"Die Lage ist unverändert ernst", sagt Kretschmann bei einer Pressekonferenz des Landes am Dienstagmittag. Es sei nachvollziehbar, dass sich viele Menschen eine Rückkehr zum normalen Leben wünschen. 

Keine Lockerung der Maßnahmen

Aber: Eine Debatte zur Lockerung der Maßnahmen wäre zum jetzigen Zeitpunkt nicht seriös. Zu viele Fakten fehlen; zu viele offene Fragen gibt es noch bezüglich Schutzkleidung, Beatmungsgeräten und Test-Möglichkeiten. "Bitte halten Sie sich an Regeln und bringen Sie Geduld auf, das einfach jetzt so zumachen und nicht irgendwelche Ausstiegsdebatten zu führen. Das ist der falsche Zeitpunkt."

Der Zeitraum, in dem sich die Zahl der Infizierten verdoppelt, hat sich vergrößert, so Kretschmann: Von drei auf fünf Tage. Das sei gute Nachricht, aber für eine Gesamtbewertung noch zu früh. "Deswegen verbieten sich meiner Ansicht nach Spekulationen zu einer Lockerung der Regeln zur Kontaktvermeidung zum gegenwärtigen Zeitpunkt."

Die meisten Bürger in Baden-Württemberg hielten sich an die Regeln, aber man habe auch eine Anstieg an Verstößen gesehen. Das werde man so nicht dulden, so Kretschmann. Am Sonntag hat das Land einen entsprechenden Bußgeldkatalog in Kraft gesetzt.

"Welle von Infizierten" kommt noch

"Die Experten sagen uns, dass wir in der kommenden Woche eine Welle an Erkrankten in unseren Krankenhäusern erleben werden", so Kretschmann. Die Zahl der Infizierten Stand heute sind die Personen, welche sich vor zwei Wochen angesteckt haben - "also zu einem großen Teil, bevor wir die Maßnahmen zur Kontaktvermeidung beschlossen haben". 

Seit zwei Wochen sind in Baden-Württemberg zahlreiche Einzelhandel-Einrichtungen, Schulen, Kindertagesstätten und Hochschulen geschlossen: Zur Kontaktvermeidung und Eindämmung des Corona-Virus wurde das öffentliche Leben auf ein Minimum reduziert. 

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"Wie diese Maßnahmen wirken, können wir erst in einer Woche richtig beurteilen", so Kretschmann am Dienstag. Deswegen müssen die ergriffenen Maßnahmen weiterhin bestehen bleiben. Die Schulen und Hochschulen haben bis zum 19. April geschlossen - die Ausgangsbeschränkungen sind in der Landesverordnung festgelegt, welche bislang bis zum 15. Juni gültig ist.  Dieser Stichtag kann jederzeit geändert werden.

"Haben gute Linie, die halten wir"

"Ich bin sehr froh darüber, dass wir im Moment nicht über weitere Verschärfungen reden müssen. Wir haben in Baden-Württemberg eine gute Linie und die halten wir", so Innenminister Thomas Strobl. Es sei selbstverständlich, dass die weitreichenden Maßnahmen nur so lange aufrecht erhalten werden, wie es unbedingt notwendig ist, so Strobl.

Thomas Strobel (CDU), Innenminister von Baden-Württemberg.
Thomas Strobel (CDU), Innenminister von Baden-Württemberg. | Bild: Bernd Weißbrod/dpa/Archiv

Für Debatten der Lockerung sei es jetzt aber zu früh. "Es darf nicht der Eindruck enstehen, das alles sei nicht so schlimm oder nicht mehr so schlimm." Die Einhaltung der Maßnahmen sei für das Retten von Menschenleben wichtig.

3.000 Verstöße am Wochenende

Besorgt ist der Innenminister mit Blick auf die Osterfeiertage und gutes Wetter. Er mahnt daher, sich an die Regeln zu halten. Die Rechtslage ist klar: "Der Aufenthalt im öffentlichen Bereich ist nur mit einer weiteren, nicht im Haushalt lebenden Person, gestattet."

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Die Landespolizei wird die Einhaltung der Corona-Verordnung weiterhin kontrollieren. Das scheint angesichts der Erfahrungen des vergangenen Wochenendes notwendig: Allein von Freitag bis Sonntag wurden landesweit 3.000 Ordnungswidrigkeiten beziehungsweise Straftaten zur Anzeige gebracht, davon knapp 2.000 wegen des Zusammentreffens von mehr als zwei Personen.

Wie steht es um Schutzkleidung und Krankenhausbetten?

"Bisher reichen unsere Krankenhauskapazitäten aus", so Kretschmann. Derzeit stocke man nach Kräften die Anzahl der Krankenhausbetten mit Beatmungsplätzen auf.  In Baden-Württemberg gibt es Stand Dienstag 54.000 stationäre Krankenhausbetten und 2.000 Beatmungsplätze. Letztere wird aktuell auf 2.800 erhöhte. Weiterhin will man, sofern möglich, die rund 25.000 bestehenden Reha-Plätze für leichtere Akut-Fälle verwenden.

Um die Kapazitäten im Land besser planen und Patienten besser verteilen zu können, wird das Land seine Plätze in den kommenden Tagen bei der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) vermerken.

Wild-West-Methoden bei Kampf um Schutzausrüstung

Man arbeite mit Hochdruck an der Beschaffung von Beatmungsgeräten und Schutzausrüstung. "Nach diesen Instrumenten sucht derzeit die ganze Welt", so Kretschmann. Das Land stehe in "brutaler Konkurrenz" auf dem Weltmarkt.

"Ein bisschen wie Wild West", beschreibt Lucha die Verhandlungen. Aber man habe in den vergangenen Tagen entsprechende Mittel beschaffen können: Ein Vertrag mit einem Hersteller in Baden-Württemberg zur Lieferung von bis zu 30 Millionen Schutzmasken konnte die Tage geschlossen werden.

Gesundheitsminister Manne Lucha.
Gesundheitsminister Manfred Lucha. | Bild: Sebastian Gollnow/dpa/Archivbild

Hilfreich sei auch die landesweite Initiative, bei welche sich Unternehmen wie Schnapsbrenner bei der Produktion von Desinfektionsmittel beteiligen.

"Gesundheitssystem wird an Grenze kommen"

"Unser Gesundheitssystem wird in nächster Zeit an seine Belastungsgrenze kommen. Wir tun alles mögliche, damit diese Grenze nicht überschritten wird", sagt Kretschmann am Dienstag.

Baden-Württemberg gehört neben Bayern und der Region Heinsberg in Nordrhein-Westfalen zu den Corona-Hotspots. Auch aus diesem Grund testet derzeit kein Bundesland mehr als Baden-Württemberg: 150.000 bis 200.000 Testungen seien im März durchgeführt worden, so Gesundheitsminister Manfred Lucha.

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"Die nächsten 14 Tage sind für uns absolut entscheidend", so Lucha. Es sei weiterhin wichtig, sich bei sozialen Kontakten maximal zurückzuhalten; die soziale Distanz "in oberster Disziplin so weiterzuführen, wie wir es bisher in großem Stil gezeigt haben."

Hintergrund

Über die aktuelle Coronalage in Baden-Württemberg informierte am Dienstag die grün-schwarze Landesregierung. Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Sozialminister Manne Lucha (beide Grüne) und Innenminister Thomas Strobl (CDU) geben zunächst öffentliche Statements und beantworteten dann Fragen von Journalisten. Die Pressekonferenz wurde über einen Livestream übertragen.

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