Nicht nur heute der Corona-Virus, sondern bereits vor über 100 Jahren bedrohte eine Pandemie Karlsruhe und die Region. Im Sommer 1918 brach die erste Welle der sogenannten "Spanischen Grippe" über der Fächerstadt herein. Was zu diesem Zeitpunkt niemand weiß: Die zweite Welle im Oktober 1918 sollte bösartiger und tödlicher sein als alles zuvor.

Gegen Mitte Oktober 1918 beginnt in Deutschland die zweite Welle der sogenannten "Spanischen Grippe", die bereits bis Ende Mai zahlreiche Menschenleben gefordert hat. In den Spätsommermonaten des Jahres klingt die erste Welle aus, doch die zweite Erscheinung der Epidemie sollte einen noch bösartigeren Charakter aufweisen.

Luftbildaufnahme von Karlsruhe, Südweststadt Südendschule.
Luftbildaufnahme von Karlsruhe, Innenstadt mit großherzoglichem Hoftheater. | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8/ Alben 3/Bd.2/V/1b

Laut der "Karlsruher Zeitung" am 18. Oktober hat die Zahl der erkrankten Personen zugenommen, nachdem man schon an einem Nachlassen der Epidemie im Laufe des August und September glaubte. Es sei auch nicht zu verkennen, so der Zeitung, dass die Schwere der Krankheit in letzter Zeit zugenommen hat und in nicht seltenen Fällen durch Lungenentzündung und Herzschwäche tödlich endet. "Es bleibt den Eindruck, dass wir noch nicht auf dem Höhepunkt angelangt sind", berichtet die Zeitung weiter.

Postkartenalbum mit Karlsruher Motiven, Karlsruher Kaiserstraße.
Postkartenalbum mit Karlsruher Motiven, Karlsruher Kaiserstraße. | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8/ Alben 8/ 32c

Mannheim hätte auf Grund der Grippe Probleme mit der Postverwaltung und durch den Ausfall an Arbeitskräften muss der Straßenbahnbetrieb teilweise eingeschränkt werden. In Heidelberg sei die Hälfte des Postpersonals erkrankt - es gab in der Stadt rund 60 Todesfälle in der letzten Woche.

Merkwürdige Zielgruppe: Kräftigere und jüngere Menschen sind anfälliger für die Spanische Grippe

Zur gleichen Zeit deutet die "Karlsruher Zeitung" zum ersten Mal darauf hin, dass merkwürdigerweise "körperlich kräftige Personen ergriffen werden und zum Teil der Krankheit schnell erliegen". Dies gelte besonders für jüngere, zum Militärdienst eingezogene Menschen. Am 19. Oktober wird gemeldet, dass der einzige Sohn von Staatssekretär Matthias Erzberger, der seit einigen Tagen als Fahnenjunker in einer Karlsruher Nachrichtentruppe stand, an der Grippe gestorben sei.

Todesanzeige der "Badischen Presse" im November 1918.
Todesanzeige der "Badischen Presse" im November 1918. | Bild: "Badische Presse"

Erzberger kommt nach Karlsruhe und hat die Überführung der Leiche seines 18-jährigen Sohns in die Wege geleitet. Erzberger selbst, der 1919 die Annahme des Versailler Vertrags befürworten musste, wird am 26. Januar 1920 infolge von rechtsradikaler Propaganda bei einem Spaziergang in Bad Griesbach im Schwarzwald erschossen. Die "Badische Presse" indes berichtet über Oskar Loew aus München, der "cristallisiertes Calcium Chloratum" als Wundermittel gegen die Krankheit empfiehlt.

In einem längeren Bericht erklärt die "Karlsruher Zeitung", was man noch tun könnte, um gegen die Spanische Grippe zu kämpfen. Die Grippe sei sehr leicht zu übertragen, vor allem durch Absonderungen der entzündeten Luftwege. Die Entwicklungszeit betrage höchstens 24 Stunden.

Bekämpfung der Epidemie fast unmöglich

Eine Bekämpfung der Epidemie wäre fast unmöglich, da eine Abtrennung der Kranken auf Grund der großen Anzahl und wegen der hohen Ansteckungsgefahr meist nicht durchzuführen sei. Die Zeitung rät zur "Meidung der Behausungen und Wohnstätten, in denen ergriffene Personen liegen" und "zur peinlichen Säuberung der Hände".

