Stefan Lux habe alles versucht. Zumindest alles, was in der Macht einer Privatperson steht, um der Klimakrise entgegenzuwirken: "Petitionen, Gespräche mit Entscheidungsträgern, Bürgeranfragen - kurzum: legale Mittel; seit 40 Jahren versuchen Menschen mit ähnlichen Anliegen wie ich, die Politik damit zu bewegen, gegen die Klimaerwärmung vorzugehen", so Lux im Gespräch mit ka-news.de. "Aber es ist nichts passiert."

Stefan Lux, Aktivist der "Letzten Generation".
Stefan Lux (40), Aktivist der "Letzten Generation" aus dem Großraum Mainz. | Bild: Stefan Lux

Das habe den Diplomingenieur und dreifachen Vater dazu bewegt, Protestmöglichkeiten jenseits des Gesetzes zu suchen. "Ich wollte wirklich etwas bewirken. Und die Mentalität des zivilen Ungehorsams, die die 'letzte Generation' Zeit ihres Bestehens an den Tag legte, wirkte faszinierend auf mich und bewegte mich dazu, mich ihr anzuschließen", erklärt er. "Seit den ersten Straßenblockaden in Berlin war ich dabei. Gestern dann das erste Mal in Karlsruhe."

Die "Letzte Generation" blockiert die Südtangente

Gemeinsam mit fünf anderen Aktivisten hat Lux am gestrigen Montag unangemeldet die Kriegsstraßenzufahrt zur Zeppelinstraße blockiert, wodurch der Verkehr von der Südtangente in die Stadt blockiert wurde. Gassen für Rettungsfahrzeuge wurden offengelassen.

"Ich selbst war einer der beiden, der sich an der Fahrbahn festgeklebt hat", erklärt Lux. Es sei nicht das erste Mal gewesen, dass er sich in dieser Situation befand, doch Lux zweifle daran, dass er jemals Routine dafür entwickeln werde.

Stefan Lux' Hand klebt an der Straße.
Stefan Lux' Hand klebt an der Straße. | Bild: Letzte Generation

"Kaum jemand von uns klebt sich gerne an die Straße. Es ist sehr unangenehm und stellt einen unter konstanten Stress,  außerdem wird nun wegen Nötigung und gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr gegen uns ermittelt", sagt Lux.

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"Trotzdem sehe ich keine andere Möglichkeit als skandalträchtige und teils illegale Aktionen, um die Öffentlichkeit auf die Klimakrise aufmerksam zu machen", erklärt er. Zumindest aber sei die Atmosphäre des Protests in Karlsruhe in einem gemäßigten Rahmen geblieben.

Viel Verständnis und Besonnenheit in Karlsruhe

"Während der Anfangszeiten in Berlin handelte die Polizei sehr aggressiv. Außerdem gab es den Fall, dass eine Aktivistin von einem Passanten geohrfeigt wurde", so Lux weiter. "In Karlsruhe konnte ich aber nichts davon erkennen. Die Polizei war sehr besonnen und freundlich und auch die Passanten und Autofahrer zeigten bisweilen Verständnis und sogar Sympathie."

"Letzte Generation", Straßenblockade in Karlsruhe
Bild: Letzte Generation

Zwar habe es einiges an Frustration und Beschimpfungen gegeben, doch gleichzeitig "haben einige Fußgänger und Radfahrer im Vorbeigehen applaudiert und manche Autofahrer sind sogar ausgestiegen, um mit uns zu sprechen. Diejenigen, die uns beschimpft haben, wurden manchmal sogar von anderen Autofahrern zurechtgewiesen", wie er berichtet. Auch zu dicht an die Aktivisten aufgefahren sei niemand.

"Wir wollen nachahmbar sein"

"Zu keiner Zeit hatte ich das Gefühl, in Gefahr zu sein", erklärt Lux. "Im Gegenteil. Es gab in Karlsruhe einen regelrechten Strauß an Reaktionen und jede davon gewaltfrei. Sogar die Polizei bot uns, nachdem die Feuerwehr den Kleber gelöst hatte, an, auf weitere Strafmaßen zu verzichten, wenn wir sofort gehen. Das fand ich hier in Karlsruhe sehr beeindruckend." Natürlich sei es auch Teil der Planung gewesen, die Gefahr zu minimieren.

"Letzte Generation", Straßenblockade in Karlsruhe
Nahe aber nicht gefährlich nahe, sagt Lux. | Bild: Letzte Generation

"Wir wählten diese Zufahrt der Südtangente deshalb, da das Verkehrsaufkommen hier groß genug für die Botschaft des Protests ist, aber nicht so groß, dass wir durch die bloße Fahrtgeschwindigkeit in ernsthafter Gefahr wären", so Lux. "Die 'Letzte Generation' würde sich sicher nicht auf die Autobahn knien oder ostentativ ihre körperliche Unversehrtheit riskieren. Wir wählen jeden Ort mit Bedacht." 

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Schließlich seien die Aktionen der letzten Generation auch auf Nachahmbarkeit ausgelegt. "Wir wollen nicht nur Aufmerksamkeit generieren, wir wollen, dass die 'Letzte Generation' mit ihrem Engagement für das Klima zu einer breiten gesellschaftlichen Bewegung wird. Wir wollen durch die Nachahmbarkeit erreichen, dass sich uns möglichst viele Leute anschließen", sagt er. Deshalb seien die Straßenblockaden auch deutschlandweit durchorganisiert.

"Protestaktionen in den vier Himmelsrichtungen Deutschlands"

"Am Montag zum Beispiel wurde unsere Protestaktion in Karlsruhe, Freiburg und Stuttgart abgehalten. Nächsten Montag werden es andere Städte sein. Ob und wann wir noch einmal nach Karlsruhe kommen, kann ich momentan nicht sagen, denn letztendlich organisieren wir uns in Gruppen, die die Proteste wöchentlich in allen vier Himmelsrichtungen Deutschlands abhalten", erklärt Lux.

