Vor etwa hundert Jahren wurde die Welt schon einmal von einer Pandemie heimgesucht – die sogenannte Spanische Grippe, die damals eigentlich ursprünglich aus den USA und nicht aus Spanien stammte. Die Angst vor dem neuen Virus war damals wie heute groß - doch welche Maßnahmen hat man eigentlich im Jahr 1918 unternommen, um die Ausbreitung einer oft tödlichen Krankheit zu verhindern?

Die Ausbreitung der Spanischen Grippe verläuft in drei Wellen, die erste davon im Mai 1918. Noch mitten im Ersten Weltkrieg bricht die Grippe in Spanien aus, wo alleine in Madrid über 120.000 Personen erkranken, und erreicht im Sommer Deutschland. Während dieser ersten Welle wird die Krankheit jedoch von den Karlsruher Zeitungen eher verharmlost, wahrscheinlich um die Bevölkerung vor einer Panik zu bewahren.

Europlatz in Karlsruhe am Anfang des 20. Jahrhunderts.
Europlatz in Karlsruhe am Anfang des 20. Jahrhunderts. | Bild: Privatsammlung

Erst bei der zweiten Grippewelle, die im Herbst ausbricht, wird ausführlicher berichtet. Mannheim meldet Anfang Oktober 3.000 Kranke, während es in Heidelberg 60 Tote innerhalb einer Woche gibt. Am 22. Oktober schließt die Stadt Weinheim sämtliche Schulen. Am gleichen Tag in Karlsruhe findet mit dem Oberbürgermeister Steglitz eine Sitzung des Ortsgesundheitsrats statt, um den Ernst der Lage und die Vorsichtsmaßnahmen zu besprechen.

Woher stammt die Spanische Grippe?

Damals kursieren etliche Hypothesen über den Ursprung der Spanischen Grippe. Da die Krankheit noch im Ersten Weltkrieg ausbricht, werden zunächst die Deutschen für den Ausbruch verantwortlich gemacht, beispielsweise über das deutsche Medikament Aspirin. In China gab es auch eine paar Jahre zuvor eine Epidemie mit ähnlichen Symptomen wie die Spanische Grippe. Jedoch ist der wahrscheinlichste Ausgangspunkt Kansas in den USA.

Kaiserplatz in Karlsruhe am Anfang des 20. Jahrhunderts.
Kaiserplatz in Karlsruhe am Anfang des 20. Jahrhunderts. | Bild: Privatsammlung

Die Gene des Virus haben eine große Ähnlichkeit mit Influenzagenen, die man bei Vögeln in Nordamerika findet. Von hier aus wird die Grippe durch die Truppenbewegungen im Ersten Weltkrieg weltweit verbreitet. Der Name Spanische Grippe geht auf eine Meldung der Nachrichtenagentur Reuters zurück, die am 27. Mai 1918 von der Erkrankung des spanischen Königs berichtet. Der spanische König, der Ministerpräsident und die Minister der spanischen Regierung sind “unter rätselhafter Erscheinung an einer Krankheit erkrankt“, die auch 30 Prozent der ganzen Bevölkerung befallen hat. In Madrid alleine sind über 120.000 Personen erkrankt.

Ohne Impfstoff ist die Bekämpfung der tödlichen Spanischen Grippe schwierig

Es wird verzweifelt nach wirksamen Maßnahmen gegen die Krankheit und ihre Ausbreitung gesucht, aber ohne Impfung und Medikamente ist eine Bekämpfung schwierig. Eine übliche Grippeschutzimpfung gegen Influenza wurde überhaupt erst in den 1940er-Jahren entwickelt. Die Spanische Grippe ist hochgradig ansteckend und tödlich – die Inkubationsdauer beträgt lediglich 24 Stunden – in vielen Fällen sterben die Leute nach kurzer Zeit an einer Lungenentzündung oder Herzschwäche.

Symptome der Spanischen Grippe

In Ettlingen berichtet die Zeitung “Badischer Landsmann“ über die zahlreichen Kranken, die in der Stadt unter Fieber und Durchfall leiden, und dass die Großbetriebe wie Post und Straßenbahn infolge erkrankter Arbeiter teilweise Dienste einstellen müssen. Weitere Symptome der Spanischen Grippe sind Schmerzen, Husten und Fieber, und es gibt etliche Todesfälle. 

