Hier in der Weststadt erreichen die Schäden ein Höchstmaß, berichtet der Zeitzeuge Friedrich Rahäuser: “Wenn man durch die Straßen dieses Stadtteils geht, könnte man glauben, dass der Krieg darüber weggegangen sei“.

Vor dem Ersten Weltkrieg war Rahäuser Buchhalter, der seine Stelle aufgegeben hat, um im großen Krieg als Gefreiter der Landwehr zu dienen. Während des Zweiten Weltkriegs wohnt er in der Oststadt, wo er ein kleines Unternehmen betreibt. Nach der Brandnacht berichtet er ausführlich über den Zustand in allen Stadtteilen.

Die Häuser brennen reihenweise ab

“In der westlichen Kriegsstraße sind Häuser reihenweise abgebrannt“, erzählt Rahäuser. “Die Schillerstraße zwischen Kriegs- und Sophienstraße ist ein einziges Trümmerfeld – die Sophienstraße ist am meisten beschädigt“.

Luftangriff auf Karlsruhe am 2./3.1942 Kaiserallee, Blick auf eine durch Sprengbomben herausgerissene Hausecke
Luftangriff auf Karlsruhe am 2./3.1942 Kaiserallee, Blick auf eine durch Sprengbomben herausgerissene Hausecke | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe, 8/Alben 236 / 68

Laut “Erfahrungsbericht“ vom 6. Luftschutzrevier (Weststadt/Innenstadt-West) wird um 2.20 Uhr, am Morgen des 3. September 1942, vom Turmbeobachter auf dem Turm der Karlsruher Lebensversicherung Fliegergeräusche aus nördlicher Richtung gemeldet. Um 3.35 Uhr werden im Bereich des Reviers 17 Großbrandstellen gezählt und gemeldet. Der Angriff, eingeleitet um 2.35 Uhr durch Abwurf von Leuchtbomben, zieht sich bis 4.30 Uhr hin.

Die Angst vor den Phosphorbomben

Wie im 6. Revier berichtet, werden Unmengen an “Feindmunition“ abgeworfen. An Sprengbomben gibt es 27 Stück, hier handelt es sich um schwere Kaliber und zwei Blindgänger – Bomben die nicht oder nicht vollständig explodieren – sind auch dabei. Etwa 2.800 Stabbrandbomben, inklusive 200 Blindgängern, werfen die Bomber auch ab. Rund 200 Phosphorbrandbomben (14 kg), darunter 120 Blindgänger, fallen noch über die Weststadt.

Luftangriff auf Karlsruhe am 2./3.1942 LS-Revier VI Ecke Westendstraße/Sophienstraße.
Luftangriff auf Karlsruhe am 2./3.1942 LS-Revier VI Ecke Westendstraße/Sophienstraße. | Bild: 8_Alben_236_050.tif: Stadtarchiv Karlsruhe 8/Alben 236/50

Blindgänger, die besondere Schwierigkeiten darstellen, entdeckt man auch heute noch immer wieder. Insgesamt werden 113 kg Flüssigkeitsbrandbomben über der Weststadt abgeworfen. Solche Bomben haben beide Seiten im Zweiten Weltkrieg eingesetzt und sie enthalten meist weißen Phosphor. Wenn eine solche Bombe am Boden aufschlägt, zerspringt ihre Blechhülle,  entzündet den Phosphor und steckt die dickflüssige Masse in Brand.

Operationsbunker Städtisches Krankenhaus, Kaiserallee
Operationsbunker Städtisches Krankenhaus, Kaiserallee | Bild: Katherine Quinlan-Flatter

In der Bevölkerung herrscht eine große Angst vor den Phosphorbomben. Das Feuer ist schwer zu löschen – es entzündet sich immer wieder von selbst. Bei späteren Luftangriffen in Pforzheim wurde auch Phosphor eingesetzt und die von den Bränden betroffenen Menschen sprangen in den Fluss, was sich aber als nutzlos erwies. Das Feuer konnte auch durch das Wasser nicht gelöscht werden.

Die Angriffsziele der tieffliegenden alliierten Flugzeuge hier in der Weststadt sind wieder Wohnhäuser, öffentliche Gebäude, Wehrmachtsgebäude und Industrieanlagen. Eine frühe Großschadensstelle ist in der Kaiserallee 63 bis 65, wo die Wehrmacht sofort nach dem Angriff eingesetzt wird. Hier kann sie noch zwei Menschen bei Bergungsarbeiten retten.

