In Deutschland gibt es derzeit rund 86.400 Sportvereine. Das klingt viel, aber es waren schon einmal mehr. Seit etwa 2010, als es hier noch über 91.000 Sportvereine gab, beobachten Statistiker eine deutliche Abnahme – immer mehr Vereine in Deutschland müssen aufgeben.
Auf die Frage, warum das so ist, haben Experten eine deutliche Antwort gefunden: Immer weniger Menschen wollen Mitglied in einem Sportverein werden, sind bereit, sich auf lange Zeit in einem Verein oder für ein Ehrenamt verpflichten. Für viele steht allein die sportliche Betätigung im Vordergrund, sie können gut auf Vereinsstrukturen und die damit verbundene Identifikation und Geselligkeit verzichten.
Das große Sterben der Sportvereine
Die gesellschaftliche Relevanz der Sportvereine geht zurück. Sie verzeichnen einen Mitgliederrückgang, verlieren damit auch Mitgliederbeiträge und finanzielle Möglichkeiten, gleichzeitig steigen jedoch die Ausgaben. Sportstätten müssen erhalten, geheizt und regelmäßig modernisiert werden. Kompetente Übungsleiter, Jugendarbeit, attraktive Kursangebote und Werbung kosten ebenfalls Geld.

Aber um zukünftige Investitionen tätigen oder Instandsetzungen durchführen zu können, können Sportvereine nur in begrenztem Maß finanzielle Rücklagen bilden – und auch das wird immer schwieriger, vor allem im Hinblick auf die drastischen Preiseanstiege für Strom, Heizung und Handwerker.
Der "Sportentwicklungsbericht 2020 bis 2022" des Bundesinstituts für Sportwissenschaft sagt dazu: "Das mit Abstand größte existenzielle Problem stellt nach wie vor die Bindung oder Gewinnung von ehrenamtlichen Funktionsträgern dar: 14,6 Prozent der Vereine fühlten sich im Herbst 2020 durch dieses Problem in ihrer Existenz bedroht. Darüber hinaus stellte die Gewinnung und Bindung von Mitgliedern für knapp jeden zehnten Verein eine Existenzbedrohung dar, die im Verlauf der vergangenen drei Jahre zudem signifikant angewachsen ist (+25 Prozent)."

Und weiter: "Knapp neun Prozent der Sportvereine, und damit signifikant mehr als noch vor drei Jahren, empfanden im Herbst 2020 zudem eine existenzielle Bedrohung aufgrund der Anzahl an Gesetzen, Verordnungen und Vorschriften. Wachsende existenzielle Probleme empfanden die Vereine darüber hinaus aufgrund der Bindung und Gewinnung von Trainer*innen und Übungsleiter*innen, der zeitlichen Verfügbarkeit der Sportstätten sowie wegen mangelnder Unterstützung durch Politik und Verwaltung."
Wer überleben will, muss kooperieren
Um dennoch zu überleben, bieten viele Sportvereine mittlerweile ergänzend zu ihren Abteilungen auch immer häufiger Kurse für Nichtmitglieder an – Trendsportarten und Gesundheitssport stehen dabei hoch im Kurs. Ebenfalls ein probates Mittel, um langfristig existieren zu können, sind Kooperationen. Laut des deutschen Sportentwicklungsberichtes von 2020 bis 2022 liegen Vernetzung und Zusammenarbeit hoch im Kurs.

"Um ein breites Sportangebot bieten zu können und somit den Gemeinwohlcharakter noch zu stärken, arbeiten die Sportvereine bei der Angebotserstellung mit zahlreichen weiteren Akteuren des Gemeinwohls zusammen. Die häufigste Kooperationsform ist dabei die Zusammenarbeit mit anderen Sportvereinen: Über ein Drittel aller Vereine kooperiert mit einem anderen Sportverein. Ebenfalls knapp ein Drittel der Vereine kooperiert zudem mit einer Schule und knapp 18 Prozent mit einem Kindergarten beziehungsweise einer Kindertagesstätte."