"Letzte Generation", Straßenblockade in Karlsruhe
Bild: Letzte Generation

"Blockaden in Berlin sollten ursprünglich die einzige Aktion bleiben. Doch wenn wir uns im Medienfokus halten wollen, um Aufmerksamkeit für den Klimaschutz zu generieren, müssen wir immer wieder neue Variationen des Protests abhalten." Diese reichten von Straßenblockaden bis hin zum Deaktivieren von Gas-Pipelines durch ihre Notfallventile.

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"Keine dieser Aktionen wird angemeldet. Wir sind einfach der Ansicht, dass die Botschaft des Klimaschutzes nicht mit genügend Nachdruck vermittelt werden kann, wenn wir uns nur im Rahmen des legalen Systems bewegen", so der Aktivist. "Trotzdem verzichten wir immer auf Gewalt und bereiten unsere Mitglieder auch gründlich darauf vor."

Schulungen im Geist des zivilen Ungehorsams

Ob online oder vor Ort, bevor ein Mitglied der "Letzten Generation" aktiv an einer Protestaktion teilnimmt, wird jedes davon Schulungen und Trainingseinheiten unterzogen: "Wir üben durch Rollenspiele, wie es ist, auf einer befahrenen Straße auszuharren, eignen uns rechtliche Grundlagen an, lernen, wie man Provokationen erträgt und vor allem, wie man gewaltlos bleibt", so Lux weiterhin.

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"Ziviler Ungehorsam in gewaltlosem Rahmen erscheint uns einfach als die erfolgversprechendste Möglichkeit, um die Politik zum Klimaschutz zu bewegen", erklärt er. "Dabei setzen wir uns auch mit historischen Beispielen für erfolgreichen Zivilen ungehorsam auseinander, wie beispielsweise bei Martin Luther King oder Mahatma Gandhi."

Und auch wenn die Repressionen in Deutschland kaum mit Kings und Gandhis Zeiten vergleichbar sind, fordere der Aktivismus doch seinen Tribut.

"Wir handeln nicht aus Überzeugung sondern aus Verzweiflung"

"Eigentlich stamme ich aus dem Großraum Mainz und bin auch häufig dort oder im Großraum Frankfurt am Main aktiv. Allerdings werde ich auch häufig mit einer Gruppierung der 'Letzten Generation' eingeteilt, um in verschiedenste Städte - wie etwa Karlsruhe - zu reisen", so Lux' weitere Aussage. "Das alles geschieht auf freiwilliger Basis, kann aber enorm belasten."

"Letzte Generation", Straßenblockade in Karlsruhe
Viele besuchte Städte, viele Proteste, viel Energie, die dort hineininvestiert wird. | Bild: Letzte Generation

Jegliches Engagement und Protestaktionen kommen für Lux immerhin zu seinem Arbeits- und Familienleben hinzu. "Hobbys oder Freizeit habe ich fast gar nicht mehr. Zeit, die Städte, die ich Besuche auch wirklich zu erkunden genauso wenig zwischen Job und Familie", sagt er.

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"Wenn ich eine andere Möglichkeit für mich sehen würde, die Politik zum Klimaschutz zu bewegen, würde ich sie ergreifen. Ich glaube, das gilt für alle Mitglieder der 'Letzten Generation'. Wir handeln nicht aus Überzeugung und schon gar nicht für den Nervenkitzel. Wir handeln aus Verzweiflung und aus panischer Angst um die Zukunft." Dazu kämen außerdem einige Gewissenskonflikte.

"Ich fahre mit dem Auto zu den Protestaktionen"

Der eigene CO2-Fußabdruck der Aktivisten werde durch die Protestaktionen meist noch verschlimmert. "Ich selbst fahre mit dem Auto zu den meisten bundesweiten Aktionen, verbrauche Plastik und esse auch Fleisch. Mit diesem Widerspruch muss ich als Aktivist bis hin zu einem gewissen Grad leben", erklärt Lux. 

"Letzte Generation", Straßenblockade in Karlsruhe
Bild: Letzte Generation

"Natürlich versuchen wir alle, unseren ökologischen Fußabdruck so niedrig zu halten, wie wir können. Aber es ist derzeit nun einmal fast niemandem möglich, völlig und vollständig CO2-neutral zu leben. Es gibt systemische Grenzen, in denen wir uns alle Bewegen. Diese systemischen Grenzen sind es, die wir anprangern und gegen die wir hier in Deutschland letztendlich ein Zeichen setzen wollen", so seine Worte.

"Wir sind sehr privilegiert in Deutschland"

In diesem Zusammenhang sei Lux mehr als klar, dass solcher ziviler Ungehorsam in Deutschland vergleichsweise einfach ist. "Wir leben in einer wohlhabenden Demokratie und sind hier sehr privilegiert", sagt er. "Allerdings basieren die meisten unserer Privilegien auf den Missständen in anderen Erdteilen", sagt er. 

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An dieser Stelle ende seine Argumentation, wie sie begonnen hat: Bei den mangelnden Klimaschutzmaßnahmen der Politik. "Bisher hat die deutsche Regierung die Krise nur verschlimmert. Sämtliche Emissionseinsparungen, die Deutschland verzeichnen konnte, gingen zulasten anderer Staaten. Global - und da findet die Klimakrise statt - ändert das nichts", meint Lux.

"Deshalb möchte ich meine Privilegien nutzen, um mich zumindest in kleinen Dimensionen für die Lebensbedingungen unterprivilegierter Menschen und für eine Zukunft ohne Klimakatastrophen einzusetzen."