Spätestens jetzt, zum Ende des zweiten Pandemiejahres, sehen die Leiter des Städtischen Klinikums Karlsruhe mit gemischten Gefühlen in die Zukunft. Das drücken Martin Bentz, Michael Geißler und Markus Heming allzu klar aus, als sie von den medizinischen und wirtschaftlichen Herausforderungen berichten, die das Krankenhaus hinter sich aber auch vor sich hat. 

"Es sind bewegte Zeiten"

"Es sind bewegte Zeiten, in denen wir arbeiten", sagt Markus Heming, kaufmännischer Geschäftsführer des Klinikums. "Alleine durch die Pandemie mussten wir viele Kraftakte stemmen und sind noch immer in großer Unsicherheit", erklärt er. "Allerdings konnten wir auch einige Erfolge erzielen. Etwa konnten wir trotz der Corona-Hochphase das Haus M eröffnen und betreiben es nun eineinhalb Jahre erfolgreich."

Jahresbericht Klinikum
Markus Heming, kaufmännischer Geschäftsführer des Klinikums Karlsruhe. | Bild: Lars Notararigo

Gemessen an den Umständen sei das eine nicht zu unterschätzende Leistung. "Immerhin ist das Haus M ja beinahe ein eigenständiges Klinikum mit seinen über 1.200 Mitarbeitern. Außerdem konnten wir es erst im September in vollständigen Betrieb nehmen. Obwohl es ja bereits im März eröffnet wurde, dauerte es seine Zeit, bis der Umzug von Personal, Arbeitsgerät und Technik abgeschlossen war", so Heming weiter. "Und zum Glück wurde das Haus letztes Jahr fertig."

"Die Energiekrise trifft auch uns"

Zu den aktuellen Bedingungen sei laut Heming nämlich kaum an Bauen zu denken. "Die Energiekrise trifft jeden. Da sind die Krankenhäuser keine Ausnahme", sagt der kaufmännische Geschäftsführer. "Natürlich benötigen viele Betriebe Hilfe, um trotz den steigenden Energiepreisen ihre Existenz zu wahren. Allerdings gibt es dort einen entscheidenden Unterschied."

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Ein Krankenhaus könne im Gegensatz zu anderen Branchen nicht einfach die Preise erhöhen. "Wir verdienen pro behandeltem Patienten eine vom Staat festgelegte Fallpauschale. Die können wir nicht erhöhen. Wir können aber auch nicht sagen, wir behandeln mehr Patienten, unsere Kapazitäten sind begrenzt. Das Defizit, der durch die steigenden Energiekosten entsteht, lässt sich nicht einfach durch Haushalten ausgleichen. Denn Abstriche gehen zulasten des Patienten", sagt er.

"Es braucht Sofortmaßnahmen"

Hier schaltet sich auch der medizinische Leiter des Klinikums, Michael Geißler ein. "Ein Krankenhaus braucht nun einmal viel Energie. Wir sind ein 24-Stunden-Betrieb. Und schon 2021 waren wir zum Jahresende 19,7 Millionen Euro im Minus. Vor der Pandemie konnten wir die Kosten immer noch irgendwie decken. Doch ringen wir langfristig um Existenz", so Geißler. "Es braucht Sofortmaßnahmen von der Bundesregierung, um die Krankenhäuser zu schützen."

Michael Geißler, Medizinischer Geschäftsführer des Städtischen Klinikums Karlsruhe.
Michael Geißler, Medizinischer Geschäftsführer des Städtischen Klinikums Karlsruhe. | Bild: Lars Notararigo

Leider habe sich seit 2018 kaum etwas getan, um sowohl Krankenhäuser als auch Personal zu entlasten. "2018 gab es dahingehend schon Gesetzesvorlagen, doch die wurden vom damaligen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn gekippt. Seitdem hat sich noch nichts getan, auch nicht in der prekären Lage, in der wir uns durch die Energiekrise befinden. Von den versprochenen Hilfen ist noch kein Cent geflossen", so Geißler.

"Die Corona-Pandemie ist nicht beendet"

Und dann komme noch die Pandemie hinzu. "Viele sind der Ansicht, die Covid-19-Zeit sei beendet. Aber das ist mitnichten der Fall. Sie trifft das Gesundheitssystem immer noch dort, wo es am empfindlichsten ist", so Geißler. Die Pflegekräfte nämlich seien nach wie vor mit am stärksten betroffen. "Zunächst einmal muss gesagt werden, dass wir durch unsere dezentrale Behandlung einen Corona-Ausbruch im Krankenhaus verhindern konnten", so der Geschäftsführer.