Weiter: "Gut 6.000 Sportvereine gaben weiterhin an, bei der Angebotserstellung mit einer Krankenkasse zusammenzuarbeiten und rund 5.000 Vereine kooperieren mit einem kommerziellen Sportanbieter, etwa einem Fitnessstudio. Außerdem gaben rund 4.500 Vereine an, mit einem Wirtschaftsunternehmen bei der Angebotserstellung zusammenzuarbeiten und rund 4.000 Sportvereine erstellen gemeinsame Angebote mit Behinderteneinrichtungen, wie beispielsweise der Lebenshilfe. Anteilig etwas weniger Vereine kooperieren mit Grundsicherungs- und Jugendämtern, Senioreneinrichtungen, Gesundheitsämtern sowie Mehrgenerationenhäusern", heißt es da.
Sponsoren gesucht!
Gerade wenn es um Kooperationen mit der Wirtschaft geht, spielen häufig regionale Synergien eine Rolle. Oft ergeben sich Kontakte über Mitglieder oder die geografische Nähe eines Sportgeländes zu einem Sportverein. So pflegt beispielsweise der SSC Karlsruhe seit vielen Jahren enge Verbindungen zum benachbarten Technologiepark Karlsruhe, zudem gibt es viele Sponsoringvereinbarungen mit Partnern aus der regionalen Wirtschaft, wie SSC-Geschäftsführer Stefan Ratzel erklärt.

So kooperiert etwa das Volleyballteam des Vereins, das in der ersten Bundesliga spielt, mit zahlreichen Wirtschaftsgrößen aus der Region – darunter die BBBank oder init, ein weltweit führender Anbieter für IT-Lösungen im öffentlichen Nahverkehr aus Karlsruhe. Die SSC-Akademie für den Basketball-Nachwuchs trägt sogar den Namen ihres Sponsors, sie firmiert ganz offiziell als "Packservice Basketball-Akademie".
"Unsere Kooperationen mit der Wirtschaft sind mittlerweile sehr vielfältig", erklärt Stefan Ratzel. Das geht von der klassischen Banden- oder Trikotwerbung bis hin zu großen Projekten wie unserer neuen Outdoor-Bewegungsanlage, bei deren Finanzierung wir freundlicherweise von der Softwarefirma Vektor unterstützt werden", so der SSC-Geschäftsführer weiter.

Er weiß aber auch, dass es immer schwieriger wird, Unterstützer in der lokalen Wirtschaft zu finden: "Natürlich wird in den Unternehmen immer mehr aufs Geld geschaut. Die 'fetten Jahre' sind vorbei, zumindest momentan. Für die Unternehmen wird die Zusammenarbeit mit den Vereinen immer schwieriger, da die Vereine wiederum oft strukturelle Probleme haben, wenn es darum geht, Ehrenamtliche für Vorstandsposten oder ähnliche Aufgaben zu finden. Skandale wie Missbrauch oder Doping tun ihr Übriges."
Dennoch blickt er zuversichtlich in die Zukunft seines Vereins. "Ich denke, der SSC ist – auch aufgrund seiner Vielfalt – solide aufgestellt. Wir haben ein tolles Team, die Zusammenarbeit zwischen Haupt- und Ehrenamt klappt und glücklicherweise können wir uns auch in Sachen Sponsoring nicht beschweren."
Vereine als Talent-Pool für Mitarbeiter?
Auch die Möglichkeiten, wie Unternehmen von der Kooperation mit Sportvereinen profitieren können, haben sich geändert: Während Werbung sich früher an potenzielle Kunden gerichtet hat, geht es heute häufig darum, neue Mitarbeiter zu finden. "Recruiting ist für viele Unternehmen mittlerweile wichtiger als Kundenakquise", sagt Ratzel. Und ein Sportverein sei dafür ein perfekter Ort.
Denn die Mitglieder kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten, Altersklassen, haben ganz unterschiedliche Bildungsniveaus und Vorlieben – für Unternehmen auf Mitarbeitersuche also nahezu perfekt. Und natürlich gibt es beim SSC Karlsruhe auch Kooperationen mit der Wirtschaft auf sportlicher Ebene: Sei es vergünstigte Mitgliedschaften für Mitarbeiter eines Sponsors oder Kurse, die der Verein quasi als Sportdienstleister in Unternehmen gibt.

