Von der Fautenbruchstraße führt die Kurze Straße auf ein eigentlich abgelegenes Bahngelände - Ort des Geschehens in Punkto Straßenstrich. Prostituierte bedienen hier ihre Freier und hinterlassen leider auch das "Beweismaterial".

Kondome auf Zäunen und in Hecken

Kondome, Tücher und Verpackungen säumen den Rand der Kurzen Straße, teilweise sind die "Pariser" auch an Hecken und Zäunen aufgespießt. Und das stört vor allem die ansässigen Kleingärtner. Denn so abgelegen die Straße auch ist - daneben erstreckt sich ein riesiges Kleingartengelände. Die Gärtner selbst werden oft unfreiwillig Zeugen des Geschäfts, und sind es leid, den Müll von ihren Grundstücken wegzuräumen.

"Am schlimmsten ist eigentlich, dass viele Kindergruppen hier auf dem Weg zum Sportunterricht durchlaufen", wirft ein Gärtner ein. Diese würden durchaus auf den herumliegenden Spezialmüll aufmerksam. Eher vernachlässigbar sei vor diesem Hintergrund, dass er selbst dem Geschäft der Prostituierten und ihrer Freier vor seinem Zaun oder auf der Motorhaube vor dem Kleingarten zuschauen müsse.

"Prostitution haben wir hier seit mehr als 20 Jahren", erläutert Hans-Peter Kunzmann, Vorsitzender der Bahn-Landwirtschaft. Er verwaltet 1.500 Kleingärten und ist Ansprechpartner für die Anrainer. Früher habe hier jedoch eine Prostituierte ihren Wohnwagen gehabt, inzwischen stünden täglich mehr Frauen am Straßenrand und werben äußerst aggressiv für ihre Dienste. "Egal wer im Auto sitzt, viele Damen treten auf die Straße und winken wild." Eine Kleingärtnerin berichtet, dass sie sich spätabends sehr unwohl fühle, wenn sie ihren Garten verlasse. Einschüchternd wirkten vor allem Zuhälter, die die Prostituierten von ihrem Auto aus im Blick behielten oder sie mit Kaffee versorgten.

Mit jenen Herren haben auch die Betreiber des nahe gelegenen Raiffeisenmarktes schon Bekanntschaft gemacht. Ein Versuch, die Damen nachts vom Gelände zu verweisen, habe in einer unangenehmen verbalen Auseinandersetzung mit den schnell auftauchenden Bewachern geendet. "Weil unser Gelände frei zugänglich und nicht umfriedet ist, haben wir keine Chance dagegen anzukommen", berichtet Marktleiter Bastian Böhringer. Man können lediglich Platzverweise aussprechen - die Kontrolle von diesen müsste der Markt nachts jedoch selbst übernehmen.

CDU will Ausweitung von Sperrbezirk

Weil das Thema den Karlsruhern unter den Nägeln brennt, hat sich auch die CDU-Fraktion Gedanken gemacht. Bei einer Begehung sprachen Fraktionsvorsitzende Gabriele Luczak-Schwarz sowie Fraktionskollegen mit den ansässigen Kleingärtnern. Die Christdemokraten wollen sich dafür stark machen, dass der Sperrbezirk erweitert und hierdurch der Straßenstrich verlagert wird. "Wohin, das muss dann die Stadtverwaltung entscheiden", so Luczak-Schwarz. Eine gemeinsame Aktion von Ordnungsamt und Polizei erscheine ihr sinnvoll. Zudem will die Fraktion einen Sicherheitsausschuss etablieren. "Denn Sicherheit ist ein harter Standortfaktor für unsere Stadt." Ein Verbot der Prostitution hält aber auch die CDU für den falschen Weg.

Auch die SPD-Fraktion und die Jusos fordern aktuell eine Neuregelung der Straßenprostitution nach dem Vorbild des Utrechter Modells. Dabei werden in einem ausgewiesenen Gebiet abgeschirmte Parkplätze eingerichtet. In diesen Anlagen soll es Polizeikontrollen und Hygieneeinrichtungen geben, um die Arbeitsbedingungen und Sicherheit von Prostituierten zu verbessern.