Das könnte Sie auch interessieren

Weiter warnt die Zeitung vor "unnötigen Reisen in den jetzt überfüllten Eisenbahnzügen und überflüssiger Benützung der oft gedrängt gefüllten Straßenbahnwagen, ein Besuch von mit Menschenversammlungen verbundenen Vereinssitzungen, Vorträgen und Vergnügungsveranstaltungen".

Behandlung Spanische Grippe: Von der Verwendung von Desinfektionsmittel wird abgeraten

Von der Verwendung von Desinfektionsmittel wird abgeraten, mit Rücksicht auf die Knappheit des Mittels. Lieber sollte man die Krankenwäsche auskochen, besonders die Taschentücher. Wer selbst krank wird, solle das Bett hüten, antineuralgische Mittel gegen Kopfschmerzen nehmen und mäßige Mengen von Alkohol trinken - letzteres natürlich nur für Erwachsene. Am 19. Oktober 1918 findet eine Sitzung des Karlsruher Ortsgesundheitsrats unter dem Vorsitz des damaligen OB Karl Siegrist statt.

Todesanzeige der "Badischen Presse" im November 1918.
Todesanzeige der "Badischen Presse" im November 1918. | Bild: "Badische Presse"

Themen sind sowohl die Natur und der Verlauf der Krankheit sowie die Maßnahmen zur Eindämmung, aber auch die Versorgung der Kranken. Der Verlauf erscheint weniger harmlos als zu Beginn der Epidemie, heißt es, und führt mehrfach zum Tode. Diese Todesfälle betreffen oft ganz junge und kräftige Leute, wobei die Krankheit jung und alt, gut und weniger gut genährte Menschen befalle. Meistens jedoch laufe die Krankheit ab, ohne, dass eine ärztliche Behandlung stattfindet.

Kinder erkranken an Grippe in Schulen

Man sollte "auf richtige Lüftung und Temperierung der Wohnräume achten", heißt es, die Schulen sollen geschlossen werden, aber nur da, wo Schüler tatsächlich erkrankt sind. Der Ortsgesundheitsrat empfiehlt jedoch nicht die allgemeine Schließung der Schulen, auch nicht den "polizeilichen Schluss" des Theaters, der Kinos und der Kinderkrippen. Auch hier wird von ausgedehnten Desinfektionen abgeraten - zweckmäßiger sei es erneut, die Krankenwäsche und Taschentücher auszukochen.

Notfallkrankenhaus im Camp Funston der Militärbasis Fort Riley in Kansas, USA, 1918. Von hier ging die Pandemie vermutlich aus.
Notfallkrankenhaus im Camp Funston der Militärbasis Fort Riley in Kansas, USA, 1918. Von hier ging die Pandemie vermutlich aus. | Bild: Courtesy of the National Museum of Health and Medicine, Armed Forces Institute of Pathology, Washington, D.C., United States

Ein spezifisches Heilmittel gebe es noch nicht, und der Gesundheitsrat warnt vor den "marktschreierischen angebotenen Medikamenten". Vor allem würde die ärztliche Versorgung ausreichen, wenn nur das Publikum einige Rücksicht übt und sie nicht unnötig beansprucht.

Straßenbahnverkehr wegen der vielen Erkrankten an der Spanischen Grippe eingestellt

Am 24. Oktober meldet die "Karlsruhe Zeitung", dass die Zahl der Todesfälle auch in Karlsruhe zugenommen hat. Kurz danach wird wegen des hohen Krankenstands die Straßenbahnlinie 2, die durch die Innenstadt fährt, eingestellt. Die dritte Welle der Krankheit, dessen Verlauf milder ist, tritt im Frühjahr 1919 auf und hält lediglich ein paar Wochen an.

Todesfälle durch die Spanische Gruppe: 8.400 Menschen in Baden sterben

Insgesamt fordert die "Spanische Grippe" rund 50 Millionen Leben weltweit. In Baden gibt es rund 8.400 Tote, überwiegend junge Menschen mit starkem Immunsystem. Der Virus soll in Kansas, USA, entstanden sein und gehörte zu den Influenza-A-Viren, Subtyp A/H1N1. Bei jungen, stärkeren Menschen kam es zu einer überschießenden Immunreaktion, und man geht heute davon aus, dass sie Opfer ihres eigenen Immunsystems geworden sind.

Mehr zum Thema Stadtgeschichte: Es war einmal in Karlsruhe | ka-news.de