Verkehrsgünstig gelegen dämmert das Areal hinter dem Karlsruher Hauptbahnhof seit vielen Jahren im Dornröschenschlaf. Das Gebiet zwischen der Schwarzwald- und Ettlinger Straße sowie dem Hauptbahnhof (externer Link), beherbergt trotz guter Anbindung lediglich einen Parkplatz und einen provisorischen Busbahnhof. Dabei hat die Stadt eigentlich andere Pläne mit dem Areal: Sie hat sich das Ziel gesetzt, das "Umfeld des südlichen Hauptbahnhofs als Visitenkarte Karlsruhes aufzuwerten." Doch seit Jahren geht es nicht voran. Das Problem begann bereits vor Jahrzehnten. 

1985/86

Wer die Geschichte des "Filetstücks" verstehen will, muss über 30 Jahre zurückgehen. Alles beginnt mit dem Zentrum für Kunst und Medien (ZKM). Noch bevor die Kulturinstitution 1989 gegründet wird, stehen erste Überlegungen im Raum, wo das ZKM angesiedelt werden könnte. 1986 rückt dabei das südliche Areal am Hauptbahnhof in den Fokus. Die Stadt erwirbt das Gelände von der Bahn. Es folgt ein Architektenwettbewerb, aus dem der Niederländer Rem Koolhaas als Sieger hervorgeht. Sein Entwurf sieht einen 60 Meter hohen Würfel mit Medienfassade vor. 

1992/93

Die ambitionierten Planungen für den "Koolhaas-Würfel" sorgen für hitzige Diskussionen in der Fächerstadt. 1992 entscheidet der Gemeinderat wegen einer drohenden Kostenexplosion gegen den "Würfel-Neubau" hinter dem Hauptbahnhof. Die ZKM-Planungen werden ausgesetzt und stattdessen ein Auftrag für ein Planungskonzept "ZKM im Hallenbau" erstellt. Anstelle des ZKM ziehen 1993 Kreativschaffende auf das Bahnhofsgelände. Das Arrangement ist als Übergangslösung gedacht. Doch die Künstler werden ihr Domizil für 22 Jahre auf dem Gelände beziehen. 

2002

Im September 2002 kommt die Ernüchterung für die "Künstler-Kolonie" hinter dem Hauptbahnhof: Die Stadt kündigt das Mietverhältnis mit den Kunstschaffenden. Seitdem herrscht eine "schwebende Räumungsvereinbarung", das heißt die Künstler dürfen so lange bleiben, bis entweder ein Grundstückskäufer vorliegt oder der Gemeinderat beziehungsweise Hauptausschuss die Räumung beschließt. 

2005

Die Planungen für das Gelände schreiten weiter voran. Der Gemeinderat beschließt, einen möglichen Bebauungsplan öffentlich auslegen zu lassen. Darin zu lesen: die Rahmenbedingungen für eine Bebauung des Areals.

2006

Was soll mit dem Areal hinter dem Hauptbahnhof künftig geschehen? Die Stadt wird hier 2006 konkreter. Im Mai legt sie einen endgültigen Bebauungsplan für das Areal vor, um das Gebiet zu einem Kerngebiet zu entwickeln. Die Stadt glaubt an das Potential des Areals, das außerordentlich verkehrsgünstig liegt. Die Stadt empfiehlt im Bebauungsplan die Fläche für Gewerbe aus dem Dienstleistungs-, Finanz- und Forschungsbereich zu nutzen.

Die neuen Pläne der Stadt bleiben nicht ohne Folgen: Bereits vor der Verabschiedung des Bebauungsplans wird das Wohnprojekt "Ex-Steffi" in der Schwarzwaldstraße geräumt. Nach Aussage der Stadt habe die Zeit gedrängt: Das Areal werde als "Filetstück" auf hohes Interesse stoßen. Unmittelbar nach der Räumung der "Ex-Steffi" wird das Gebäude abgerissen. 

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Doch die Suche nach einem Investor gestaltet sich doch schwieriger als von der Stadt zunächst angenommen. Der Internet-Dienstleister 1&1 hatte schon im Vorfeld geprüft, ob eine Ansiedlung infrage käme. Wenige Monate nach Genehmigung des Bebauungsplans verwirft der potentielle Investor mögliche Pläne. Die Suche nach einem Investor geht damit weiter. 

2007

Der Gemeinderat ruft 2007 den "Masterplan 2015" als flexiblen Orientierungsrahmen ins Leben. Das Ziel: Der Plan soll aufzeigen, wie sich Karlsruhe bis zum Jahr 2015 - seinem 300. Stadtgeburtstag - entwickeln kann. Dieser Masterplan wird auch nach dem großen Stadtgeburtstag fortgeschrieben werden. Im "Integrierten Stadtentwicklungskonzept Karlsruhe 2020" (ISEK 2020) ist auch die Aufwertung des Bahnhofareals vorgesehen. 

