema: Wer bin ich und wie seht ihr mich im Netz? Selbstrepraesentation ...
Bild: Tim Carmele

"Unser letztendliches Ziel ist es, das Ökosystem im Raum der sozialen Medien zu analysieren und so Lösungen zu finden, um das soziale Miteinander und damit auch die Demokratie zu schützen. Immerhin nutzen auch sehr mächtige Institutionen die Plattformen, um ihre Dominanz zu erweitern", so Bohnenkamp.

Ethik und Social Media?

Daher wolle man die Fragen beantworten, wie man die Ethik in die rasante Entwicklung der sozialen Medien einbinden kann; wie sich Ausbeutung und Manipulation verhindern lassen und wie man neue unethische Hierarchien verhindern kann, die darauf basieren, wie gut sich ein Nutzer mit Social Media auskennt.

Prof. Dr. Björn Bohnenkamp referiert beim Digitalk

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Prof. Dr. Björn Bohnenkamp referiert beim Digitalk Event zum Thema: Wer bin ich und wie seht ihr mich im Netz? Selbstrepraesentation und Identitaet in digitalen Umgebungen | Bild: Tim Carmele

"Immerhin hat Social Media schon jetzt einen großen Einfluss auf die Weltpolitik bewiesen. So sehr, dass sich sogar die Frage stellt, ob Donald Trump 2016 auch ohne seine Präsenz in sozialen Medien die Wahl in den USA gewonnen hätte", wie Bohnenkamp weiter erklärt.

Marlene May: Social Media und Virtual Reality

Wichtig seien solche Forschungen mit Fokus auf Ethik auch deshalb, da die Entwicklung der Social Media sich immer weiter zu einer zweiten Realität entwickeln könnte. Dank der Virtual Reality (VR) Technologie sei es schließlich schon heute möglich, mit mehreren Sinnen in eine virtuelle Welt einzutauchen. Auch in Bezug auf soziale Medien, so die Referentin Marlene May, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Karlshochschule.

Marlene May referiert zum Thema Virtual Reality beim Digitalk.

Event zum Thema: Wer bin ich und wie seht ihr mich im Netz?
Marlene May referiert zum Thema Virtual Reality beim Digitalk. Event zum Thema: Wer bin ich und wie seht ihr mich im Netz? Selbstrepraesentation und Identitaet in digitalen Umgebungen | Bild: Tim Carmele

"Eine VR-Brille zeigt dem Nutzer eine neue, virtuelle Realität, die so ziemlich alles darstellen kann, was von den Entwicklern implementiert wurde", sagt May, Rechercheassistentin an der Karlshochschule. "Man sieht eine dreidimensionale Umgebung und kann sogar einen Avatar, einen virtuellen Stellvertreter von sich selbst erstellen, der optisch sehr überzeugend wirkt."

Neue Realitäten für jeden Zweck

Die Anwendungsmöglichkeiten für VR seien ungezählt und so wundere es nicht, dass die Social-Media-Sparte im Begriff ist, sich die neue virtuelle Welt einzuverleiben. "Schon jetzt gibt es viele Programme für VR-Brillen, die einem einen dreidimensionalen Chatroom zeigen, in dem man mit den verschiedensten Menschen aus aller Welt kommunizieren kann", so May.

Uwe Gradwohl hält eine VR Brille hoch, zum nächsten Thema Virtual Reality.

Event zum Thema: Wer bin ich und wie seht ihr mich im Netz?
Uwe Gradwohl hält eine VR Brille hoch, zum nächsten Thema Virtual Reality. | Bild: Tim Carmele

"Gründe dafür kann es viele geben. Spaß, Neugierde, der Wunsch, Beziehungen zu knüpfen, technisches Interesse oder auch der Wunsch nach Selbstverwirklichung", erklärt sie.

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"Das Microsoft-Programm AltspaceVR bietet zum Beispiel Plattformen für Chats, Hörsäle, Workshops, Gottesdienste, Bühnen für Stand-up-Comedy, Dating und vieles mehr. Darunter auch Räume speziell für die LGBTQ-Community."

"Sind wir mehr wir selbst, wenn wir nicht wir selbst sind?"

Gerade für Gruppen, die oft an den Rand gedrängt werden - etwa die LGBTQ-Community - seien solche Räume laut May sehr wichtig. "Sie können sogenannte Safe Spaces bilden, wo die Mitglieder Gleichgesinnte finden können, ohne Diskriminierung fürchten zu müssen", sagt sie. "Sie können sich im virtuellen Raum selbst verwirklichen."

