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Karlsruhe Aus Bombenkratern werden Tennisplätze: Stuttgarter Straße ist vermutlich erst 2024 fertig

Früher Kleingärten, heute Schutt und bald wieder Naherholungsgebiet? Zwischen Bahndamm und Stuttgarter Straße mussten die Kleingärten 2018 im Rahmen der Stadtentwicklung weichen. Nach Abriss zu Beginn 2018 passierte lang Zeit nichts mehr auf dem Gelände - heute prägen Schutthügel und verlassene Gartenhütten das Gelände. Die Ursache liegt über 70 Jahre zurück: 180 Bombentrichter und Kriegsschutt machten den Planern einen Strich durch die Rechnung. Jetzt gibt es angepasste Pläne.

Die Kleingärten entstanden auf dem Areal nach dem Krieg zur Selbstversorgung der Karlsruher Bürger. Das Gelände gehörte der Deutschen Bahn. Diese plante im Jahr 1975 einen Paketbahnhof zu errichten. Den Kleingärtnern wurde zwar gekündigt, doch realisiert wurde das Projekt nie - die Gärtner blieben.

1974: Der Plan des Paketbahnhofs an der Stuttgarter Straße. | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8/BA Schlesiger A23/84/3/4

Ein erneuter Versuch, das Gelände südlich der Stuttgarter Straße zu beleben, diesmal durch die Stadt, kam ebenfalls nicht zustande. Das war 1983, als die Stadt Karlsruhe einen Teil des Grundstücks kaufte. 2009 verkaufte die Post das Gelände an die Stadt - und die Planungen nahmen ihren Lauf. Seit 2017 werden die Pläne umgesetzt.

Planungen zum Bau eines Paketbahnhofs der Deutschen Bundespost auf dem Gelände zwischen der Stuttgarter Straße und dem Bahndamm der Strecke Karlsruhe – Mannheim. Blick auf das Gelände mit Kleingärten. Rechts Stuttgarter Straße mit Autoverkehr im Jahr 1975. | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8/BA Schlesiger A/29/105/5/18

Die Idee: Der Sportverein ESG Frankonia zieht von der Durlacher Allee an die Stuttgarter Straße und der TC Grün-Weiß von der einen auf die andere Straßenseite. Dazu kommen noch knapp 200 Kleingartenparzellen und ein Vereinsheim für die ESG. 

ESG-Vorstandsvorsitzenden Christin Wilke und Wolfgang Nees
ESG-Vorstandsvorsitzenden Christin Wilke und Wolfgang Nees vor der Gaststätte in der Durlacher Allee. | Bild: Julia Wessinger

Seit Oktober 2017 laufen die ersten Maßnahmen und geplant war die Fertigstellung des ESG-Vereinsheims bis Ende 2021 - ein Plan, der nicht mehr zu halten ist.

Bild: Thomas Riedel

Das Problem mit dem Areal: Durch seine direkte Nachbarschaft zum Güterbahnhof war es ein vorrangiges Ziel für Luftangriffe. Die Fläche wurde mindestens vier mal mit hoher Dichte mit Sprengbomben bombardiert. Das zeigen die etwa 180 Bombentrichter, die bei ersten Sondierungsarbeiten gefunden wurden.

Stuttgarter Straße Kampfmittel
Die Luftaufnahme des Kampfmittelräumdienstes hat ergeben, dass in dem Areal viele Bommentrichter zu finden sind. | Bild: Stadt Karlsruhe/Gartenbauamt

Schon im November 2018 stand der Bebauungsplan der Stuttgarter Straße auf der Tagesordnung des Gemeinderates. Doch damals gab es noch zu viel Rede- und Untersuchungsbedarf. Es folgten weitere Untersuchungen des Geländes - im Frühjahr lagen erste Ergebnisse vor: Der Gemeinderat musste Anfang April über weitere Kosten und Maßnahmen abstimmen.

Der klare Auftrag laut Beschlussvorlage der Gemeinderäte an die Stadt: Entlang der Stuttgarter Straße sollen die teilweise gerodeten Kleingärten und Grünflächen in einen geordneten Zustand gebracht werden. Kosten hierfür: 7,1 Millionen Euro.

