Nachdem Gesundheitsminister Jens Spahn ankündigte, den Impfprozess auszuweiten und zu beschleunigen, gibt er nun öffentlich bekannt, dass angeblich nicht genug Impfstoff der Firma Biontech-Pfizer bestellt wurde. Infolgedessen solle es nun zu Engpässen kommen, die durch Rationierung bei Ärzten und Impfzentren abgefedert werden sollen.

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"Niedergelassene Ärzte dürfen ab dem 30. November pro Woche nur 30 Dosen Biontech bestellen. Impfzentren 1.200", sagt der Karlsruher Oberbürgermeister Frank Mentrup während einer Pressekonferenz. "Das bedeutet, viele Impfaktionen, die wir ab da geplant haben ein Problem kriegen werden. Alleine die Heinrich-Hertz-Schule wollte für ihre Impfaktion übernächste Woche rund 1.200 Impfdosen bereitstellen."

"Das ist unverschämt"

Dass Spahn erst zu Boosterimpfungen und Impfungen bei Kindern und Jugendlichen aufrufe und nun einen Engpass an Biontech ankündigt, sei aus Mentrups Sicht "unverschämt. Vor allem da es am Donnerstag noch hieß, es sei genügend Impfstoff vorhanden. Natürlich wird mehr Impfstoff gebraucht, wenn nun auch die 5 bis 12 und die 12 bis 16-jährigen geimpft werden. Es wirkt für mich wie mangelnde Organisation, dass nun ein Engpass herrscht." 

Oberbürgermeister Frank Mentrup signalisiert gegenüber ka-news.de seine Bereitschaft Geflüchtete aus Afghanistan aufzunehmen.
Karlsruher Oberbürgermeister Frank Mentrup. | Bild: Carsten Kitter

Gerade Biontech sei für ein Defizit nämlich denkbar ungünstig. "Es gibt noch den Moderna-Impfstoff als Ausweichmöglichkeit - zweifellos ein herausragender Impfstoff unter bestimmten Umständen - aber für Kinder und Jugendliche nicht sicher einsetzbar. Und gerade in dieser Altersgruppe gibt es meines Wissens die höchste Inzidenz", meint Mentrup.

"Wir haben noch Impfstoff bis nächste Woche"

Moderna nämlich sei erst für Patienten ab 30 Jahren empfohlen. "Dort auch sicher und effizient, aber bei jüngeren Geimpften besteht ein erhöhtes Risiko für Myokarditis, also Herzmuskelentzündungen", sagt Marianne Difflipp-Eppele, Vertreterin der niedergelassenen Ärzte Karlsruhe. Kinder und Jugendliche könne der Engpass also am härtesten treffen. "Eigentlich sollte der Impfstoff auch für sie reserviert werden", sagt der OB.

Marianne Difflipp-Eppele, Ärztin aus Karlsruhe Durlach.
Marianne Difflipp-Eppele, Vertreterin der niedergelassenen Ärzte Karlsruhe und Pandemiebeauftragte. | Bild: Klaus Eppele

"Wir haben noch genügend Impfstoff bis nächste Woche, ab übernächster Woche tritt die Limitierung ein", sagt Difflipp-Eppele. "Danach sind die Folgen erst einmal ungewiss. Und das ist geradezu empörend, wenn man bedenkt, dass die niedergelassenen Ärzte wie wild Kapazitäten geschaffen haben. Immerhin wollten wir Herrn Spahns Ankündigung, jeder könne sich impfen lassen auch umsetzen."

"Das Personal ist überlastet"

Die vom Bundesgesundheitsministerium ausgehende Limitierung an Impfdosen brächte die Karlsruher Arztpraxen zusätzlich auch in eine gesellschaftliche Bredouille. "Ich hoffe wirklich, dass wir am Montag erreichbar sein werden. Denn wir können uns eigentlich darauf einstellen, dass ununterbrochen das Telefon klingeln wird, weil sich die Menschen um ihre Impfung sorgen", sagt Difflipp-Eppele.

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"Das kostet uns alles Zeit. Zeit, die wir nicht haben, weil wir sie für Impfungen und den Normalbetrieb benötigen. Und das ist auch mehr, als man vom Personal verlangen kann. Auf diese Weise wird es ganz einfach überlastet", sagt die Medizinerin. 

Zwei Appelle an die Bürger

Ob nun wirklich Impftermine in Gefahr sind, lasse sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht voraussehen, wie Mentrup erklärt. "Wir möchten allerdings an die Bürger appellieren, dass sie vielleicht erst dann eine Boosterimpfung vornehmen, wenn ihre Zweitimpfung bereits sechs Monate zurückliegt, um Dosen für Erst- und Zweitimpfungen freizuhalten", so der Oberbürgermeister.

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"Außerdem", fügt Difflipp-Eppele hinzu, "möchten wir impfwillige Bürger wirklich bitten, ihre Termine auch einzuhalten. Es kam schon häufiger vor, dass jemand einfach nicht zu seinem Impftermin erschienen ist und wir die Dosis schnellstens an jemand anderen verabreichen müssen, bevor der Impfstoff verfällt."

"Wir müssen das Vertrauen zurückgewinnen"

Ein weiterer, nicht unwichtiger Aspekt, der aus dem Impfstoffmangel hervorgehe, sei das verlorene Vertrauen. "Herr Spahn hat zuerst geäußert, dass sich jeder impfen lassen könne und nun kündigt er an, dass zu wenige Dosen bestellt wurden. Durch solche inkonsistenten Äußerungen verspielt er das Vertrauen der Bevölkerung", meint die niedergelassene Ärztin Difflipp-Eppele.

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"Dieses Vertrauen müssen wir dann in endlosen Gesprächen zurückgewinnen. Das kostet alles Zeit, die wir zum Impfen bräuchten", sagt sie. Eine Aussage, die auch Mentrup bestätigt.

"Jede nicht verabreichte Impfung ist ein Risiko. Vielleicht verhindert sich nicht unbedingt die Infektion, aber sie reduziert sowohl die Ansteckungsgefahr als auch den Krankheitsverlauf auf ein Minimum", so der OB. "Das bedeutet, wenn wir Impfungen nicht rechtzeitig verabreichen können riskieren wir damit Leben."

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