Wie wird die Spanische Grippe behandelt?

Am 18. Oktober berichtet die Badische Presse über eine eventuelle Lösung aus München. Der anerkannte Chemiker Oskar Loew ist der Meinung, dass die große Verbreitung der Krankheit auf die kalkarme Nahrung zurückzuführen ist. Auf Grund der Knappheit und der Rationierung von Lebensmitteln in den letzten Zügen des Ersten Weltkriegs und danach, bekommt man Milch und Käse kaum und Gemüse zu wenig.

Badische Presse am 3. Dezember 1918: Werbung für Waschmittel gegen die Grippe.
Badische Presse am 3. Dezember 1918: Werbung für Waschmittel gegen die Grippe. | Bild: Badische Presse

Kartoffeln gibt es, aber leider enthalten sie fast keinen Kalk. Loew empfiehlt daher, täglich einen Kalkzusatz zu nehmen. In der Apotheke soll man 100 Gramm kristallisiertes Calcium Chloratum kaufen, dies in sechs Liter Wasser auflösen und davon zu jeder Mahlzeit zwei Esslöffel nehmen. Für Kinder gilt die halbe Dosis.

Calcium-Wasser gegen den tödlichen Virus

"Man kann das Calcium-Wasser auch in die Suppe oder in den Kaffee nehmen, es verbessert den Geschmack obendrein", behauptet Loew. "So werden die weißen Blutkörperchen in den Stand gesetzt, ihre Abwehrtätigkeit gegen alle eindringlichen Bakterien voll zu erfüllen." Loew veröffentlichte Anfang des Jahrhunderts Bücher über den Kalkbedarf des Menschen und lehrte auch Agrikulturchemie an der Universität Tokio.

Der Ortsgesundheitsrat in Karlsruhe empfiehlt bis zur Ankunft des Arztes – falls dies notwendig sein sollte – Schwitzprozeduren und reichlich warme Getränke. Als Medikamente gegen das Fieber schlägt er Salycilpräparate vor – wie Aspirin und Salipyrin. "Ein spezifisches Heilmittel gegen die Krankheit gibt es aber bis jetzt nicht", sagt der Gesundheitsrat, und warnt gleichzeitig vor angebotenen Medikamenten, die Heilung versprechen. Das beste Mittel, um die neue Krankheit zu bannen, sei Sonnenschein, schreibt die Badische Presse.

Karlsruher Zeitung am 5. Dezember 1918: Albert Otto stirbt an der Grippe.
Karlsruher Zeitung am 5. Dezember 1918: Albert Otto stirbt an der Grippe. | Bild: Karlsruher Zeitung

Ettlingens Zeitung "Badischer Landsmann" berichtet vom Spezialarzt Doktor Wetterer aus Mannheim, der bei Erkrankung an der Spanischen Grippe die Verabreichung von Chinin empfiehlt, und sogar auch prophylaktisch. Mit Chinin als Vorbeugungsmittel hat er in Hunderten von Fällen erreicht, dass die behandelten Personen verschont blieben oder mit nur leichten Symptomen erkrankten.

Zwiebelsaft und Eukalyptus-Öl als Schutzmittel

In Karlsruhe wird die Inhalation von Eukalyptus-Öl vorgeschlagen, während die Gesundheitsbehörden in Ettlingen jetzt auch noch die Zwiebel als Schutzmittel gegen die Grippe empfehlen. Das Einziehen des Geruchs von Zwiebelsaft soll zur fast augenblicklichen Heilung führen. Auch frische Luft und Sonnenschein sollen genossen werden, um die Krankheit abzuwehren.

Während zu einer gründlichen und regelmäßigen Säuberung der Hände geraten wird, soll dies nicht für den Einsatz von Desinfektionsmitteln gelten. Da Desinfektionsmittel Mangelware ist, rät die Gesundheitsbehörde von deren Benutzung ab.