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"Allerdings holen sich viele das Virus im privaten Bereich. Fällt eine Pflegekraft aus, müssen andere ihre Arbeit übernehmen. Und es ist nicht vorherzusagen, wann Pflegekräfte dringend gebraucht werden. Patienten kommen, wenn sie krank oder verletzt sind, was leider keinem Zeitplan folgt", erklärt Geißler. "Hinzu kommt die Erschöpfung. Die Corona-Jahre zehrten an unseren Mitarbeitern." Viele könnten ihr Pensum nicht mehr erfüllen, weil sie schon an ihrer Leistungsgrenze seien.

"Weniger Pfleger heißt weniger Betten"

"Eigentlich ist Pfleger einer der schönsten Berufe, die man sich vorstellen kann", so Geißler. "Man kommt mit den verschiedensten Menschen und den verschiedensten Berufen in Kontakt. Außerdem arbeitet man mit dem Wissen, jeden Tag etwas Sinnvolles zu vollbringen und anderen zu helfen. Aber zu diesen Bedingungen, zur Bezahlung und den Arbeitszeiten verstehen wir selbst, warum die Pflegekräfte abwandern."

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Doch auch in diesem Fall habe das Krankenhaus die Bezahlung ihres Personals nicht selbst in der Hand. "Wenn Bundes- und Landesregierung nicht mehr Geld für Pflegekräfte in die Hand nimmt, werden wir nur noch weniger Mitarbeiter im Pflegebereich und mehr Ausfälle haben. Das bedeutet, dass wir Betten streichen müssen. Schon jetzt hängen gesperrte Betten und verlorene Behandlungsmöglichkeiten zu 95 Prozent mit Ausfällen im Pflegebereich zusammen."

"Die deutsche Notfallmedizin gehört zu den schlechtesten"

So ein Bettenmangel äußere sich natürlich am schlimmsten in den Notaufnahmen. "Das deutsche Notaufnahmesystem gehört im internationalen Vergleich zu den schlechtesten, teuersten und ineffizientesten. Besonders in West- und Nordeuropa gibt es deutlich höhere Standards als hier. Das hängt vor allem mit dem Personalmangel, der fehlenden Digitalisierung und der grundsätzlichen Überlastung zusammen", erklärt Geißler.

Ein Rettungswagen fährt mit Blaulicht.
Ein Rettungswagen fährt mit Blaulicht. (Symbolbild) | Bild: Nicolas Armer/Archiv

Jene grundsätzliche Überlastung hinge nicht zuletzt mit zu vielen Selbsteinweisungen ein. "Viele, die mit ihrer gesundheitlichen Beschwerde nicht durch unsere Telefonhotline kommen, weisen sich selbst in der Notaufnahme ein. Das ist natürlich nicht der einzige Grund, aber ein häufiger. So etwas macht sich bemerkbar. Im Jahr 2022 hatten wir bisher 58.368 Einweisungen in die Notaufnahme. Zwei Drittel davon, etwa 40.000, waren unnötig", so der Geschäftsführer.

"Neue Projekte der Digitalisierung"

Betten, die für dringendere Fälle gebraucht würden, würden auf diese Weise blockiert. "Natürlich möchte man die Erkrankungen anderer Patienten nicht klein reden, aber eine Blinddarmoperation oder ein unkomplizierter Herzinfarkt ließen sich auch ohne Notaufnahme behandeln. Wir haben sowieso einen Mangel an freigegebenen Betten, da sollten wir sie auch für die dringenden Fälle bereithalten", meint Geißler.

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Für dieses Problem zeichne sich aber bereits eine Lösung ab. "Der Gesetzgeber verlangt, dass wir bis 2024 bei der Digitalisierung aufgeholt haben. Das ist auch durchaus sinnvoll, aber auch hier ist von den versprochenen finanziellen Hilfen noch kein Cent geflossen. Trotzdem haben wir bereits neue Projekte der Digitalisierung eingeleitet", erklärt er.

"Hacker aus der ehemaligen Sowjetunion"

Digitale Patientenerfassung, digitale Medikamentenverschreibung, Rettungsdienste, die während des Einsatzes digital bestimmen, in welches Krankenhaus ein Patient am besten eingeliefert werden sollte - all das seien Möglichkeiten, die in Zukunft Realität werden sollen. "Online Terminbuchungen gehören auch dazu, um den Betriebsablauf zu optimieren. Nicht zu vergessen die IT-Sicherheit", merkt Geißler an.

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Immerhin gehöre ein Krankenhaus zur kritischen Versorgung. "Die Hacker aus der Sowjetunion sind Profis", so Geißler. "Und ein Blackout im Klinikum wäre ein Albtraum von uns allen." Auch auf diesem Feld solle die Sicherheit also erhöht werden. Ist Technologie also ein Silberstreif für das Gesundheitssystem? Zumindest sind noch einige weitere Projekte geplant, um das Städtische Klinikum zukunftssicher zu machen.

