Ulrich Eilmann ist Vorstand vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) Karlsruhe - wir wollten von ihm wissen, an welchen Stellen in Karlsruhe es besonders brenzlig ist, wenn es um das Zusammentreffen von Radfahren, Fußgängern und Autofahrern geht. 

Ulrich Eilmann, Vorstandsmitglied beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) e.V.
Ulrich Eilmann, Vorstandsmitglied beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) e.V. | Bild: Paul Needham

1. Karl-Wilhelm-Platz

Ungünstig gelöst ist die Verkehrsführung am Karl-Wilhelm-Platz. Stadtauswärts wird der Zweiradfahrer von einem separaten Radweg auf der Straße an der Ampel auf den Gehweg geführt.

Bild: Paul Needham

Hier muss er Rücksicht auf die dort wartenden Fußgänger nehmen. Rund 100 Meter lang fährt der Radfahrer hier auf dem Fußgängerweg, welcher an dieser Stelle eine breite Insel ist.

Bild: Paul Needham

Nach dem Rondell wird er wieder zurück auf den Straßen-Radweg geleitet.  Was viele Radfahrer nicht wissen: sie müssen die 100 Meter nicht auf dem Fußgängerweg fahren, sondern können auch die Fahrbahn benutzen.

Bild: Paul Needham

Die Radwegmarkierungen wurden erst im Sommer neu eingezeichnet - als die Radroute zwischen Hagsfeld und der Innenstadt eröffnet wurde. "Gut gemeint und gut gedacht", sagt Ulrich Eilmann dazu, "der Stadt kann man keinen Vorwurf machen." 

Redaktionsleiterin Corina Bohner im Gespräch mit ADFC-Vorstand Ulrich Eilmann.
Redaktionsleiterin Corina Bohner im Gespräch mit ADFC-Vorstand Ulrich Eilmann. | Bild: Paul Needham

"Radfahrer werden bewusst durch die Markierungen auf den Gehweg geleitet, dabei dürfte er auch die Fahrbahn nutzten", sagt Eilmann. Verpflichtend vorgeschrieben - erkennbar durch das blaue Schild mit dem weißen Fahrrad - ist die Nutzung des Radstreifens erst nach der Kreuzung auf der Haid-und-Neu-Straße.

Bild: Paul Needham

Kritischer sieht es auf der Gegenseite aus: Hier wird der Radverkehr am Ende der Haid-und Neu-Straße in den Wartebereich der Fußgänger geleitet, welcher durch den Pfosten der dortigen Ampelanlage sowieso verkleinert ist.

Unklar ist für den Radfahrer auch, wie er sich beim Linksabbiegen verhalten soll - in diesem Fall müsste der Radfahrer analog zum Autoverkehr nach rechts abbiegen, das halbe Rondell fahren und sich in die Geradeauspur wieder einordnen. Ein entsprechendes Hinweisschild für den Radweg fehlt.

2. Zirkel: Höhe Karl-Friedrich-Straße

Die Situation im Bereich Karl-Friedrich-Straße und Zirkel hat sich seit der Zirkelsperrung für Radfahrer verbessert: Die Polizei verzeichnet weniger Unfälle.  Im Juli wurde der Zirkel in Höhe der Karl-Friedrich-Straße für den Durchgangsverkehr gesperrt. Es handelt sich um einen Verkehrsversuch der Stadt Karlsruher, welcher bis Ende 2019 angesetzt ist. 

Zirkel Höhe Karl-Friedrich-Straße
Bild: Corina Bohner

Es ist erlaubt, regulär in die Straße einzufahren - im Bereich befinden sich noch einige Parkplätze, ein Parkhaus sowie Geschäfte mit Lieferverkehr. Die Durchfahrt ist bereits seit einigen Jahren verboten, doch erst seit die Stadt die physische Barriere errichtet hat, hat sich die Zahl der Autos auf dieser Straße auch wirklich reduziert. 

