Sechs Tage nach dem Luftangriff wird der Erfahrungsbericht des Polizeireviers vier (Rüppurr, Dammerstock und Weiherfeld) am 9. September 1942 erstellt. Der Bereich des Reviers wird mehrmals heftig angegriffen, vor allem Weiherfeld, da der Stadtteil in der Nähe des Betriebswerkes Hauptbahnhof liegt.

Erste Fliegermeldung um 2.25 Uhr

Hier fallen Spreng- und Brandbomben, während über Rüppurr und Dammerstock lediglich Brandbomben abgeworfen werden. Die Turmbeobachter melden den ersten Anflug der feindlichen Flieger aus westlicher Richtung um 2.25 Uhr über Weiherfeld und gleich um 2.28 Uhr erscheint die zweite Welle. Die britische Luftwaffe fliegt in einer Höhe von zirka 200 Meter und wirft eine große Menge Stab- und Phosphorbomben ab.

Blick auf ein durch Phosphorbombe ausgebranntes Gebäude.
Blick auf ein durch Phosphorbombe ausgebranntes Gebäude. | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe, 8/Alben 236 / 74

Dieser zweite Anflug kommt aus südlicher Richtung, was darauf schließen lässt, dass zuerst über die Gegend von Ettlingen Bomben abgeworfen wurden. Danach kommen Sprengbomben und Luftminen. Bei einem weiteren Angriff um 3.20 Uhr werfen die Bomber Kanister über Weiherfeld, die sofort starke Brände verursachen.

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Der letzte Angriff zwischen 3.25 und 3.55 Uhr erfolgt aus 500 Meter Höhe. Hier stellen die Flieger die Motoren ab und feuern mit Bordwaffen auf die Schadenstellen und Flakstellungen. Insgesamt fallen drei Sprengbomben mit zirka 100 Kilo, etwa 1.000 bis 1.200 Stabbrandbomben, etwa 150 Phosphorbomben, sechs Luftminen und einige Leuchtbomben. Eine große Menge Flugblätter wird auch abgeworfen.

Auch Pferde sind rauchvergiftet, ein Pferd stirbt

In der Langestraße 60 in Rüppurr gibt es einen Stallbrand. Zwei Pferde werden rauchvergiftet und werden vom Luftschutz Veterinärdienst behandelt. Trotzdem stirbt später eines der Pferde. Zuerst ist der Himmel klar, mit guter Sicht – später jedoch wird die Sicht durch die aufkommenden Rauchwolken viel schlechter.

Blick auf ein zerstörtes Haus (Körnerstraße).
Blick auf ein zerstörtes Haus (Körnerstraße). | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe, 8/Alben 236 / 57

Bei Fliegeralarm sucht die Bevölkerung sofort die Bunker, Schutzräume und ÖLSR (öffentliche Luftschutzräume) auf. Die ÖLSR befinden sich in der Rastatter Straße 1, Dobelstraße 1, Rastatter Straße 87a und Langestraße 58. In Weiherfeld gibt es allerdings gar keine Räume. Alle bestehenden Schutzräume und Bunker sind sehr stark besetzt. In Dammerstock schlagen mehrere Bomben ein und alle Entstehungsbrände werden von den Selbstschutzkräften gelöscht.

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"Der Selbstschutz hat sich vorbildlich verhalten", heißt es im Bericht – dadurch können eine große Menge Häuser gerettet werden. Auch in Weiherfeld hat sich der Selbstschutz "hervorragend beteiligt."

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Allerdings bleibt die Gartenstadt in Rüppurr unversehrt, erzählt der Karlsruher Friedrich Rahäuser, der die Ereignisse in den Tagen nach dem Angriff detailliert dokumentiert. Es hat sich jedoch gezeigt, dass bei einem solchen Fliegerangriff die Polizei so viele Aufgaben hat, dass die vorhandenen Kräfte nicht ausreichen. Die Posten mussten sieben Stunden ununterbrochen besetzt werden.

Chaos und schlechte Organisation beim Luftangriff in Rüppurr und Dammerstock

Die Bevölkerung ist ruhig und die meisten setzen sich ein, berichtet die Polizei. Allerdings gibt es "bestimmte männliche Personen, Namen werden nicht genannt", die im ÖLSR Alte Schule bleiben und sich nicht an den Löscharbeiten beteiligen, auch nicht, als das Haus nebenan brennt. Auch die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen "lässt noch viel zu wünschen übrig."

