Der Sporthallenmangel in Karlsruhe ist bekannt. Neben Sanierungen will die Stadt hier auch mit Neubauten entgegenwirken. Dass dafür im Stadtbezirk Oberreut, wo eine neue Halle entstehen wird, ausgerechnet in einer wichtigen Frischluftschneise Waldfläche gerodet wird, ist das eine. Dass dafür aber von der Stadt offenbar nur eine geringe Ausgleichsfläche zugunsten des Klima- und Umweltschutzes realisiert wird, sorgt für viel Kritik.

"Kein adäquater Ausgleich"

Auch bei Michael Popp, Diplom-Ingenieur aus Karlsruhe, der sich deshalb als ka-Reporter an ka-news gewendet hat. "Für die Beschädigung der Natur gibt es bis heute keinen adäquaten Ausgleich", kritisiert er das Vorgehen der Verwaltung. "Es wäre absurd, wenn privaten Leuten seitens der Stadtverwaltung Auflagen zum Baumschutz oder für Ersatzpflanzungen gemacht werden, während gesunde Waldflächen an bedeutenden Standorten ersatzlos gerodet werden."

In Oberreut mussten 1,7 Hektar an Bäumen für eine Sporthalle weichen. (Symbolbild)
In Oberreut mussten 1,7 Hektar an Bäumen für eine Sporthalle weichen. (Symbolbild) | Bild: Hauke-Christian Dittrich/dpa

Monatelang habe das Forstamt Karlsruhe behauptet, bei Abholzungen im Forst sei kein Ersatz erforderlich. Immerhin sei man hier inzwischen "erfreulicherweise zu der Einsicht erlangt, dass diese Behauptung falsch ist", so Popp gegenüber ka-news.de. Das, so erzählt er im Gespräch sei aber nur auf starkes Nachhaken seinerseits passiert. "Einzig und allein meine Hartnäckigkeit hat dazu geführt, dass sich die Stadt dazu geäußert hat. Ich habe mit knapp einem Dutzend Telefonaten und Anfragen bei den Behörden nachgehakt", sagt der Diplom-Ingenieur.

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Für ihn ist diese Art ein Betrug an allen, die sich der Umwelt und dem Klimaschutz zuliebe in Karlsruhe engagieren. "Im Nachhinein möchte die Stadt Karlsruhe nun das Abholzen eines gesunden Waldes mit einem Bürgerbeteiligungsprojekt (Meine grüne Stadt Karlsruhe) aufrechnen. Doch dieses Vorhaben hält der Umweltaktivist im konkreten Fall weder in quantitativer noch qualitativer Hinsicht für angemessen."

Geplanter Ausgleich ist Popp zu wenig

Weiter sagt Popp: "Die Bepflanzung von 0,6 Hektar Blumenwiese mit kleinen Bäumchen, soll ausgleichen können, dass im Gegenzug 1,7 Hektar gesunder, alter Wald in einer Frischluftschneise gerodet wurde und die Flächen durch Bebauung und Pflasterungen versiegelt wird." Aus Popps Beurteilungslage ist dieser Flächenausgleich aus moralischer Sicht ein Skandal.

 

"Die Kompensation sollte angemessen sein", fordert Popp. Die Stadt hat aus seiner Sicht einen Weg gewählt, der aus umweltpolitischer Sicht nicht nachzuvollziehen sei. Moralisch sei es ein Skandal, da viele Leute, die sich für die Umwelt einsetzen, vor den Kopf gestoßen würde. Für sein Engagement zugunsten einer grünen Stadt Karlsruhe fühlen er und andere Bürger sich von der Fächerstadt ausgenutzt.

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Im Rahmen einer Ideenwerkstatt, zu der die Stadt im Jahr 2016 aufgerufen hatte, hat Michael Popp das Bürgerbeteiligungsprojekt am Friedhof Heidenstücker initiiert. "Nie hätte ich mich dafür hergegeben und meine Freizeit im Ehrenamt investiert, wenn ich gewusst hätte, dass Sie im Gegenzug eine 1,7 Hektar große gesunde Waldfläche roden werden", sagt er empört und stellt sich die Frage, damit unwissend dazu beigetragen zu haben, dass der Natur in Summe mehr geschadet wird.

Bürger bei der Waldpflanzaktion  Heidenstücker.
Bürger bei der Waldpflanzaktion Heidenstücker. | Bild: Popp

Den Slogan 'Meine grüne Stadt Karlsruhe', mit dem die Verwaltung wirbt, halte er in diesem Fall für unangebracht. Er ist sich sicher, dass auch viele andere Helfenden mit diesem Wissen anders gehandelt hätten. "Auch das Engagement der Kinder, Lehrer, Eltern, Vereine und anderer Mitstreiter, die ihren Beitrag zur Umwelt- und Klimaverbesserung geleistet haben, wäre sicherlich ausgeblieben, wenn bekannt gewesen wäre, wozu sie diesen Einsatz verwenden werden."  Alle hätten bis zum Bekanntwerden der Pläne geglaubt, etwas Gutes für die Natur beizutragen, so Popps Vorwurf über die Pläne der Stadt.

