"Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass es so weit kommt", sagt der Geschäftsführer des Klinikums Karlsruhe, Michael Geißler. "Aber die Corona-Situation im November 2021 ist mindestens genauso schlimm, vielleicht schlimmer als vor einem Jahr. Und das obwohl damals eine Impfquote von null Prozent vorherrschte." In der Tat seien die Corona-Zahlen in- und außerhalb des Klinikums alarmierend.

Bei leichten Symptomen zum Hausarzt 

"Bundesweit hatten wir zwei Tage in Folge über 37.000 Neuinfektionen und eine Inzidenz von 170. So hohe Werte hatten wir nicht einmal in den vorherigen Wellen. Auch die Todeszahlen haben mit 154 in 24 Stunden einen traurigen Rekord erreicht. Entsprechend sind auch unsere Intensivstationen sehr stark belastet", wie Geißler auf einer Pressekonferenz am Freitag ausführt.

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Dr. Michael Geißler und Elvira Schneider vertreten das Stadtklinikum für die Ärzteschaft und das Pflegepersonal. | Bild: Lars Notararigo

"Etwa jeder fünfte Patient, der in Baden-Württemberg auf die Intensivstation kommt, ist ein Covid-Patient", erklärt der Geschäftsführer. "Damit liegen wir bei einer fast doppelt so hohen Quote wie die Bundesebene und die Patienten werden immer mehr." Am Montag, 1. November seien landesweit 240 Corona-Patienten worden. Am darauffolgenden Freitag seien es schon 308 gewesen. Jeder Dritte davon habe ein erhöhtes Sterberisiko.

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Auch die Notaufnahme sei dabei massiv belastet. "Von September bis Oktober gingen 5.000 Patienten in die Notaufnahme ein. Viele davon hatten nur leichte Beschwerden oder fürchteten, sie seien mit Corona infiziert", so der Mediziner. Das stelle eine unnötige Ablenkung von akuteren Notfällen dar. "Ich kann die Menschen nur bitten: 'Besuchen Sie bei leichten Symptomen zunächst Ihren Hausarzt'." Das Klinikum habe nämlich massive Probleme mit dem hohen Andrang.

"Für jeden Covid-Patienten müssen wir ein Intensivbett sperren"

"Diese Wachstumsraten können die Krankenhäuser beim besten Willen nicht stemmen. Auch wir hier im Klinikum Karlsruhe nicht", sagt Geißler. "Die Krankenhäuser sind bereits überfüllt. Und Überführungen von Karlsruhe beispielsweise über den Rhein nach Landau ist derzeit nicht erwünscht." Gleichzeitig seien die Intensivpatienten im Stadtklinikum zum größeren Teil von außerhalb des Landkreises.

Eine Pflegekraft steht auf einer Intensivstation in einem Zimmer und bedient eine Herz-Lungen-Maschine.
Eine Pflegekraft steht auf einer Intensivstation in einem Zimmer und bedient eine Herz-Lungen-Maschine. (Symbolbild) | Bild: Fabian Strauch/dpa/Symbolbild

"Wir sind ein größeres Klinikum. Und wenn kleinere Krankenhäuser am Limit sind, nehmen wir ihnen natürlich Patienten ab. Das hat etwas mit Solidarität zu tun. Aber auch wir sind den Grenzen nahe: Derzeit haben wir sieben Corona-Patienten auf der Intensivstation. Und aufgrund von Personalmangel im Pflegebereich müssen wir für jeden davon eines unserer 56 Intensivbetten für einen Nicht-Covid-Patienten sperren", so der Geschäftsführer.

"Mehr Kündigungen als Neuzugänge"

Der Personalmangel in der Pflege sei natürlich ein bekanntes und nicht nur in Karlsruhe vertretenes Problem. Doch habe es sich in Zeiten der Pandemie fast kontinuierlich verschlimmert: "2017 hatten wir hier im Klinikum Karlsruhe noch einen leichten Überschuss an Pflegekräften", sagt die Pflegedirektorin Elvira Schneider.

