In den rund drei Jahren ihres Bestehens hat die Protestbewegung Fridays for Future (FFF) keine Zweifel gelassen, dass sie die Klimaschutz-Maßnahmen der Politik für zu inkonsequent hält. Und während die Ziele und Methoden der FFF-Bewegung schon seit der ersten Stunde kritisch beäugt wurden, ist es dieser Tage eine andere Bewegung, die den Medienfokus durch noch drastischere Protestaktionen einnimmt - und die noch entschiedeneres Handeln von der Politik fordert.

"Die letzte Generation, die den Klimawandel aufhalten kann"

"Die sogenannte 'letzte Generation' ist ebenfalls eine Protestbewegung, die ähnliche Ziele wie Fridays for Future verfolgt. Trotzdem sind wir unterschiedliche Organisationen", sagt Pawel Bechthold, seit 2019 Aktivist bei Fridays for Future Karlsruhe, gegenüber ka-news.de.

"Eine Ordnung der 'letzten Generation' gibt es in Karlsruhe nicht", fügt sein Mitstreiter Henry Boos hinzu. "Aber natürlich müssen sich auch die hiesigen Umweltorganisationen mit ihrer Medienpräsenz auseinandersetzen."

Pawel Bechthold (18), Mitorganisator der Fridays for Future Bewegung Karlsruhe.
Pawel Bechthold, Mitorganisator der Fridays for Future Bewegung Karlsruhe. | Bild: Karsten Killian

Freiburg im Breisgau und Berlin seien nur zwei Städte, in denen die "letzte Generation" Hungerstreiks und Straßenblockaden abgehalten hat. Teilweise haben sich Mitglieder über längere Zeit an den Asphalt festgeklebt, um den Straßenverkehr aufzuhalten.

"Ihre Intention war dabei, gegen Lebensmittelverschwendung vorzugehen, womit was wir eigentlich auch vollauf unterstützen", so Bechthold. "Allerdings sehen wir von Fridays for Future die 'letzte Generation' in einigen Aspekten kritisch."

"Trotz Kritik hegen wir Respekt für die 'letzten Generation'"

Der Grund: Die "letzte Generation" vertrete sehr viel drastischere Ansichten zum Thema Klima- und Umweltschutz. "Sie zeichnen ein deutlich düstereres Bild als FFF. Ihrer Ansicht nach hat die gesamte Menschheit noch zwei Jahre Zeit zu massiven Veränderungen, bevor jede weitere Maßnahme zwecklos sein wird. Dabei stützen sie sich auf Wissenschaftler, die häufig aufgrund extremer Prognosen auffallen", sagt Boos.

Henry Boos, Aktivist bei Fridays for Future Karlsruhe.
Henry Boos, Aktivist bei Fridays for Future Karlsruhe. | Bild: Fridays for Future Karlsruhe

"Fridays for Future möchte bei fundierten und von einer breiten Wissenschaft anerkannten Fakten bleiben. Auch die Methoden von Hungerstreiks oder sich an befahrene Straßen zu kleben ist etwas, dass es von uns in Karlsruhe nicht geben wird. Aber selbst wenn wir nicht alle Methoden und Ansichten der 'letzten Generation' teilen, hegen wir dennoch einen wechselseitigen Respekt zu dieser Gruppierung", so der Aktivist.

"Nur Wenige kennen das Ausmaß der Lebensmittelverschwendung"

Als extremistisch könne man die "letzte Generation" nämlich keineswegs einschätzen. "Der Verfassungsschutz hat die 'letzte Generation' bereits beobachtet und bestätigt, dass kein Extremismus erkennbar ist", so Bechthold.

"Im Gegenteil, ihre Mitglieder entstammen der Mitte der Gesellschaft, von Jugendlichen, über Eltern bis hin zu Senioren. So gesehen besteht die 'letzte Generation' also aus normalen Bürgern, die berechtigte Sorgen um ihre Zukunft haben."

