Er lebt! Der Karlsruher Fächerwurm hat ein Lebenszeichen abgegeben - und was für eins. Das mächtige Schneidrad des Tunnelbohrers "Herrenknecht-Mixschild S-869" setzte sich am Donnerstag in Bewegung, als Oberbürgemeister Frank Mentrup im Rahmen der Werksabnahme in Schwanau den roten Knopf drückte.

80 Meter lang, 9,29 Meter Durchmesser, 1.645 PS und 1.300 Tonnen schwer: das sind die Dimensionen des Stahlmonsters. Das riesige Schneidrad in den Karlsruher Satdtfarben - bestückt mit 29 Schneidrollen und 156 Schälmessern aus gehärtetem Spezialstahl - frisst sich bald durch den Karlsruher Untergrund. Der Fächerwurm nagt sich dabei in einer Tiefe von 4,50 Meter bis 9,50 Meter überwiegend durch Kies und Sand - aber immer unterhalb des Grundwasserspiegels.

Das Stahlmonster ist bereit

Günter Richter, Projektleiter bei Herrenknecht, erklärte, man habe den perfekten Bohrer für den "geologisch schwierigen Karlsruher Untergund und die äußerst anspruchsvollen Rahmenbedingungen" entwickelt. "Eine Top-Methode für innerstädtischen Tunnelbau". Man freue sich "termingerecht am Zielpunkt" angekommen zu sein und nun die Maschine zu übergeben.

Im Rahmen der Werksabnahme beim Tunnelmaschinenbauer Herrenknecht sagte OB Mentrup: "Das ist ein ganz besondere Meilenstein auf dem Weg zur Fertigstellung der Karlsruher Kombilösung." Das ambitionierteste Projekt der Kombilösung sei der 2.046 Meter lange Stadtbahntunnel durch die Innenstadt. Die Übergabe des Tunnelbohrers habe daher einen "hohen symbolischen Wert für den Fortschritt des Projekts". Nicht nur die Maschine in Schwanau sei bereit, sondern auch die Baustelle in Karlsruhe.

Fächerwurm kommt mit 80 Lkw

Die Tunnelvortriebsmaschine soll Ende Oktober dieses Jahres am Durlacher Tor ihre Arbeit beginnen. Zuvor wird das Stahlmonster auf dem Werksgelände in Schwanau zerlegt, verpackt und mit insgesamt 80 Lkw-Ladungen nach Karlsruhe gebracht. Bereits im Juni sollen die ersten Bauteile in der Fächerstadt eintreffen. Ende Oktober soll der Fächerwurm dann unter der Erde komplett zusammengebaut und startklar sein. Etwa neun Monate braucht das Ungetüm für seine unterirdische Reise vom Durlacher Tor bis zum Mühlburger Tor.

Meter um Meter werden dann Kies und Sand abgetragen. Mit insgesamt 1.210 Kilowatt Leistung aus 11 Elektromotoren schiebt sich die Tunnelvortriebsmaschine dann langsam unter der Fußgängerzone hindurch - bei laufendem Betrieb der Stadtbahnen und Straßenbahnen. Die Schneidrollen und Schälmesser müssen von Zeit zu Zeit ausgetauscht werden, da sie stumpf werden. Laut den Fachleuten dürfte man von der Arbeit des Fächerwurms oben übrigens nichts bemerken. "Da sind die Erschütterungen der Straßenbahnen deutlich spürbarer", so Marko Schimmelpfennig, Gesamtprojektleiter der Arge Stadtbahntunnel.

Schildfahrer steuert das Ungetüm

Das abgetragene Gestein wird mit Bentonit verflüssigt und über eine 40 Zentimeter dicke Rohrleitung zu einer Anlage am Durlacher Tor gepumpt, die die Flüssigkeit zurückgewinnt und wieder nach Westen der Tunnelborhmaschine zuführt. Sollten sich zwischen Kies und Sand auch größere Steinbrocken befinden, so werden diese von einem Steinbrecher zermalmt, ebenfalls verflüssigt und dann abgepumpt.

Fächerwurm - Der Karlsruher Tunnelbohrer

10 Fakten über den Karlsruher Tunnelbohrer

Das Rohrsystem - sozusagen der Schwanz des Fächerwurms - wächst und wächst daher mit jedem Meter, den der Bohrer vorankommt. Etwa 11 Tunnnelbauer befinden sich zudem immer während der Bohr-Fahrt vorne im Führerhaus der Mega-Maschine, darunter auch der Schildfahrer. Er steuert das Ungetüm mithilfe von Knöpfen und Hebeln - aber ohne klassisches Steuerrad.

Vorne wird gegraben, hinten der fertige Tunnel ausgespuckt: Denn hinter dem Schneidrad und dem Schild, eine Art Stahlröhre, in deren Schutz die Tunnelauskleidung eingebaut wird, folgt der sogenannte Erektor: In diesem Bereich werden sechs Tübbinge (Betonteile) aus Stahlbeton mit einem Einzelgewicht von bis zu sechs Tonnen zu einem Ring zusammengesetzt. Die aneinandergereihten Ringe ergeben schließlich die Tunnelröhre mit einem Innendurchmesser von 8,20 Meter. Der Bohrer hinterlässt sozusagen einen fertigen Tunnelrohbau.

"Karlsruhe macht Sprung in die Zukunft"

Am Ende seiner Fahrt stößt der Fächerwurm am Mühlburger Tor wieder ans Tageslicht. Danach wird er dort demontiert und dann einem "weiteren Verwendungszweck" zugeführt oder aufgrund einer Rückgabeoption von der Arge wieder an die Firma Herrenknecht verkauft. Wie viel der aktuell prognostizierten Gesamtkosten von rund 870 Millinen Euro für die Kombilösung auf den Tunnelbohrer fallen, wollte man bei dem Vor-Ort-Termin aber nicht verraten.

Auch Vertreter der Karlsruher Schieneninfrastruktur-Gesellschaft (Kasig) und der Arge Stadtbahntunnel sowie der "Urvater der Kombilösung" Heinz Fenrrich kamen zur Abnahme nach Schwanau. OB Mentrup dankte seinem Vorgänger für sein Engagement und seine Überzeugungsarbeit für das Karlsruher Mega-Projekt. "Karlsruhe macht in wenigen Jahren einen Sprung in die Zukunft, um den uns viele Städte beneiden werden", so Mentrup.

Gerlinde Hämmerle  ist Tunnelpatin

Karlsruhes Ehrenbürgerin Gerlinde Hämmerle (Regierungspräsidentin von 1994 bis 2005) wird  Tunnelpatin des Karlsruher Stadtbahntunnels. Als Vertreterin der Heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute, soll sie künftig über das Vorhaben wachen und der Karlsruher Mannschaft Glück bringen. Aufgabe der Tunnelpatin ist, den im Bau befindlichen Tunnel zu besuchen - insbesondere am "Barbara-Tag" am 4. Dezember. Die Funktion der Tunnelpatin ist nicht automatisch verbunden mit der Namensgebung für den später einmal fertiggestellten Tunnel.

Die Herrenknecht AG mit Sitz in Schwanau ist eigenen Angaben zufolge Technologie- und Marktführer im Bereich der maschinellen Tunnelvortriebstechnik. Weltweit beschäftigt der Konzern rund 5.000 Mitarbeiter, darunter über 200 Auszubildende.

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Hier eine Skizze der Mega-Maschine zum Herunterladen:

Dateiname : Kasig-Skizze Tunnelbohrmaschine
Dateigröße : 1217639
Datum : 28.03.2014
Download : Jetzt herunterladen

 

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