Blick auf ein zerstörtes Gebäude in der Waldstraße.
Blick auf ein zerstörtes Gebäude in der Waldstraße. | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe, 8/Alben 236 / 18

Es fehlt das “nötige Verständnis der gegenseitigen Hilfe", heißt es im Bericht. Aufforderungen zur Hilfe werden als Befehl angesehen, Meldungen über Verletzte und Schadenstellen gehen nur unvollständig ein. Es herrscht offensichtlich ein ziemliches Chaos.

Die Polizei lobt die Notdienste für ihren Einsatz

Jedoch ist die Flak die ganze Zeit aktiv, so dass ein gezielter Bombenabwurf nicht möglich ist. Die feindlichen Flieger werfen ihre Bomben offensichtlich planlos ab und nur Wohngebiete werden angegriffen.

Die Turmbeobachter sind sehr tüchtig gewesen, berichtet die Polizei – man ist sofort über neue Anflüge und Schadenstellen informiert gewesen. Ebenso ist der Einsatz des Schnellkommandos bewundernswert, erzählt die Polizei – diese sind für die Lokalisierung und Löschung der Brände zuständig.

Der Bunker in Rüppurr.
Der Bunker in Rüppurr. | Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Während des Angriffs müssen sie vier Mal und nach dem Angriff achtzehn Mal eingesetzt werden. Zudem ist die freiwillige Feuerwehr Rüppurr sehr erfolgreich und schafft es, ein landschaftliches Anwesen zu retten. Dadurch werden angrenzende Anwesen vom Übergreifen des Feuers geschützt.

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Die Hitlerjugend wird auch zur Bekämpfung der Brände in Rüppurr und Weiherfeld erfolgreich eingesetzt. Sie ist unaufgefordert zwei Tage und zwei Nächte ununterbrochen an den Schadenstellen.

Schäden, Obdachlose und Tote in Rüppurr, Dammerstock und Weiherfeld

Im vierten Polizeirevier gibt es einige Tote – zwei Männer, drei Frauen und zwei Kinder. Sie waren alle in den Schutzräumen verschüttet. In Folge der Beschädigungen an Wohnhäusern gibt es viele Obdachlose – insgesamt 162 Personen, die alle in Privatquartieren untergebracht sind. Ihre geborgenen Möbel sind in der Franziskuskirche untergebracht.

Im Bunker in Dammerstock.
Im Bunker in Dammerstock. | Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Durch Spreng- und Brandbomben sind 64 Wohnhäuser, sechs Werkstätten, zwölf Autogaragen, drei Stallgebäude und vier Scheuen entweder total- oder schwerbeschädigt. Leicht beschädigt sind noch 282 Wohnhäuser.

Die Polizei kann noch einige Personen aus den Trümmern retten

Zur Bergung der Verschütteten wird die Luftschutz-Polizei eingesetzt. Sie schafft es, fünf Personen aus den zertrümmerten und durch Luftminen zerstörten Häusern in der Belchenstraße 47 bis 53 zu bergen. Zur Bergung werden Äxte, Schaufeln, Pickeln und Brecheisen in größeren Mengen gebraucht.

Die Verletzten werden ins Neue Diakonissenkrankenhaus gebracht. Die ältere Witwe Frau Vonderberg in Weiherfeld war fünf Stunden im Keller verschüttet, erzählt Friedrich Rahäuser, bis sie ausgegraben werden konnte.

 

Dies war der letzte Teil der ka-news-Serie. Alle bisher erschienen Artikel finden Sie hier:

Karlsruher Brandnacht Teil IV: Wie die Innenstadt den verheerenden Luftangriff und die Tage danach erlebte

Karlsruher Brandnacht: Vor 80 Jahren färbten Bomben und Feuer den Himmel in der Weststadt brandrot

Die Brandnacht von Karlsruhe Teil II: In der Oststadt müssen viele Blindgänger und ein nicht enden wollendes Feuer bekämpft werden

Die Brandnacht in Karlsruhe Teil I: Wie der Angriff der Royal Air Force den Bau von Bunkern und Scheinanlagen beflügelte

 
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