Die Stadt Karlsruhe selbst hat sich am Donnerstag ebenfalls zum Thema geäußert: "Wie in allen anderen Großstädten Deutschlands wird auch in Karlsruhe schon immer Prostitution betrieben, bislang aber eher unauffällig in den unterschiedlichen Etablissements oder Wohnungen", heißt es in einer Mitteilung der Verwaltung. Einen ausgeprägten Straßenstrich habe es bislang nicht gegeben. "Ausgenommen von Einzelfällen - wie etwa die Ansiedlung eines Bordellbetriebs in Durlach vor einigen Jahren - gab es aus der Karlsruher Bevölkerung bislang keine Beschwerden." Begonnen haben diese im Spätjahr 2013. "Auch wenn die Straßenprostitution außerhalb der Sperrbezirke nicht grundsätzlich verboten ist, waren die Beschwerden aus der Bevölkerung für mich Anlass, das Ordnungs- und Bürgeramt zu bitten, ein verstärktes Augenmerk auf die Situation vor Ort zu richten", erklärt Bürgermeister Wolfram Jäger, der für die Sicherheit und Ordnung in Karlsruhe zuständige Dezernent.

Seither werde die Entwicklung der Szene vor Ort beobachtet. "Zwischen dem Ordnungs- und Bürgeramt und dem Polizeipräsidium Karlsruhe besteht auch bei diesem Thema ein enger Kontakt." Kontrollen erfolgten durch den Kommunalen Ordnungsdienst praktisch täglich. "Wenn es geboten ist, schreiten wir konsequent ein, doch sind uns vielfach die Hände gebunden. Prostitution - auch in Form der Straßenprostitution - ist nicht verboten", erklärt der Leiter des Ordnungs- und Bürgeramtes, Björn Weiße. Ein Einschreiten, etwa in Form von Platzverweisen gegenüber den Prostituierten, erfolge dann, wenn diese sich an Örtlichkeiten aufhalten, an denen eine Gefährdung des Jugendschutzes oder des Straßenverkehrs nicht ausgeschlossen werden kann. Zudem werde zu freizügiges Auftreten unterbunden, ebenso wie das aktive Ansprechen anderer Personen.

25 Frauen bieten sich gleichzeitig an

"Die Straßenprostitution in Karlsruhe existiert - allerdings besitzt sie nicht im gesamten Stadtgebiet den gleichen Stellenwert. In den meisten Stadtteilen von Karlsruhe gibt es keinen Straßenstrich - vor allem im östlichen Stadtgebiet oder in Durlach ist aus Sicht der Bevölkerung aber ein echtes Problem entstanden", erläutert Bürgermeister Wolfram Jäger. Noch sei die Anzahl der Frauen, die in Karlsruhe der Straßenprostitution nachgehen, im Verhältnis zu anderen Großstädten gering. Geschätzt seien es momentan etwa 25 Frauen, die zeitgleich ihre Dienste anbieten. Wie sich die Situation weiterentwickeln werde, könne derzeit kaum abschließend beantwortet werden. Auffällig sei allerdings, dass die meisten Frauen aus osteuropäischen Ländern stammten, was einen Zusammenhang mit der EU-Osterweiterung nahelege.

"Die Stadtverwaltung will aber nicht tatenlos abwarten und damit vielleicht eine Situation entstehen lassen, die nur noch schwer oder gar nicht mehr lenkbar ist. Ich habe daher für Ende März alle betroffenen Dienststellen der Stadtverwaltung zu einem Gespräch eingeladen", teilt Bürgermeister Jäger zum weiteren Vorgehen der Stadt mit. Im Rahmen dieses Gesprächskreises werde festgelegt, in welcher Form und mit welchen Schwerpunkten sich die Stadtverwaltung dem Thema annehmen wird. Folgen soll auf jeden Fall eine intensive Beschäftigung mit dem Thema "Prostitution in Karlsruhe". "Welche Lösungsansätze letztendlich dann für Karlsruhe richtig sind, wird sicherlich auch mit Beteiligung der politischen Gremien entschieden werden müssen", so Jäger. Bis dahin werden die bekannten Bereiche durch den Kommunalen Ordnungsdienst weiter kontrolliert.

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