Auch bei den Rheinbrüdern, deren Kanusportler schon zahlreiche Deutsche Meistertitel und mehrere Medaillengewinne bei Weltmeisterschaften erzielen konnten, setzen auf die Kooperation mit der lokalen Wirtschaft. Die Kanu-Rennmannschaft hat die Stadtwerke Karlsruhe als Hauptsponsor, sowie die PSD Bank und CRONIMET als Trikotsponsor.
"Außerdem haben wir kleinere Förderer, die uns verschiedentlich unterstützen. Unsere Buspaten sorgen dafür, dass wir immer wieder Mannschaftsbusse kaufen können, sie haben als Gegenleistung eine Werbefläche. Dann haben wir Förderer, die aus bestimmten Branchen kommen und uns hier mit Sachleistungen unterstützen. Wie Maler Zorn, Leonhard Elektro-Technik und Die Knielinger Physiotherapie", berichtet Martina Tirolf, zuständig für die Pressearbeit des 1922 gegründeten Vereins.

Auf die Frage, wie Unternehmen im Gegenzug von Sportvereinen profitieren können sagt sie: "Die Frage sollte eher heißen, wie kann die Gesellschaft von diesen Kooperationen profitieren. Die Firmen haben oft keinen direkt in verbindungszubringenden, messbaren Erfolg. Es kommt wahrscheinlich niemand zur PSD Bank und sagt, weil ich die Werbung bei den Kanuten immer gesehen habe, bin ich jetzt bei Ihnen gelandet. Aber ausschließen, dass genau dies den Neukunden indirekt beeinflusst hat, kann man es eben auch nicht", meint sie.
"Die Firmen fördern uns, wir die Kinder"
Aber es gehe eigentlich vielmehr darum, was Sportvereine für die Gesellschaft tun.
"Wir betreiben einen hohen Aufwand Kinder und Jugendliche fürs Kanufahren zu begeistern. Dafür brauchen wir natürlich Mittel, damit wir Übungsleiter, hauptamtliche Trainer, Material und so weiter finanzieren können. Dafür prägen wir die Kids und begleiten sie von Grundschulalter bis zum Studium. Wir vermitteln Jugendlichen etwas sinnstiftendes und bringen ihnen bei, dass es sich lohnt für etwas zu kämpfen, an etwas dranzubleiben, bis man zum Ziel gelangt ist", erklärt Martina Trirolf.

Sie fügt an: "Nicht wenigen Kindern aus armen Verhältnissen haben wir eine Perspektive gegeben und sie nicht nur im Sport, sondern auch schulisch so begleitet, dass sie am Ende eine gute Ausbildung oder ein Studienabschluss geschafft haben. Im Grunde fördern uns die Firmen, damit wir Kinder und Jugendliche fördern können. Für die Gesellschaft zählt am Ende weniger der Erfolg als vielleicht die Tatsache, dass wir produktive, leistungsorientierte Menschen in die Arbeitswelt bringen".

Darin sieht Martina Tirolf auch die Zukunft der Kooperationen zwischen Sportvereinen und Unternehmen: "Sportsponsoring ist eine aktive Möglichkeit der Firmen, in gute Jugendarbeit zu investieren. Beim jetzigen Fachkräftemangel wird es immer wichtiger werden, dass Städte und Kommunen sich von anderen abheben können, damit die Menschen dort wohnen und arbeiten wollen. Wenn eine Firma lokal dafür Sorge trägt, dass Bildung, Sport und Kultur gestärkt werden, dann profitieren diese Firmen am Ende wieder davon."
Aber die Unternehmen können auch ganz direkt von ihrer Zusammenarbeit mit den Rheinbrüdern profitieren. "Wir bieten unseren Sponsoren und Förderern Teambuildings an oder unsere international erfolgreichen Leistungssportler*innen gehen in die Firmen und geben Impulsreferate. Leistungssportler*innen haben einige Skills, von denen Mitarbeitende in der Wirtschaft profitieren können“", sagt Martina Tirolf.
"Aufstehen nach Niederlagen", "Motivation über die eigenen Grenzen zu gehen", "zielorientiertes Arbeiten" - das alles lernen Leistungssportler*innen nebenher und die international erfolgreichen haben all das perfektioniert und können von ihrem Leben hautnah berichten. "Der Mensch lernt ja durch ganz besonders durch Emotionen, die unsere Sportler*innen ganz gut vermitteln können", so Tirolf.
Sport ist Teambuilding
Ein weiterer erfolgreicher Karlsruher Sportverein ist der PSK. Mit über 20 Abteilungen, vielfältigen Kurs-Angeboten und einem eigenen Fitnessstudio deckt er eine sehr große Bandbreite verschiedenster Sportarten ab. Ob Breiten– oder Wettkampfsport – sämtliche Alters- und Leistungsklassen finden hier passende Angebote.
"Die PSK Lions, das Basketballteam, das derzeit in der zweiten Bundesliga spielt, sind nur aufgrund der Sponsoren aus der Wirtschaft in der Lage, in Karlsruhe Bundesliga-Basketball anzubieten", sagt Stefan Schwärzler, Vorsitzender des Aufsichtsrats beim PSK.
Von großen Unternehmen wie der PSD Bank, der Brauerei Hoepfner oder Ungeheuer Automobile bis hin zu kleineren Sponsoren wie Arztpraxen oder Rechtanwaltskanzleien haben die PSK-Basketballer einen großen Pool regionaler und überregionaler Unterstützer. Ein wenig anders sieht es in den anderen Abteilungen des Vereins aus.