Die Wissenschaft der Medizin

Ein neuer Hubschrauberlandeplatz soll fertiggestellt werden. Eine neue Verbindungsbrücke über die Straße. Zwei neue Kreißsäle sollen gebaut und das Haus H1 saniert werden. "Wir möchten all unsere Häuser auf dem neusten technischen Stand halten. Und das ist nicht alles. Bis 2030 wollen wir ein neues medizinisches Konzept in den Kliniken durchgesetzt haben", erklärt der Geschäftsführer. Die Wissenschaft der Medizin entwickle sich immerhin Tag für Tag weiter.

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Dr. med. Martin Bentz, Klinikdirektor Medizinische Klinik III am städtischen Klinikum Karlsruhe. | Bild: Lars Notararigo

Nun meldet sich auch Martin Bentz, der medizinische Klinikdirektor zu Wort: "Im Haus M haben wir zum Beispiel bereits einen Hybridsaal eingerichtet. Dieser hat zwei Funktionen: Operieren und Röntgenbilder erstellen. So können Patienten während der OP radiologisch durchleuchtet werden - bei geringer Strahlendosis, versteht sich. So können die operierenden Ärzte immer auf zwei- und dreidimensionale Bilder ihres Patienten zurückgreifen.

Medizinische Revolutionen?

Auf diese Weise sei es möglich, bei einer Operation so exakt wie nie zuvor zu arbeiten. Revisionsoperationen, die durch einen Fehler des Arztes entstehen, sollen damit der Vergangenheit angehören. "Die Psyche unserer Patienten soll ebenfalls nicht außer Acht gelassen werden", so Bentz. "Viele Jugendliche leiden, gerade seit der Pandemie, unter psychischen Problemen. Allerdings gelingt es ihnen selten, nahtlos von der Jugend- in die Erwachsenenpsychatrie überwiesen zu werden."

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Das wolle das Klinikum mit einem sogenannten Transitionszentrum ändern. "Dort sollen Jugendliche am Rande des Erwachsenenalters bei psychischen Problemen auch direkt an die Therapie für Erwachsene übergehen können", so Bentz. "Und dann haben wir noch etwas in Planung, was eine medizinische Revolution sein könnte."

Neue Stammzellen- und Krebstherapien

Stammzellenbehandlung solle in Zukunft ein immer größeres Thema werden - vor allem im Bereich der Krebsbehandlung. "Seit 2014 sind wir eines der wenigen Krankenhäuser in Deutschland, die für die Stammzellenbehandlung zertifiziert sind. Vor allem den Krebspatienten kommt das  zugute", sagt er. "Während einer Chemotherapie wird das Immunsystem eines Patienten teils sehr stark belastet. Doch durch Stammzellenbehandlung kann es neu aufgebaut werden."

"Haus M" - Städtisches Klinikum Karlsruhe
Im Haus M des Klinikums sollen einige neue Technologien zum Einsatz kommen. | Bild: Markus Kümmerle, Städtisches Klinikum Karlsruhe

Und das sei nicht das gesamte Potenzial der Stammzellen. "Seit knapp fünf Jahren wird ein neues Verfahren in der Krebstherapie eingesetzt, das nun auch im Klinikum Karlsruhe verfügbar sein wird: Die Car-t-Zellen-Therapie. Diese ist hochmodern und ermöglicht es, die Krebszellen anzugreifen, ohne größere Schäden am Rest des Organismus zu verursachen. Sie ist schonend und sehr effizient. Besonders bei Haut- und Blutkrebs zeigte sie sich bereits erfolgreich", erklärt er.

Karlsruhe: Stadt der Innovation

Bentz halte es durchaus für denkbar, dass die Car-t-Zellen-Therapie bald auch für solide Tumore eingesetzt wird. "Vielleicht wird durch diese neuen Behandlungsmöglichkeiten bald ein neues Zeitalter in der Krebsbehandlung anbrechen. Hier in Karlsruhe verfolgen wir diese neuen Ansätze schon jetzt. Wir haben sogar schon den ersten Patienten dafür."

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Allzu düster scheint die Zukunft des Klinikums also nicht auszufallen. Neue Technologien und Behandlungsmethoden gehörten genauso zum Klinikum wie Personalmangel und Energieprobleme.

"Ich möchte mich noch einmal bei allen bedanken, die auch in Zeiten wie diesen ihr Bestes geben. Besonders beim Pflegepersonal. Ich bin sicher, wir können die Karlsruher Medizin mithilfe aller in eine gute Zukunft führen", schließt Geißler. Immerhin seien in der Fächerstadt seit jeher die technologischen Vorreiter zu Hause.

 
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