Es stößt bei den Rettungskräften auf großes Unverständnis: Wenn sich nach einem Unfall auf der Autobahn keine Rettungsgasse bildet. Immerhin zählt im Notfall jede Sekunde! Doch wenn die Einsatzkräfte dann endlich vor Ort sind, bietet sich ihnen oft genug das gleiche Bild.

Schaulustige und Gaffer wollen den besten Blick über die Leitplanke erhaschen und sehen was da passiert ist. In Zeiten von Smartphones und Social Media steigt die Sensationsgier vieler Menschen. Dabei bringen sie sich und andere in Gefahr, etwa wenn sie auf der Autobahn stark abbremsen, um das beste Foto zu bekommen. 

Woher kommt die Schaulust?

Das Verhalten scheint also mit den technischen Spielzeugen zugenommen zu haben. "Jeder hat sein Handy immer bei sich und am Ende das Tages wird dann die Ausbeute auf Facebook präsentiert", sagt Lothar Batschauer, Leiter des Autobahnpolizeireviers Karlsruhe im Gespräch mit ka-news.

Über die Motivation der Gaffer kann der Polizist nur mutmaßen. "Es ist nur schwer nachzuvollziehen!" Doch er weiß: "Gaffer und Schaulustige gab es schon immer, zum Beispiel im Mittelalter als die Menschen zu den Hinrichtungen gegangen sind, obwohl die auch grausam waren!" Aber das Ausmaß wie er es heute erlebt, das gab es vor den Zeiten des Smartphones nicht, da ist sich Batschauer sicher. 

Dezember 1967: Bei einem Unfall zwischen einem Auto und einer Bahn in der Kaiserstraße/ Ecke Waldstraße.
Dezember 1967: Bei einem Unfall zwischen einem Auto und einer Bahn in der Kaiserstraße/ Ecke Waldstraße. Schaulustige versammeln sich an der Unfallstelle. | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8/BA Schlesinger A15/38/7/41

Mensch kann sich gegen das Gaffen entscheiden

Doch der Gaffer könnte sich auch bewusst steuern. Im Bruchteil einer Sekunde, wenn der Fahrer an einem Unfall vorbeikommt, hat er es in der Hand, wie er reagiert. "Die Menschen gucken dann, stellen fest, dass es ihnen gut geht. Das wäre dann sozusagen die 'gute Neugier'", so Yvette Orlowski, Psychologin für Verkehrspsychologie aus Karlsruhe. Die Gaffer und Schaulustige können nicht in spezifisch eingeteilt werden. "Gaffer gab es schon immer, zu sagen, das ist nur diese Gruppe Mensch oder die andere, das geht nicht."

Osnabrücker Filmemacher haben mit dem Video «Schaulustige - Sei kein Gaffer» einen Internethit gelandet.
Osnabrücker Filmemacher haben mit dem Video «Schaulustige - Sei kein Gaffer» einen Internethit gelandet. | Bild: Friso Gentsch/dpa

Für sie wäre eine Schutzwand ein einfaches Hilfsmittel, damit Fahrer im Gegenverkehr an der Unfallstelle vorbei geleitet werden, ohne abgelenkt oder in Versuchung geführt zu werden zu gucken. Das wäre auch für die Polizei in Karlsruhe eine gute Option. Auch die Feuerwehr Osnabrück macht in einer aktuellen Kampagne auf das Phänomen Gaffer aufmerksam - mit Erfolg. Das Video zum Thema ist ein Hit auf YouTube. 

 

Verkehr wird ausgebremst, Gaffer bringen sich in Gefahr

Nicht zu Gaffen ist auch im Eigeninteresse: Jeder Schaulustige muss damit rechnen, selbst verletzt zu werden. Immerhin bremsen sie oft der Verkehr aus. Wie am vergangenen Montag auf der A5 bei Walldorf. Hier hätte der Verkehr fließen können, stattdessen ereigneten sich in Fahrtrichtung Süd mehrere Unfälle mit sieben beteiligten Autos. Die Bilanz: Drei weitere Menschen wurden verletzt.

Dabei wurden erst Ende 2017 die Strafen drastisch erhöht. Gaffen wird mit bis zu 1.000 Euro Bußgeld bestraft, dazu kommt noch ein einmonatiges Fahrverbot. Wer filmt oder fotografiert, dem droht sogar eine Haftstrafe. "Das ist eine Straftat die mit einer Geldstrafe oder sogar eine Haftstrafe mit bis zu zwei Jahren geahndet wird", erklärt Sven Ohlinger, Anwalt für Verkehrsrecht aus Karlsruhe. Aber wie überführt man die Gaffer, die langsamer fahren, den Verkehr ausbremsen und die Kamera auf die Unfall-Opfer richten? 

Das Personal fehlt, Täter zu überführen

Die Schuld des Gaffers muss bewiesen werden, bestätigt Anwalt Ohlinger. "Die Gaffer selbst filmen, das ist meines Erachtens das Mittel der Wahl sie zu überführen!" - "Das wäre eine Option, aber erst in einer späteren Phase des Einsatzes", sagt Lothar Batschauer ergänzend. Denn der Polizei fehlt das Personal dafür.

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"Vorher haben wir keine Kräfte, das auch noch zu leisten, denn zuerst müssen wir uns um den Unfall kümmern!" Erst wenn die Unfallfahrzeuge abtransportiert werden, dann könnte ein Beamter die Autos im Gegenverkehr filmen und so Gaffer und Schaulustige überführen. "Es ist uns aber ein Anliegen, das zu machen!"

Schaulust ist ein Reflex

Was helfen könnte, wäre der soziale Druck, meint Batschauer. "Wenn die eigenen Freunde damit prahlen, dann könnte man Courage zeigen und sagen, dass das scheiße war, eben die Moral ein bisschen anheben!" Doch warum sind wir so schaulustig, der eine mehr, der andere weniger? "Das ist ein Reflex, eine angeborene Neugier", sagt Verkehrspsychologin Yvette Orlowski. "Wenn etwas leuchtet oder blinkt, reagiert der Mensch automatisch darauf", erklärt sie. 

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