Teilweise sind die Feuerwehren und Löschdienste überfordert

Während des Luftangriffs kann das Schnellkommando der Schutzpolizei nicht arbeiten, da der Angriff in der Weststadt einfach zu stark ist – “das Leben der Männer wäre gewagt worden“. Es zeigt sich jedoch, dass die Handspritze für Dachstuhlbrände zu schwach ist. Erst nachdem das Schnellkommando mit Standrohr und Schlauchleitung ausgestattet ist, kann man gegen die entstehenden Brände erfolgreich wirken.

Außerdem muss die Ausrüstung von “körperlich kräftigen“ Männern mit der nötigen Ausbildung bedient werden – die jungen Hitlerjugend-Angehörigen, die dem Schnellkommando zugeteilt sind, sind dafür nicht geeignet. Die Brauerei Fels und das Restaurant Felseneck sind ganz abgebrannt, erzählt Friedrich Rahäuser – und auf der rechten Seite der Schillerstraße steht kein einziges Anwesen mehr. Dagegen ist die Bonifatiuskirche unversehrt.

Ecke Reinhold-Frank-Straße/Sophienstraße heute
Ecke Reinhold-Frank-Straße/Sophienstraße heute | Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Von der Westendstraße (heute die Reinhold-Frank-Straße) liegen die Trümmer ununterbrochen bis zur Geranienstraße, und die Körnerstraße ist auch ein großes Trümmerfeld. Am linken Ende der Sophienstraße liegt ein Blindgänger größten Kalibers. “Die Haube mit dem Zünder war abgebrochen und lag neben der Mine“, berichtet Rahäuser. “Wäre diese Mine krepiert, würde von jener Gegend wohl überhaupt nichts stehen geblieben sein“.

Eine Mutter und ihre drei Kinder retten sich aus einem brennenden Haus

Frau Böhne, die mit ihren Kindern in einem Haus in der Moltkestraße wohnt, hört nachts um 2.15 Uhr die Sirenen und fünf Minuten später die Flieger. Sie weckt ihre drei Kinder und bringt sie in den Keller, dann füllt sie die Badewanne mit Wasser auf, um nach dem Angriff Wasser vorrätig zu haben. Danach dreht sie den Haupt-Gas- und Wasserhahn ab. Anschließend geht Frau Böhne in den Keller und versucht, die weinenden Kinder zu beruhigen. Die Bomben schlagen um sie herum ein und das Haus wackelt und bebt.

Plötzlich fällt eine Brandbombe mitten ins Haus, kurz danach eine zweite Bombe. “Draußen war alles taghell und von Magnesiumlicht erleuchtet“, berichtet Frau Böhne, “der Himmel leuchtete brandrot und die Detonationen folgten einander von Sekunde zu Sekunde. Rauch drang überall her, man hörte das Maschinengewehr der tieffliegenden Bomber“.

Luftangriff auf Karlsruhe am 2./3.1942 Westendstraße (Reinhold-Frank-Straße)
Luftangriff auf Karlsruhe am 2./3.1942 Westendstraße (Reinhold-Frank-Straße) | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8/Alben 236/47

Kurz darauf schafft es die kleine Familie, aus dem Keller zu treten, gerade noch rechtzeitig, weil das Haus plötzlich auseinander berstet. Das Geländer der oberen Terrasse schmilzt dabei und macht einen Riesenlärm. “Es war der Schwanengesang der Stätte, die wir liebten, in der wir so glücklich gewesen waren“, erzählt Frau Böhne. Die Rettungsstelle 6 in der Weststadt gibt 180 Verletzten erste Hilfe. An Wehrmachtsgebäuden sind die Grenadierkaserne in der Moltkestraße, die Lorettokaserne in der Kaiserallee und das Wehrmachtsamt bei dem Angriff beschädigt.

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Auch die Badisch-Pfälzische Flugzeugreparaturwerft am Karlsruher Flughafen hinter der Moltkestraße wird durch Brandbomben schwer beschädigt und etliche Flugzeuge sind auch zerstört. Insgesamt ist das Ausmaß der Bombardierung furchtbar. Mindestens 30.000 Einwohner werden obdachlos, meint Frau Böhne – ein Sechstel der Stadt. Laut Aussagen übertrifft das sogar die jüngsten Angriffe auf Mainz und Köln. “Wir teilen einfach das Los von Tausenden“, sagt Frau Böhne.

 
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