2013

Es tut sich was hinter dem Karlsruher Hauptbahnhof: Die B&B-Hotelkette erhält den Zuschlag für einen Teil des Grundstücks. Hier entsteht auf einem Areal von 2.000 Quadratmetern nun ein Standort mit rund 100 Betten. Und die restliche Fläche? Hier heißt es weiter warten. 

2014

Karlsruhe bekommt ein neues Fernbusterminal - allerdings nicht mehr auf der Südseite des Karlsruher Hauptbahnhofs. Zu diesem Entschluss kommt der Gemeinderat in seiner Sitzung Ende des Jahres 2014. Das neue Terminal soll in der Fautenbruchstraße entstehen. Der Nachteil: Der Standort liegt fast einen halben Kilometer vom Hauptbahnhof entfernt. Für den Standort in der Fautenbruchstraße spricht laut Stadt, dass hier ein Rückbau erfolgen und hochwertige Flächen anders genutzt werden könnten, sollte die Nachfrage nach Fernbussen wieder abnehmen. 

Sieht der neue Busbahnhof in Karlsruhe einmal so aus?
Sieht der neue Busbahnhof in Karlsruhe einmal so aus? | Bild: (Vlado Bulic/Fotomontage)

2015

Die Tage der Künstlerateliers hinter dem Hauptbahnhof sind 2015 gezählt. Der Gemeinderat entscheidet: Die Fortsetzung einer Ateliersnutzung ist auf dem Areal "Hinterm Hauptbahnhof" nicht mehr möglich. Ab sofort ist das Amt für Hochbau und Gebäudewirtschaft ermächtigt, nach Ausschluss anderer Alternativen die Räumung des Areals im Rahmen der mit den Künstlern abgeschlossenen Räumungsvereinbarungen in die Wege zu leiten.

Und die Gebäude? Die Stadt will abhängig vom Zustand entscheiden, welche Gebäude saniert und welche abgerissen werden. Ob die Künstler zu einem späteren Zeitpunkt zurückkehren können, bleibt offen. Die Stadtverwaltung kündigt an, im Rahmen des bestehenden Bebauungsplans eine Konzeption zur schwerpunktmäßigen kulturell-künstlerischen Nutzung des derzeitigen Areals erarbeiten zu wollen.

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2016

Rund ein Jahr ist vergangen, seit das Agreement zwischen der Künstlerkolonie und der Stadt endgültig aufgekündigt wurde. Viele Künstler haben dem Areal inzwischen den Rücken gekehrt. Wie Oberbürgermeister Frank Mentrup versichert, konnten sie inzwischen neue Quartiere beziehen.

Ansonsten hat sich hinter dem Karlsruher Hauptbahnhof aber nicht viel getan. Die Stadt arbeitet an einem Nutzungskonzept für das "Filetstück", zeitgleich werden teilweise Gebäudeteile entfernt. Ein Investor mit konkreten Ideen lässt aber nach wie vor auf sich warten. Von einer Neuaufteilung des Areals in drei Bebauungspläne, wie von der Kult-Fraktion vorgeschlagen, hält die Stadt allerdings nichts. 

Denkbar und zulässig seien Geschäfts-, Büro- und Verwaltungsgebäude, Schank- und Speisewirtschaften, Betriebe des Beherbergungsgewerbes und als Vergnügungsstätten Diskotheken und Tanzlokale, Einzelhandelsbetriebe, sonstige nicht störende Gewerbebetriebe, Anlagen für kirchliche, kulturelle, soziale, gesundheitliche und sportliche Zwecke, so die Stadtverwaltung. Es lägen keine aktuellen Planungen vor, die nicht innerhalb des weiten Rahmens, den der Bebauungsplan steckt, realisierbar wären.

2017

Lange hat sich nach der Entscheidung des Karlsruher Gemeinderats wenig in Sachen "Filetstück" getan. Im April konnte die Stadt dann verkünden, einen Investor gefunden zu haben. Käufer wird der Vorstandsvorsitzende der United Internet AG, Ralph Dommermuth. Im Juli wurden die Verträge unterschrieben.

Bis 2020 will Dommermuth, Gesellschafter und Vorstandsvorsitzender des Internetproviders United Internet AG, der unter anderem auch 1&1 angehört, auf rund 22.000 Quadratmetern Fläche bauen. Der Investor plant hinter dem Hauptbahnhof in einem ersten Bauabschnitt den Bau von Büroflächen nebst Tiefgaragenstellplätze für etwa 1.500 Arbeitsplätze zu beiden Seiten des Bahnhofsvorplatzes Süd.

Das Alte Heizkraftwerk soll in eine Betriebskantine umgebaut werden. Es ist vorgesehen, die Büros an Unternehmen der IT-Branche zu vermieten. In einem weiteren Bauabschnitt ist ein Wohnhochhaus mit rund 8.000 Quadratmeter Fläche vorgesehen.

2018

Am 10. April ist Grundsteinlegung im Entwicklungsquartier Hauptbahnhof Süd: Oberbürgermeister Frank Mentrup und Erste Bürgermeisterin Gabriele Luczak-Schwarz werden offiziell die Bebauung des Areals durch Bürogebäude begleiten.

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