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Und gerade wofür sich die "letzte Generation" inhaltlich starkmache, sei für Fridays for Future ein vitales Thema: "Sie versuchen mit den teils drastischen Aktionen auf den hohen Grad an Lebensmittelverschwendung in Europa aufmerksam zu machen. Das ist deshalb wichtig, weil so ziemlich jeder gegen Lebensmittelverschwendung ist, aber nur wenige wissen, welche Ausmaße diese Verschwendung in der EU überhaupt annimmt", ergänzt Boos.

"Supermärkte sind gesetzlich zur Verschwendung verpflichtet"

Jener berühmte Krümmungswinkel, nach denen Bananen von der EU aussortiert würden, sei zu diesem Thema nur die Spitze des Eisbergs. "Supermärkte sind gesetzlich verpflichtet, sich bei Lebensmitteln nach Verfallsdatum zu richten", erklärt Bechthold.

"Alles was dieses Datum überschreitet wird weggeworfen, obwohl es teilweise noch konsumierbar wäre. Gleichzeitig werden immer neue Lebensmittel bestellt, um das Angebot stabil zu halten. So entsteht ein Überfluss, der zu einem großen Teil im Müll landet."

Lebensmittel liegen in einer Mülltonne: Jüngere Menschen werfen deutlich häufiger Lebensmittel in den Abfall als ältere Generationen.
(Symbolbild). | Bild: Patrick Pleul

Vier Prozent der Treibhausemissionen seien auf diese Lebensmittelverschwendung zurückzuführen - ein Sachverhalt, gegen den weit mehr Protestaktionen existieren als nur die Straßenblockaden. Das sogenannte "Containern" sei derzeit eine weitverbreitete Methode unter Umweltaktivisten, an der sich auch schon Fridays for Future in Karlsruhe beteiligt habe.

"Gesetze zu brechen, die gegen den Klimaschutz wirken, kann legitim sein"

"Beim Containern werden die von den Supermärkten weggeworfenen Lebensmittel gestohlen und entweder gespendet oder selbst konsumiert. Ja, das ist gesetzwidrig. Einige Aktivisten waren auch durchaus bereit, die entsprechenden Konsequenzen zu tragen und haben sich nach dem Containern selbst angezeigt. Die Polizei hat diese Anzeigen aber meist wegen Geringfügigkeit abgewiesen", erklärt Bechthold.

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Ob das Überschreiten von Gesetzen für eine Protestaktion gerechtfertigt sei, bejahen die beiden Aktivisten. "Wenn Gesetze gegen den Klimaschutz wirken, kann es legitim sein, sie zu brechen", sagt Boos. "Natürlich gibt es auch da eine Grenze, aber man kann die Welt nicht verändern, wenn man immer nur nach den Regeln spielt." Das ganze Konzept von Fridays for Future beruhe immerhin auf einem Gesetzesübertritt.

"Ein paar Minuten Stau sind ein probates Mittel"

"Indem wir freitags demonstriert haben, verletzten wir die Schulpflicht. Aber gerade dadurch gelangten wir an große Aufmerksamkeit - immerhin sprechen die Medien nun regelmäßig mit uns und die größte Demonstration in Karlsruhe mit 20.000 Teilnehmern fand im Kontext von FFF statt", so Bechthold. "Und während die Öffentlichkeit erst über unsere Methoden gesprochen hat, sprach sie nach und nach auch über unsere Inhalte."

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Viele Protestaktionen, wie etwa die Freitagsstreiks oder das Containern würden sich auch nach und nach normalisieren und zum integren Bestandteil des Aktivismus werden. "Aus diesem Grund ist es sehr wohl möglich, dass die Straßenblockaden der 'letzten Generation' ebenfalls auf breitere Gesellschaftsschichten überspringen werden", meint Bechthold.

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"Demonstrationen verursachen immerhin von sich aus Störungen im Verkehr. Wir werden deshalb aber natürlich nicht aufhören zu demonstrieren und wenn nötig, lassen wir immer eine Rettungsgasse – so wie der Aufstand der letzten Generation übrigens auch", sagt der Aktivist und sein Mitstreiter ergänzt: "Bei dem, was uns mit der Klimakrise droht, sind ein paar Minuten Stau ein probates Mittel."