Vor allem erkranken junge und gesunde Menschen an der Spanischen Grippe

Völlig unklar bleibt damals der Grund warum vor allem jüngere, stärkere und gesunde Menschen erkranken. Heute geht man davon aus, dass es überwiegend bei jungen und starken Menschen zu einer überschießenden Immunreaktion kam, und dass sie Opfer ihres eigenen Immunsystems geworden sind.

"Die ärztliche Versorgung wird ausreichen, wenn nur das Publikum einige Rücksicht übt"

Was die "Abstandsregel" betrifft, wird vor Besuchen von "Örtlichkeiten, wo viele Menschen gedrängt beisammen sind" abgeraten und es wird Vorsicht vor dem Umgang mit Kranken und Krankheitsverdächtigen geboten. Man erkennt, dass es sich um eine "Kontaktinfektion" handelt und dass die Krankheitskeime überall sind.

Karlsruher Zeitung (An die Residenz): Der Stadtrat beschließt, Straßenbahnverkehr einzugrenzen.
Karlsruher Zeitung (An die Residenz): Der Stadtrat beschließt, Straßenbahnverkehr einzugrenzen. | Bild: Karlsruher Zeitung

Ganz speziell appelliert der Karlsruher Ortsgesundheitsrat an die Bevölkerung: "Auch die ärztliche Versorgung und die Krankenhäuser werden ausreichen, wenn nur das Publikum einige Rücksicht übt." Im Frühjahr 1919 tritt die dritte und letzte Welle der Krankheit auf.

Verlauf der Spanischen Grippe im Vergleich mit Corona

Die Krankheit verläuft in drei Wellen und ist, im Gegensatz zur Corona-Pandemie, nach etwa zwei Jahren vorbei.

Im Gegensatz zu den Vorsichtsmaßnahmen bei der Corona-Pandemie kommt es bei der Spanischen Grippe jedoch weder zum Lockdown noch zur Absage von Großveranstaltungen. Eine Maskenpflicht besteht in Deutschland ebenfalls nicht.

Es wird zwar davon abgeraten, öffentliche Veranstaltungen zu besuchen, jedoch: "Den polizeilichen Schluss der Theater, der Kinos und der Kinderkrippen hat der Ortsgesundheitsrat nicht befürwortet", berichtet das Karlsruher Tagblatt am 24. Oktober. In den Kinderkrippen "sollten die Ärzte und das Pflegepersonal ein wachsames Auge darauf haben, dass erkrankte Kinder ferngehalten werden und es sollten insbesondere die Eltern ihre Kinder beim geringsten Unwohlsein zu Hause behalten".

Marktplatz in Karlsruhe am Anfang des 20. Jahrhunderts.
Marktplatz in Karlsruhe am Anfang des 20. Jahrhunderts. | Bild: Privatsammlung

Jedoch werden in Karlsruhe Schulen jetzt geschlossen – allerdings nur dort, wo ein großer Prozentsatz der Schüler erkrankt ist. Insgesamt erinnern die Maßnahmen von 1918 doch sehr stark an die Corona-Regeln von heute. Dank der Verfügbarkeit von Impfstoffen und der Tatsache, dass das COVID-19-Virus zu einer weniger gefährlichen Variante mutiert ist, ist die Zahl der Todesopfer deutlich geringer als während der Spanischen Grippe.

Das Ende der Pandemie und die Zeit danach

Das Ende der Pandemie wird 1920 erreicht, als die Gesellschaft eine kollektive Immunität gegen die Spanische Grippe entwickelt. Insgesamt sterben in Baden etwa 8.400, im Deutschen Reich etwa 426.000 und weltweit rund 50 Millionen Menschen an der Spanischen Grippe. Das Virus, das zu den Influenza-A-Viren, Subtyp A/H1N1, gehört ist jedoch nie komplett verschwunden und Spuren davon wurden auch in anderen Grippeviren gefunden.

Die spanische Grippe mutierte und erwarb genetisches Material von anderen Viren, somit trat die Krankheit weiterhin auf. Eine euphorische Zeit folgt auf die vielen Jahren des Todes. Nach dem Ersten Weltkrieg und der Zeit der Spanischen Grippe kommen die “goldenen“ 1920er Jahren – eine Blütezeit der Kunst, Kultur und Wissenschaft, die erst mit der Weltwirtschaftskrise 1929 endet.

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