Bild: ka-news

Vermehrte Konkurrenz gibt es dafür jetzt zwischen Fußgängern und Radfahrern. Die Ursache laut ADFC-Vorstand Eilmann: Eine mangelnde Kennzeichnung des Radwegs. Zwar weisen entsprechende Schilder auf das Ende der Fußgängerzone hin, dennoch vermittelt das Kopfsteinpflaster - welches die beiden Fußgängerzonen jenseits des Zirkels miteinander verbindet - den Eindruck, sich weiterhin in einem verkehrsberuhigten Bereich zu befinden. 

Bild: ka-news

"Ich würde mir wünschen, dass die Radfahrer hier auch Mal für die Fußgänger bremsen oder jemanden Durchwinken", sagt Eilmann. Fußgänger müssen jedoch auf den - nicht selten - rasanten Radverkehr achten. Gegenseitige Rücksichtnahme würde, nicht nur an dieser Stelle, die Verkehrssituation entschärfen. 

 

 

Wie es in Sachen Markierungen besser geht, zeigt ein Beispiel aus der Stadt Fellbach: Hier seien die Markierungen der Fahrradstraßen sehr deutlich, so Eilmann im Gespräch. Die Mitte der Kreuzung sind deutlich farblich hervorgehoben. Hinweisschilder in der gesamtem Stadt erklären zudem, was eine Fahrradstraße ist.

Fahrradstraßenmarkierung in Fellbach
Bild: Ulrich Eilmann

Allerdings: "So gut wie das Beispiel ist um allen Verkehrsteilnehmern den Sinn und Zweck einer Fahrradstraße zu erläutern, so traurig ist die Gesamtkonstellation. Dort hat man zum Schutz der Radfahrer diese Fahrradstraße eingerichtet, um sie vor dem unheimlich starken Autoverkehr zu schützen und gleichzeitig die Fußgänger vergessen, die sich jetzt mit dem ungebremsten Autoverkehr in den zentralen Einkaufsbereichen konfrontiert sehen. Schön einkaufen geht anders."

3. Bismarckstraße/Hans-Thoma-Straße 

Handlungsbedarf gibt es auch noch in der Hans-Thoma-Straße: Hier wird der Radverkehr stadteinwärts auf Höhe der Bismarckstraße auf die Autospur geleitet und endet dort in den Fahrspuren. Das kann für Irritationen sowohl bei Rad- als auch bei Autofahrern sorgen. 

Bild: ka-news

Will der Radfahrer an dieser Stelle geradeaus weiter fahren, so müsste er, nach Straßenverkehrsordnung, den Wechsel auf die Geradeausspur durch Handzeichen anzeigen und auf die Geradeausspur wechseln, sobald dies möglich ist.

An dieser Stelle hat die Stadt bereits weitere Verbesserungen geplant. Konkrete Details könne man derzeit allerdings noch nicht nennen, heißt es auf ka-news.de-Nachfrage. Die detaillierte Planung muss noch durch die entsprechenden städtischen Gremien gereicht werden - zunächst durch den Planungsausschuss und dann durch den Gemeinderat.

Was könnte die Situation auf Karlsruhes Straßen entspannen?

Ungünstige Straßenführungen hin oder her - um den Druck und die Aggressivität aus dem täglichen Straßenverkehr zu nehmen, kann jeder etwas tun. Wir haben den ADFC-Vorstand gefragt, was die Situation auf Karlsruhe Straßen entspannen könnte.

  • Bauliche Maßnahmen
    Viele Problemstellen könnten mit baulichen Maßnahmen und eindeutigen Markierungen gelöst werden, ist sich Eilmann sicher. Nach der idealen Fahrradstadt gefragt - unabhängig des Realisierungs- und Zeitrahmens - antwortet der ADFC-Vorstand: "In den Hauptverkehrsstraßen sollte es baulich getrennte Radwege geben."