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Auch aufgrund dieses Selbstverwirklichungsaspektes rechne die Statistik-Plattform "Statista" bis ins Jahr 2026 mit bis zu 80 Millionen neuen VR-Nutzern. "Es werden neue Lebensaspekte entstehen. Neue Freundeskreise und Arbeitsplätze. Und natürlich sind der eigene Avatar und die Umgebung letztlich nur eine Illusion", so May.

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"Trotzdem muss man sich fragen: Wenn man sich in einem virtuellen Raum ungestört verwirklichen und das eigene Selbst ausleben kann, ist man dann vielleicht mehr man selbst, wenn man nicht man selbst ist? Es lohnt sich also auf jeden Fall, die VR-Technologie auszuprobieren."

Die Gefahren einer virtuellen Realität

Natürlich bietet die virtuelle Realität auch Risiken und so wundert es nicht, dass in der Fragerunde am Ende der Referate direkt einige skeptische Stimmen aus dem Publikum widerhallen. Etwa die Frage, wie sich die VR-Technologie auf die Gesundheit auswirken könnte - auch im Hinblick auf Suchtpotenzial.

Marlene May, Prof. Dr. Björn Bohnenkamp, Elgin Eckert in der Talkrunde mit dem Publikum.
Bild: Tim Carmele

"Ja, es ist natürlich richtig, dass schon Smartphones Suchtpotenziale entfalten können. Und das einzigartige Gefühl, mit einer VR-Brille in eine neue Welt zu gleiten, ist sicher nicht ohne dieses Risiko", sagt Marlene May. "Das muss kritisch betrachtet und in naher Zukunft durch Aufklärung junger Menschen bekämpft werden."

VR als Propagandaorgan?

Momentan sei diese Technologie aber noch sprichwörtliches Neuland, weshalb über viele Gefahren nur spekuliert werden könne. Ein Problem, das aber schon jetzt abzusehen sei, liege darin, dass ein Großteil der VR-Technologie in Händen des Facebook-Mutterkonzerns "Meta" befinde - der schon mehrfach in der Kritik stand, sich antidemokratisch zu verhalten.

Marlene May, Prof. Dr. Björn Bohnenkamp, Elgin Eckert in der Talkrunde mit dem Publikum.
Eine Diskussion unter den Referenten. | Bild: Tim Carmele

"Die Gefahr, dass die VR-Technologie zu einem Propagandaorgan wird, ist natürlich da", sagt Bohnenkamp dazu. Immerhin werden schon die derzeitig verbreitetsten Social-Media-Plattformen für die Selbstinszenierung krimineller Organisationen genutzt, wie die weitere Referentin Elgin K. Eckert erklärt. 

Beispiel: Cosa Nostra in Sizilien

"Viele junge Mafiabosse der  sizilianischen Cosa Nostra nutzen Facebook und Instagram zur Selbstinszenierung und lassen sich dort für ihr Leben und ihre kriminellen Aktivitäten feiern", sagt sie. "Allerdings konnte die Polizei einige von ihnen durch die Rückverfolgung ihrer Accounts auf die Spur kommen", sagt die Dozentin für Geschichte der organisierten Kriminalität. 

Elgin Eckert referiert beim Digitalk

Event zum Thema: Wer bin ich und wie seht ihr mich im Netz?
Elgin Eckert, Dozentin für die Geschichte der italienischen Mafia mit Lehrstühlen in Italien und den USA. | Bild: Tim Carmele

Damit reißt sie ein Thema an, das bei der Nutzung von VR noch relevanter werden wird: Datenschutz. "Der Datenschutz ist durch die VR, die ja die Bewegungen der Nutzer wahrnimmt, gefährdet. Wie konkret diese Bedrohungen sind, kann man derzeit aber noch nicht sagen. Auch wir von 'Future Democracies' haben uns noch nicht eingehend damit beschäftigt."

Sowohl Bohnenkamp als auch May räumen jedoch ein, dass das VR-Erlebnis letztendlich vom übergeordneten Konzern - häufig "Meta' - bestimmt wird. "Man muss an dieser Stelle also genügend Konkurrenz und Gegenwelten etablieren, die nicht durch einzelne Konzerne gesteuert werden", so Bohnenkamp. "Wie, das muss sich noch zeigen."

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