"Abgesehen von den LIONS gibt es derzeit nicht ausreichend Sponsoring-Projekte beim PSK, die Möglichkeiten des Geländes und somit auch die Werbemöglichkeiten für Unternehmen werden nicht vollständig ausgeschöpft. Die meisten Abteilungen des PSK nutzen Sponsoren aus der lokalen Wirtschaft, die zum Beispiel als Turniersponsor auftreten oder auch durch Bandenwerbung Sportveranstaltungen mitfinanzieren. Ein zentrales Konzept zur besseren Verzahnung ist in Arbeit", so Stefan Schwärzler.
Vorteile für die Unternehmen sieht Schwärzler in der Werbung, die das Engagement im Sportverein mit sich bringt: "Unternehmen steigern ihren Bekanntheitsgrad in der Gemeinschaft, wenn sie Sportvereine unterstützen. Unternehmen, die Sportvereine finanziell unterstützen partizipieren von positiver Werbung und gesteigertem Image", ist er sich sicher. Außerdem sieht er einen Mehrwert im Networking.
"Ohne Unterstützung der lokalen Wirtschaft reicht das Budget nicht aus"
"Die Zusammenarbeit mit Sportvereinen ermöglicht es Unternehmen, Kontakte zu Multiplikatoren, anderen Unternehmen und der lokalen Gemeinschaft zu knüpfen. Dies kann zu neuen Geschäftsmöglichkeiten führen." Nicht zuletzt können Unternehmen über die Kooperation mit Sportvereinen zu einem attraktiveren Arbeitgeber werden – gerade im Fachkräftemangel der heutigen Zeit nicht unbedeutend.
Beispielsweise können Unternehmen Sportstätten nutzen und spezielle Angebote für ihre Mitarbeiter bereitstellen. Auch eine Möglichkeit, von Sportvereinen zu lernen, sieht Schwärzler für die Wirtschaft – besonders in Sachen Teambuilding und Motivation: Gerade im Sport, der sowohl soziale als auch leistungsorientierte Aspekte vereint, gibt es eine Verbindung.

Unternehmen sollten ähnliche Ansätze nutzen, um ihre Teams zu motivieren und zu stärken. Zusammenhalt im Team und die gemeinsame Arbeit an einem gemeinsamen Ziel sind entscheidend für den Erfolg - genau wie im Sport müssen Unternehmen klare Ziele setzen und sicherstellen, dass alle Teammitglieder darauf hinarbeiten.
"Ein gemeinsames Ziel fördert Zusammenhalt und Motivation. Sportvereine betonen die Bedeutung von Vertrauen, Wohlbefinden und offener Kommunikation. Unternehmen können diese Grundsätze übernehmen, um zu lernen, ein gesundes Arbeitsumfeld zu schaffen", so Schwärzler weiter.
Mit dem Blick in die Zukunft wird der der PSK-Aufsichtsratsvorsitzende deutlich: "Die Kooperationen zwischen Wirtschaft und Verein sind für uns zwingend notwendig. Ein Verein kann sich nicht nur über Mitgliedseinnahmen finanzieren."

Und weiter: "Ohne Unterstützung der lokalen Wirtschaft reicht das Budget nicht aus, um den Mitgliedern und der Gemeinschaft attraktive Angebote unterbreiten zu können. Umgekehrt gesehen ist ein lokales Unternehmen integraler Bestandteil der Gesellschaft. In dieser Funktion trägt es Verantwortung, ist Förderer, legt Wert auf sein Image und möchte die Nachfrage nach seinen Produkten erhöhen. So wird die Zusammenarbeit meiner Meinung nach auch in der Zukunft Bestand haben."
Dieser Artikel erschien erstmalig in unserem Print-Wirtschaftsmagazin "ka-insight".