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Karlsruhe: PC-Spiel aus Karlsruhe: Wie ein "DDR-Ballerspiel" die Nation spaltete

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PC-Spiel aus Karlsruhe: Wie ein "DDR-Ballerspiel" die Nation spaltete

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    "Wer schießt, verliert", betont der heutige Doktorant Jens Stober (links) im Interview mit ka-news.
    "Wer schießt, verliert", betont der heutige Doktorant Jens Stober (links) im Interview mit ka-news. Foto: ps/Carola Böhler Fotografie

    Herr Stober, Sie haben mit ihrem Spiel "1378km" deutschlandweit für Aufsehen gesorgt. War Ihnen von Anfang an bewusst, dass Ihr Spiel so kontrovers diskutiert werden würde? 

    Es war mir von vornherein klar, dass das Thema innerdeutsche Grenze historisch gesehen gewissermaßen brisant ist, wie auch die gesamte deutsche Geschichte. Dass mein Computerspiel "1378km" dann aber eine solch enorme mediale Aufmerksamkeit erfahren würde, war vorher nicht abzusehen. Vor allem auch nicht die sehr emotional aufgeladenen Reaktionen.

    Welche Intention haben Sie mit Ihrem Spiel verfolgt?

    Das Computerspiel sollte zum Nachdenken anregen und einem jungen Publikum einen neuen beziehungsweise innovativen Zugang zu einem grausamen Teil der deutschen Geschichte bieten. Durch den Umweg des medialen Skandals wurde das künstlerische Ziel des Spiels mehr als nur erreicht, da auf einmal ganz Deutschland über das Spiel und dessen Absichten diskutierte. Zusätzlich wurde auch die Diskussion in der Gesellschaft losgetreten, was Computerspiele überhaupt dürfen oder ob diese die gleichen Rechte haben wie zum Beispiel der Film.

    Konnten Sie denn verstehen, dass manche Opfer oder deren Angehörige sich durch das Spiel angegriffen fühlten?

    Es war für mich zuerst nicht zu verstehen, warum sich Opfer oder Angehörige durch das Spiel angegriffen fühlten. Ich bin mit Computerspielen aufgewachsen und diese haben für mich das gleiche Recht wie Comics, Film oder Literatur, die die innerdeutsche Grenze zu thematisieren. Ich habe mich während meines Studiums auf den künstlerischen Umgang mit Computerspielen spezialisiert. "1378km" sollte ein Zeichen setzen, dass sich auch junge Menschen mit ihren Medien mit der deutschen Geschichte auseinandersetzen und neben existierenden Spielfilmen und Dokumentationen etwas Neues sein.

    Haben Sie auch Briefe von Opfern oder Angehörigen erhalten?

    Es gab wirklich viele Rückmeldungen, von denen ich bis heute nicht alle gelesen habe. Der größte Teil war negativer Natur bis hin zu Drohungen gegen mein Leben. Das ist auch der Grund, warum ich aufgehört habe, diese zu lesen. Einige wurden von der Polizei ernst genommen und auch verfolgt. Zudem erhielt ich auch Post von der Staatsanwaltschaft und vom Staatsschutz. Unter anderem war ich wegen Volksverhetzung angezeigt worden.

    Aber es gab auch einen kleinen Teil positiver Rückmeldungen, darunter auch Opfer, die mich in meiner Arbeit bestärkten. Da über das Spiel international berichtet wurde, erhielt ich auch Zuschriften aus dem Ausland. Diese enthielten meist die Frage, warum wir Deutschen eigentlich Probleme mit unserer Geschichte und dem Umgang damit haben.

    Welches Fazit ziehen Sie fünf Jahre später?

    Bis heute fällt es mir schwer all das, was damals passiert ist, zu glauben. Ich kam mir vor wie im falschen Film. Wegen meiner Vordiplomsarbeit "1378km" auf einmal in Deutschland im Fokus zu stehen, mich völlig falsch verstanden zu fühlen und um mein Leben zu fürchten... Ich war ein Spielball der Medienlandschaft und habe in dieser Zeit auch mit etablierten Medien negative Erfahrungen machen müssen.