Kosten für Umgestaltung stiegen 42 auf 89 Millionen Euro

Waren vor zwei Jahren noch 42 Millionen Euro im Budget, sprach die Stadtverwaltung im vergangenen Jahr schon von 89 Millionen Euro für die Bauarbeiten. Hauptursache für die enorme Kostensteigerung: Die Beseitigung der Kampfmittel und die Entsorgung von altem Boden.

Die Kleingärten an der Stuttgarter Straße liegen schon lange brach. (Archivbild) | Bild: Thomas Riedel

Denn das Areal wurde nach dem Krieg mit Schutt und Trümmern aufgefüllt. "Angesichts der möglichen Kampfmittel gibt es keine Alternative als die gründliche Durchsiebung des Bodens", sagt Oberbürgermeister Frank Mentrup am vergangenen Dienstag im Gemeinderat. 

Oberbürgermeister Frank Mentrup und Erste Bürgermeisterin Gabriele Luczak-Schwarz (v.r.n.l.) | Bild: Tim Carmele | TMC Fotografie

Die Zustimmung unter den Stadtpolitikern ist groß, jedoch zeigen sie auch Skepsis. "Wir wissen nicht, wo die Reise hingeht", so CDU-Vorsitzender Tilman Pfannkuch. Renate Rastätter von den Grünen weiß, wie wichtig das Areal ist. "Die Neuordung ist für die ESG Frankonia von großer Bedeutung. Das wird jetzt eine riesige Herausforderung mit der Beseitigung der Kampfmittel und wir müssen die Anwohner informieren - sonst wächst der Ärger und der Unmut!"

"Brauchen das Gelände für die Stadtentwicklung"

Lüppo Cramer von der Kult-Fraktion sieht die Kosten als unvermeidlich an: "Wir brauchen das Gelände der ESG an der Durlacher Allee für die Stadtentwicklung", sagt er während seiner Rede im Gemeinderat. "Und wenn an der Stuttgarter Straße sechs Meter tief gegraben werden muss, ist es so - egal wie teuer es wird!"

Der Gemeinderat hat sich für die Herstellung eines geordneten Zustandes an der Stuttgarter Straße ausgesprochen. Kosten: 7,1 Millionen Euro. | Bild: Tim Carmele | TMC Fotografie

Etwas weniger optimistisch gibt sich Tom Høyem von der FDP. "Die Anwohner sind verzweifelt und wütend, Skandal und Desaster wären noch milde ausgedrückt. Wir müssen aktiv werden und einen geordneten Zustand herstellen - aber erst der nächste Gemeinderat entscheidet!" Das sieht wohl auch die CDU so, denn Detlef Hofmann ist sich darüber klar, dass "in den nächsten sieben bis acht Jahren nichts passiert".

Was sagt der Zeitplan für das Großprojekt? 

Mindestens zwei Jahre dauert es nun, bis zunächst die Eidechsen auf dem knapp 15 Hektar großen Areal eingefangen und umgesiedelt sind. Parallel wird außerdem der "geordnete Zustand" des Geländes hergestellt. Diese Maßnahmen sollen bis Ende 2020 abgeschlossen sein - in Bauabschnitt 1 sollen die restlichen Abrissarbeiten samt Entsorgung des belasteten Bodenmaterials bereits im Sommer 2019 fertig sein.

Stuttgarter Straße Bauabschnitte
Die Arbeiten an der Stuttgarter Straße gliedern sich in drei Bauabschnitte. BA 1 soll bis Sommer 2019 fertig sein. | Bild: Stadt Karlsruhe/Gartenbauamt

Mit Schadstoffen verseuchtes Bodenmaterial wird bei Bedarf teilweise zur Deponie gebracht und entsorgt. Was noch "brauchbar" ist, wird im Bauabschnitt 2 wieder verwendet. Dort, im westlichen Teil, sollen wieder Kleingärten entstehen. Genau so hatte man es auch mit der verunreinigten Erde im Wildparkstadion gemacht. Ab Oktober 2020 soll dann dort mit der Abholzung begonnen werden, ebenso mit dem Abriss der Gebäude. 