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Elvira Schneider, Pflegedirektorin des Klinikums Karlsruhe. | Bild: Lars Notararigo

"Mittlerweile haben wir zehn offene Vollzeit- und elf Teilzeitstellen. Und wir bekommen immer noch regelmäßige Kündigungen, weil die Kollegen dem Leistungs- und psychischen Druck nicht standhalten. Momentan sind es mehr Kündigungen als Neuzugänge. Das sind zu wenig Ressourcen, um die Covid- und die Nicht-Covid-Intensivpatienten gleichermaßen zu behandeln." Dennoch habe man durchaus seine Lehren aus den vergangenen Wellen gezogen.

Ein neues Anreizkonzept für Pflegekräfte

Es sei geplant, zusätzliche Anreize zu schaffen, um Pflegekräfte dazu zu bewegen, sich für die Arbeit mit Corona-Patienten zu melden. "Wichtig ist uns dabei die Freiwilligkeit zu bewahren", sagt Schneider. Man biete den Freiwilligen dabei Schulungen, psychische Betreuung und eine Extra-Vergütung von rund 700 Euro monatlich an.

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"33 Pflegekräfte haben bereits eine positive Rückmeldung bekommen", so die Pflegedirektorin. Während Geißler den Einsatz dieses Konzepts zwar lobt, nennt er es aber gleichzeitig einen "Tropfen auf dem heißen Stein. Besonders wenn man bedenkt, wie wichtig der Pflegeberuf eigentlich für die Bevölkerung ist." Seiner Ansicht nach liege Ursache und Lösung der hohen Corona-Zahlen bei den jeweiligen Patienten selbst.

"Nicht impfen ist kein Kavaliersdelikt"

"So ziemlich alle unserer Corona-Intensivpatienten sind ungeimpft. Auch auf der Normalstation sind 67 Prozent der Patienten gar nicht oder nicht vollständig immunisiert", erklärt Geißler. "Und mittlerweile betrifft das nicht mehr nur die älteren Menschen. Das Alter der Covid-Intensivpatienten bei uns liegt zwischen 53 und 72. Aber auch 25- bis 49-Jährige werden bisweilen behandelt."

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Patienten wie diese wären laut Geißler aller Wahrscheinlichkeit nicht auf der Intensivstation, wenn sie sich hätten impfen lassen. Auch Schneider bestätigt diesen Eindruck: "Das Pflegepersonal fragt sich jeden Morgen: Wer bräuchte dieses Intensivbett mehr? Ein Corona-Patient, der sich hätte impfen lassen können, oder jemand, der vielleicht einen Schlaganfall hatte?"

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Aus diesem Grund verurteile Geißler die mangelnde Impfbereitschaft: "Die Impfung zu verweigern ist unsolidarisch. Sowohl gegenüber den Kliniken, als auch gegenüber dem Pflegepersonal - und nicht zuletzt gegenüber den eigenen Mitmenschen. Sich nicht impfen zu lassen ist kein Kavaliersdelikt."

"Wir setzen die Gesundheitsversorgung aufs Spiel"

Die Warnstufe, die vom Land Baden-Württemberg ausgesprochen wurde, sieht Geißler dabei für Krankenhäuser als wenig hilfreich an. "Die Landesregierung hat auf die Neueröffnung von Impfzentren verzichtet und hält sich an die 3G-Regelungen", sagt er.

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"Eine 2G-Regelung wäre deutlich sinnvoller. Man muss mehr Druck erzeugen, um die Krankenhäuser zu entlasten. Ansonsten setzen wir die Gesundheitsversorgung durch Krankenhäuser aufs Spiel." Druck auf die Bevölkerung sei dabei allerdings nicht die einzige Priorität. Auch der Staat müsse erneute finanzielle Unterstützung bieten, sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene.

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"Sämtliche Krankenhäuser in Baden-Württemberg schreiben rote Zahlen", sagt Geißler. "2020 versprach Jens Spahn einen finanziellen Ausgleich für Kliniken. Aber wir wurden seit Mai nicht mehr vom Staat unterstützt." Ausgaben reduzieren sei dabei kaum noch eine Option. "Wir können nicht am medizinischen Gerät sparen. Und Personal abbauen geht auch nicht - immerhin ist Personal unser knappstes Gut."

 
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