    Beispielsweise mit Arte, dem SWR oder dem MDR, die durch persönlich betroffene Redakteure die Meinung in ihren Berichten verzerrten. Dazu kamen noch die rechtlichen Konsequenzen. Es ist ein äußerst merkwürdiges Gefühl, vom Staatsschutz wegen Volksverhetzung verhört zu werden, weil man ein Computerspiel beziehungsweise ein Kunstwerk über die DDR kreiert hat.

    Die BILD-Zeitung hatte die Debatte mit einer Schlagzeile angestoßen. Sie bezeichnete das Spiel als "widerwärtiges DDR-Ballerspiel". Wie erklären Sie sich das?

    Die BILD-Zeitung ist so eine Geschichte für sich. Was diese schreibt, scheint erst einmal Gesetz in Deutschland zu sein und auch Politiker geben, ohne sich weiter darüber zu informieren, genau den Wortlaut der Schlagzeile von sich. Im Jahr 2010 war die Killerspiel-Diskussion noch nicht abgeklungen und in der Gesellschaft gab es gerade im Hinblick auf Egoshooter festgefahrene Vorurteile.

    Da war es für die Bildzeitung leicht, mit einer Schlagzeile wie "widerwärtiges DDR-Ballerspiel" zum einen die Vorurteile aber auch die Emotionen bei den Betroffenen der DDR zu wecken. Ein Kleines Trostpflaster war einige Monate später, dass vom deutschen Presserat die gesamte Berichterstattung der BILD-Zeitung über das Spiel "1378km" missbilligt wurde.

    Im Artikel der BILD stand beispielsweise, dass man so viele Flüchtlinge wie möglich als Grenzsoldat erschießen müsse, um das Spiel zu gewinnen. Im Spiel "1378km" gilt aber: Wer schießt, verliert und muss sich für seine Taten in der Zukunft vor einem Mauerschützenprozess verantworten. Ein kleines, aber äußerst wichtiges Detail, das die Bildzeitung bewusst manipuliert hat, um die Stimmung anzuheizen.

    Rückblickend: Würden Sie das Spiel heute wieder genau so machen?     

    Kurze Antwort: Ja. Es ist wichtig für die noch junge Kunstwelt der Computerspiele, dass es solche Spiele wie "1378km" gibt. Computerspiele sind erwachsen geworden und manchmal braucht es eben einen Knall, bis auch das bei der Gesellschaft ankommt und damit Vorurteile langsam aufweichen. Allerdings ist eine solche Erfahrung äußerst anstrengend und abschreckend. Ich bin sehr dankbar für das Umfeld der Hochschule, für Befürworter, Freunde und Familie, ohne die so etwas nicht einfach zu überstehen gewesen wäre. 

    Haben Sie seither ähnliche Projekte geplant?     

    Geplant ja, veröffentlicht nein. Ich war durch den ganzen Rummel um "1378km" abgeschreckt, mit emotional aufgeladenen Themen zu arbeiten. Mir war es wichtig mich danach erst einmal etwas zurückzuziehen und mein Studium der Medienkunst an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe zu beenden. Dort habe ich zusammen mit meinem Studienkollegen Adam Rafinski das "GameLab Karlsruhe" gegründet, wo seither weitere künstlerische Computerspiele von Studenten der Hochschule entwickelt werden.

    Die Fragen stellte Ramona Holdenried.

    Zur Person:

    Als Jens Stober 2010 sein Spiel "1378km" präsentierte, war der heute 29-Jährige Student an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Das Spiel, das der damalige Student der digitalen Medienkunst im Alleingang auf die Beine gestellt hatte, entstand zunächst aus freien Stücken heraus. Zuvor hatte Stober bereits das Spiel "Frontiers - An der Grenze Euopas"mitentwickelt.

    Momentan arbeitet Stober an der Fertigstellung seiner Doktorarbeit am Games & Experimental Entertainment Laboratory (GEElab) des Royal Melbourne Insitute of Technolgy (RMIT Univerity). Dort forscht er nach eigener Aussage an Design-Strategien für Neurogames. Sein Forschungsprojekt "Ride your Mind", ein experimentelles Virtual-Reality-Neurogame, ist derzeit als Prototyp im ZKM in der Ausstellung Global Games zu sehen (Link führt auf externe Seite).

    Mehr zum Thema:

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