Was sagt die Stadt zu den Vorwürfen?

Die Verwaltung beruft sich derweil in einem Schreiben von Dezernentin Bettina Lisbach auf die juristische Grundlage des Handelns. "Die beteiligten Fachämter haben bestätigt, dass das Waldumwandlungsverfahren für den geplanten Neubau der Sporthalle sorgfältig und korrekt abgearbeitet wurde", teilt die Stadt in einer Stellungnahme mit und verteidigt sich damit gegen die Vorwürfe.

Bettina Lisbach, Bürgermeisterin der Stadt Karlsruhe.
Bettina Lisbach, Bürgermeisterin der Stadt Karlsruhe. | Bild: Leonie Wiegel

Über die Umwandlungen von Wald entscheide ohnehin die höhere Forstbehörde unter Beteiligung der örtlich zuständigen unteren Naturschutzbehörde. In diesem Fall das Regierungspräsidium Freiburg. "Grundsätzlich stehen der forstrechtliche Ausgleich für die Umwandlung von Wald und der naturschutzrechtliche Ausgleich für Eingriffe in Natur und Landschaft nebeneinander und müssen beide geprüft werden", erklärt die Stadt gegenüber der Redaktion.

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Weiter heißt es: "Im vorliegenden Fall lag der Waldbestand im Geltungsbereich eines qualifizierten Bebauungsplans. Für derartige Vorhaben ist die naturschutzrechtliche Eingriffsregelung nicht anzuwenden, da über die Zulässigkeit und den Ausgleich des Eingriffs bereits im Rahmen des Bebauungsplanverfahrens entschieden wurde. Es verbleibt aber bei der Notwendigkeit eines forstrechtlichen Ausgleichs in Form einer Ersatzaufforstung."

Popp hat Ideen für mögliche Flächen

Grundsätzlich könnten auch freiwillig vorgenommene Aufforstungen wie die auf dem Erweiterungsgelände Friedhof Heidenstückersiedlung für spätere Waldeingriffe angerechnet werden. Der Regelungsmechanismus würde dem naturschutzrechtlichen Ökokonto, das die vorgezogene Durchführung freiwilliger Ausgleichsmaßnahmen zur Anrechnung für spätere Eingriffe ermöglicht, ähneln. Die höhere Forstbehörde habe in diesem Fall diese freiwillige Aufforstung als Ersatzaufforstung akzeptiert.

Karlsruher Bürger bei einer Waldpflanzaktion.
Karlsruher Bürger bei einer Waldpflanzaktion. | Bild: Popp

Naturschutzrechtliche Kompensationsmaßnahmen in Form von Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen müssten in ein öffentlich-einsehbares Kompensationsverzeichnis eingetragen werden. Der forstrechtliche Ausgleich wird innerhalb der Forstverwaltung nach dortiger Maßgabe dokumentiert. Da im vorliegenden Fall die Ersatzaufforstung rein forstrechtlich begründet war, bedurfte es keines Eintrags ins naturschutzrechtliche Kompensationsverzeichnis.

Ausgleich in Rheinstetten? 

Diese Aussagen der Stadt sieht Popp allerdings moralisch sehr kritisch: "Ich bin der Meinung, dass es hier gewichtigen Grund gibt nachzubessern", erklärt er und liefert deshalb der Stadtverwaltung um Umweltdezernentin Lisbach einen Vorschlag zu einem angemessenen Flächennutzungsausgleich. Dabei geht es um eine Fledermausschneise bei Rheinstetten, die im Managementplan Natura 2000 festgehalten ist und für die Tiere eine Verbindung zwischen Hardtwald und Rheinaue ermöglicht und nachgepflanzt werden soll.

Waldpflanzaktion Karlsruhe
Bild: Popp

"Es wäre eine angemessene Fläche, die man kompensieren könnte. Da die Fläche auch nicht anderweitig genutzt wird, gäbe es dort eine gute Gelegenheit, die Kompensation für den gerodeten Wald am Schulzentrum West zu erreichen. Es wäre anständig von der Stadt, wenn sie diese andere Art der Kompensation umsetzt und die moralisch falsche Entscheidung in Oberreut damit korrigiert.“

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Bisher habe sich die Stadt noch nicht zu dem Vorschlag geäußert. Popp hofft auf Einsicht und bietet seine Hilfe bei der Umsetzung an. Man sei gerne bereit einen Beitrag für ein gutes Zusammenwirken zu leisten und damit dem Slogan "Unsere grüne Stadt Karlsruhe" wieder mehr Ausdruck zu verleihen.