Nicht nur heute der Corona-Virus, sondern bereits vor über 100 Jahren bedrohte eine Pandemie Karlsruhe und die Region. Im Sommer 1918 brach die erste Welle der sogenannten "Spanischen Grippe" über Karlsruhe herein - ein Umstand, der von den Zeitungen aber erst einmal totgeschwiegen wurde.

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Am 27. Mai 1918 meldet Karlsruhes Zeitung "Badische Presse", dass der spanische König, der Ministerpräsident und die Minister der spanischen Regierung "unter rätselhafter Erscheinung an einer Krankheit erkrankt" sind, die auch 30 Prozent der ganzen Bevölkerung befallen hat. In Madrid alleine sind über 120.000 Personen erkrankt.

"Öffentliche Vergnügen" so gut wie nicht besucht berichtet die Zeitung während der Spanischen Grippe

Die Krankheit, betont die Zeitung, wird nicht als ernst angesehen. Der Bevölkerung wird angeraten, alle Zimmer gut zu lüften und oft an die frische Luft zu gehen. Die "öffentliche Vergnügungen" werden so gut wie nicht besucht. Die Welt steckt noch in den letzten Tagen des Großen Krieges, die Zeitungen sind voll von Berichten aus allen Kriegsschauplätzen. Neue Offensiven an jeder Front, die Lebensmittelknappheit in der Heimat und die Ermordung des russischen Zar Niklaus II und seiner Familie dominieren die Blätter.

Durlach - Ansichten und Ereignisse, Gastwirtschaft Zum Adler
Durlach - Ansichten und Ereignisse, Gastwirtschaft Zum Adler | Bild: Pfinzgaumuseum UI 122, 2

Die kleinen Artikel über den Verlauf der Spanischen Grippe, die von der Zeitung am 1. Juni 1918 als "wahrscheinlich Dengusche Fieber" mit einem "im allgemeinen harmonischen Verlauf" bewertet wird, sind schwer zu finden und meistens auf Seite drei oder vier des Blatts versteckt.

Krankheit Spanische Grippe wird zunächst von Zeitungen totgeschwiegen

Nachdem die Krankheit Anfang Juli in Deutschland und Frankreich übergreift, berichtet Ettlingens Zeitung "Badischer Landsmann" detailliert über die zahlreichen Kranken, die in der Stadt unter Fieber und Durchfall leiden, und dass die Großbetriebe wie Post und Straßenbahn infolge erkrankter Arbeiter teilweise Dienste einstellen müssen. Weitere Symptome sind Schmerzen, Husten und Fieber, und es gibt etliche Todesfälle.

Doch in den Karlsruher Zeitungen wird die Krankheit mehr oder weniger totgeschwiegen. Zwar hat jetzt die "Spanische Grippe" die bayerische Hauptstadt erreicht, ebenso Stuttgart und Berlin, berichtet das "Karlsruher Tagblatt" am 2. Juli, doch in der badischen Hauptstadt findet man kaum eine Spur davon. Ein Mitglied des Robert-Koch-Instituts hat bei der Krankheit den Influenzabazillus festgestellt, berichtet die "Karlsruher Zeitung" in der ersten Juliwoche - die Krankheit verläuft zwei bis drei Tage harmlos, die Gefahr für die Zivilbevölkerung sei gering.

Das Robert-Koch-Institut in Berlin um das Jahr 1900.
Das Robert-Koch-Institut in Berlin um das Jahr 1900. | Bild: privat

Ein paar Tage später heißt es, in Teilen Englands sind Schulen geschlossen, tausende von Kindern an der Spanischen Grippe erkrankt. Es bestehe die Gefahr einer Broncho-Pneumonie und Meningitis. Hier wird die Krankheit jetzt mit Chinin behandelt. Die Zahl der Tode hat zugenommen. Und Ende Juli: Laut der "Badischen Presse" sei die Krankheit nirgends so heftig aufgetreten wie in der Schweiz.

Das beste Mittel zur Heilung gegen die Spanische Grippe sei Sonnenschein

Gegen Ende Juli erkennen die Karlsruher Zeitungen die Spanische Grippe in Baden endlich an. Doch diese sei nichts anderes als die alte Influenza, behauptet der "Badischer Beobachter", Todesfälle sind äußerst selten. Das beste Mittel, um die neue Krankheit zu bannen, sei Sonnenschein. Die "Badische Presse" jedoch nimmt Stellung gegenüber Berichten der überregionalen Berliner "Vossischen Zeitung" über Massenerkrankungen in Karlsruhe und Mannheim.

Luftbildaufnahme von Karlsruhe, Innenstadt mit großherzoglichem Hoftheater.
Luftbildaufnahme von Karlsruhe, Südweststadt Südendschule. | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8/ Alben 3/Bd.1/II/1a

Die Nachrichten würden starke Übertreibungen enthalten, "denen im Interesse der Verhütung unnötiges Beunruhigen" entgegen zu treten ist. Von Erkrankungen bis zu einem Drittel der Bevölkerung könne nicht die Rede sein. Die Tatsache, dass 16.000 Schüler die Schule versäumt haben, liege nicht daran, dass sie alle krank sind - höchstens 2.000, und nicht alle leiden an der Grippe. Auch das "Karlsruher Tagblatt" vom 18. Juli bestätigt die "Übertreibungen" und die "sensationslüsterne Berichtserstattung" der "Vossischen Zeitung". Die Krankheit sei stärker in Süddeutschland aufgetreten, heißt es, aber keineswegs in irgendwie bösartiger und beängstigender Form.

Die Zeitungen versuchen Panik in der Bevölkerung zu vermeiden

Es wird deutlich, wie die Karlsruher Zeitungen versuchen, die Tatsachen zu unterdrücken und gewissenhafte Berichtserstattung als "Fake-News" darzustellen, während die Ettlinger Zeitungen sachlich und ehrlich mit den Fakten umgehen. Es ist anzunehmen, dass die Kleinstadt besser ausgerüstet war, sich mit der Krise zu befassen, während die Behörden und medizinischen Dienste in Karlsruhe bereits überfordert waren und es sich nicht leisten konnten, mit einer allgemeinen Panik der Bevölkerung konfrontiert zu werden.

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So klingt diese erste Welle in den Spätsommermonaten aus. Erst gegen Mitte Oktober 1918 erscheinen wieder Berichte über die Spanische Grippe, die, laut der "Badischen Presse", "nun auch in allen Teilen Badens, in den großen Städten sowohl wie in den kleinen Ortschaften auftritt". Und diesmal sollte die Epidemie "einen bösartigeren Charakter als im Sommer" haben.

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