Umzug der ESG und Einzug der Gärnter erst Ende 2024

Derzeit geht die Stadt Karlsruhe also von Kosten in Höhe von 89 Millionen aus, davon sind über 57 Millionen für die Baufeldfreimachung, also Schadstoffe und Kampfmittel werden entfernt. Im aktuellen Doppelhaushalt stehen schon knapp 26 Millionen Euro aus.

Bild: Thomas Riedel

Laut Verwaltung ist das Projekt an der Stuttgarter Straße so terminiert, dass es bis Ende 2024 abgeschlossen ist. Vorausgesetzt, dass nun das Bebauungsplanverfahren "zügig weitergeführt werden kann".

Dieser neue Zeitplan bringt für die ESG Frankonia nicht nur Gutes: Seit dem Sportverein zugesagt wurde, an die Stuttgarter Straße verlagert zu werden, hat die ESG keine Investitionen mehr getätigt. Der Verein trainiert auf sanierungsbedürftigen Anlagen.

Bild: Thomas Riedel

Und auch weitere Planungen der Stadtentwicklungen rücken weiter in die Ferne: Geplant ist, den Stadteingang nach Wegzug der ESG entlang der Durlacher Allee neu zu gestalten: L aut dem Räumlichen Leitbild könnte hier ein neues Stadtviertel samt Aussichtshügel und See entstehen.

Nach aktuellen Planungen wird es noch Jahre dauern, bis die ESG Frankonia auf einem neuen Platz trainieren kann, die neuen Gebäude stehen, die Tennisspieler neue Plätze und die Kleingärtner ein geordnetes Areal mit über 200 Parzellen bekommen. 

 

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  •   Rundbau-Gespenst
    (11135 Beiträge)

    18.04.2019 12:45 Uhr
    wenn aus Schwertern Pflugscharen werden können,
    können auch aus Bombentrichtern Tennisplätze werden.

    Man muss offenbar nur fest daran glauben...
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  •   Weichei
    (275 Beiträge)

    17.04.2019 20:13 Uhr
    Weshalb Tennisplaetze?
    Mit diesen ganzen Loechern schon vorhanden, weshalb macht ihr nicht einfach Golfplaetze dorthin?
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  •   chris
    (666 Beiträge)

    17.04.2019 15:44 Uhr
    Da sollen Kleingärten bleiben?
    Was soll auf diesen Böden angebaut werden? Tomata Zweiter Weltkrieg? Also mal ehrlich...guten Appetit! Aber vermutlich alles kein Problem...wie immer.
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  •   barheine
    (87 Beiträge)

    17.04.2019 11:59 Uhr
    Und irgendwann...
    ...sickert die ganze Sch... ins Grundwasser. Falls nicht schon längst geschehen.
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  •   Ein_Wanderer
    (335 Beiträge)

    17.04.2019 12:55 Uhr
    Da haben
    die Kleingärtner jahrzehntelang ihre Tomaten drauf gezüchtet...
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  •   hajmo
    (4154 Beiträge)

    17.04.2019 13:31 Uhr
    Somit wurden die Schadstoffe ...
    ...biologisch abgebaut - durch aufessen. Auch 'ne Lösung.
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  •   malerdoerfler
    (5264 Beiträge)

    17.04.2019 11:11 Uhr
    Solide geplant?
    Auf jeden Fall haben die ganzen Kleingärtner jahrelang auf Bombentrichtern und belastetem Boden gearbeitet, oder?
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  •   zahlenbeutler
    (1219 Beiträge)

    17.04.2019 09:57 Uhr
    wem gehörte nun
    das Areal früher? Eimal steht in dem Artikel ursprünglich Bahn, dann verkauft es die Post an die Stadt, wie das ?
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  •   dipfele
    (5306 Beiträge)

    17.04.2019 14:35 Uhr
    Es war einmal....
    … 1974 ein umweltfreundlicher Paketbahnhof geplant. Jetzt verpesten nicht nur die DHL-und Logist-LKW unsere Strassen, sondern die verstopfen die auch noch. Möglicherweise hatte die Bahn daher das gelände an die Post verkauft.
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  •   Prof.Baerlapp
    (657 Beiträge)

    17.04.2019 10:57 Uhr
    Früher
    waren das noch Bundesbahn und Bundespost, also so oder so Bundeseigentum.
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