    Ob das durch einen Bordstein oder andere Abgrenzungen geschieht, sei zunächst egal. Nur so seien die Radfahrer vor einem Eingriff in ihren Verkehrsbereich durch Autofahrer geschützt.
  • Höhere Bußgelder
    Doch nicht nur die Stadt, auch die Radfahrer selbst sind gefragt: Kein Verständnis hat Eilmann für Rad-Geisterfahrer, Fahren ohne Licht oder für Rotlichtverstöße. Das Einhalten der Straßenverkehrsordnung sollte auch für Fahrradfahrer selbstverständlich sein.

    Saftige Bußgelder und konsequente Kontrollen würden weiterhin bei allen Verkehrsteilnehmern helfen, sich an die vorgegebenen Regeln zu halten - sei es das Radfahren auf der falschen Seite, Parken auf nicht ausgewiesenen Flächen oder Übergehen von Rotlicht
  • Regelmäßige theoretische Prüfung zur StVO
    Sinnvoll fände Eilmann eine regelmäßige theoretische Prüfung für Führerscheininhaber - um über aktuelle Änderungen und Einführung informiert zu sein. Die Fahrradstraße wurde zum Beispiel 1997 in das Regelwerk aufgenommen. 
  • Mehr Rücksicht nehmen
    Für ein entspanntes Miteinander kann aber auch jeder Einzelne etwas tun: "Es wird zu viel auf Recht gepocht und zu wenig Rücksicht genommen", sagt Eilmann. Kritische Situationen entstehen auch dann, wenn auf das Vorfahrtsrecht beharrt wird.
  • Nicht auf das Navi hören
    Die vom Navigationsgerät vorgegebene Ideal-Zeit erzeugt bei manchen vielleicht einen weiteren erhöhten Puls, wenn nur exakt diese Zeit bis zum Eintreffen eingeplant wurde. Lieber zehn Minuten mehr einräumen und entspannt auf der Straße unterwegs sein!
  • Als Radfahrer auch mal mutig sein
    Sind die baulichen Gegebenheiten nicht optimal, so kann, darf und muss der gemeine Radfahrer auch Mal mutig sein, wenn er sich im Straßenraum bewegt. Dazu gehört auch, sich nicht von Autofahrern unter Druck setzten zu lassen. Die Geschwindigkeit ist eine Höchstgeschwindigkeit: "Ich kann dem Autofahrer auch zumuten, hinter mir zu fahren", sagt dazu Ulrich Eilmann.

    Zumal in einer 30er Zone Auto- und Fahrradfahrer gleichberechtigt sind. Das ADFC Karlsruhe bietet regelmäßig Fahrradkurse an, hier können Radfahrer selbstbestimmtes, regelkonformes Radeln lernen und üben.
  • Mehr Raum für Radfahrer schaffen
    Weniger Verkehr, weniger Konflikte - ein Rad ist nicht nur umweltfreundlicher, sondern verbraucht auch weniger Platz im Straßenraum. Um mehr Menschen zum Umstieg auf das Rad zu bewegen, muss die Infrastruktur ansprechend sein. Dazu gehören auch: Mehr Parkräume in der Innenstadt zu schaffen.

    Sollte der Verkehrsversuch in eine Dauerlösung übergehen, könnte gerade am Zirkel viel Raum geschaffen werden. Für Roller gibt es eine entsprechende Stellfläche bereits. Vereinzelt bieten einbetonierte Ständer eine Abstellfläche - diese könnte allerdings durch eine Quer- anstelle eine Längsanordnung deutlich besser gelöst sein.

Fahrradstadt Karlsruhe: Wo sehen Sie noch Handlungsbedarf? Wo klappt es schon sehr gut? Wo kann die Situation für Fahrradfahrer verbessert werden und so Konfliktlinien mit Fußgängern und Autofahrern entschärft werden?

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