Paul Senge wird am 15. April 1890 in Hagenau geboren, in der Zeit, als das Elsaß zu Deutschland gehört, und wächst in Karlsruhe auf. Sein Vater ist Schuhmachermeister und betreibt ein Geschäft an der Ecke Kaiserallee/Körnerstraße. Senge soll das Schuhgeschäft übernehmen, aber nach seiner Gesellenzeit in Darmstadt, wo ihn die Flugversuche von August Euler faszinieren, will er nur noch fliegen.

Vom Schuhmacher zum Flugzeugbauer

Zurück in Karlsruhe fängt Senge 1908 mit dem Bau eines eigenen Flugzeugs an, das dem Blériot-Eindecker nachgebildet und mit einen 50 PS starken Schultze-Motor ausgestattet ist. Nach zwei Jahren, im April 1910, als es in Deutschland kaum zwanzig Flieger gibt, ist das Flugzeug fertig. Der junge Schuhmacher hat keine Ausbildung im Flugzeugwesen und muss sich das gesamte Wissen über das Fliegen selbst aneignen.

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Auch finanziell muss er kämpfen, um die Kosten für den Bau aufzubringen. Denn: Zu dieser Zeit gibt es in Deutschland nur die großen Namen Grade, Dorner und Reißner, die sich mit dem Flugzeugbau befassen. Doch Senge glaubt, als einer der allerersten, einfach an die Möglichkeit des Fliegens und ist von seiner Sache überzeugt.

Probeflüge am Exerzierplatz

Seine "Flugmaschine wird nach ihrer Fertigstellung zuerst im Kühlen Krug ausgestellt. Dann baut der Aviatiker, wie es damals heißt, am Rande des Karlsruher Exerzierplatz in der Nordweststadt eine Bretthütte, um die ersten Flugversuche von hier aus zu starten. Senge macht einen Versuch nach dem nächsten und die ersten kurzen Sprünge sind nur zwei bis drei Meter hoch.

Paul Senge 1910 bei Flugversuchen auf dem Karlsruher Exerzierplatz.
Paul Senge 1910 bei Flugversuchen auf dem Karlsruher Exerzierplatz. | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oXI 219

Eines Tages aber schafft er es, den gesamten Exerzierplatz zu umfliegen. Senge stellt fest, dass er mehr Platz braucht und verlegt so 1911 die Flugversuche auf den Forchheimer-Exerzierplatz. Hier baut er mit seinem Freund Eugen Lamprecht aus Pforzheim eine neue Maschine, mit der er zum ersten Mal über 100 Meter steigt.

Am 4. September 1911, im Beisein einer Menge Zuschauer, fliegt Senge in 30 bis 50 Metern Höhe und auch den ersten Flug in Acht-Form. "Er umstreifte den Platz drei Mal im wunderschönen, ruhigen Flug zum ersten Mal", schreibt das Karlsruher Tagblatt am 5. September. "Beim letzten Flug legt er etwa elf Kilometer zurück. Insgesamt macht er drei Aufstiege, einmal mit Lamprecht als Passagier." Doch das Glück ist nicht von langer Dauer.

Der erste große Absturz

Schon zwei Tage später stürzt Paul Senge kurz nach 18 Uhr aus einer Höhe von etwa 100 Metern im Beisein seines Vaters und einer großen Menge Zuschauer auf dem Forchheimer Exerzierplatz mit Lamprechts Maschine ab. Bei der dritten Runde um den Flugplatz winkt er den Zuschauern zu und will gerade eine Acht fliegen, dann senkt sich plötzlich das Flugzeug und fällt bei einer zu scharfen Kurve mit dem linken Flügel voran, in "jähem Sturz ins Ackerfeld. Mit weiterhin hörbarem, dumpfem Krach schlug der Eindecker auf die Erde auf", berichtet die Badische Presse.

Heinrich Gerstel (l.) und Eugen Lamprecht.
Eugen Lamprecht (r.) und sein Freund Heinrich Gerstel. | Bild: Privatsammlung Timo Gerstel, Pforzheim

Nachdem die Staubwolke verzogen ist, sehen die Zuschauer den Piloten über dem zertrümmerten Flugzeug liegen. Der filzgepolsterte Lederschutzhelm ist vom Kopf gerissen – aus der linken Schläfe sickert Blut, als Lamprecht den bewusstlosen Flieger unter den Trümmern hervorzieht. Senges Vater wird beim Absturz seines Sohnes ohnmächtig.

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Der junge Pilot wird mit einem Privatauto ins Städtische Klinikum Karlsruhe gebracht, sein Zustand ist bedenklich. Es werden sowohl ein Schädelbruch als auch Quetschungen und innere Verletzungen diagnostiziert. Später stellt man fest, dass sich das Seil der Verwindungssteuerung hinter einer Führungsrolle festgeklemmt hatte. Der Absturz des jungen Fliegers dürfte überall in der Stadt größtes Bedauern hervorrufen, schreibt die Badische Presse. Sein Befinden sei jedoch verhältnismäßig gut.

Crowdfunding-Aktion für ein neues Flugzeug

In der Tat berichtet die Badische Presse schon am 20. September, dass Paul Senge bereits gesund aus dem Krankenhaus entlassen worden sei. Er werde das Flugzeug zusammen mit Lamprecht wieder aufbauen und mit verschiedenen Verbesserungen versehen. Es sei auch beabsichtigt, zur "Bestreitung der Unkosten eine Sammlung einzuleiten". Jetzt wird eine Crowdfunding-Aktion gestartet.

Am 30. September 1911 appelliert die Badische Presse "an alle Freunde und Gönner des Flugsports in Karlsruhe und Umgebung". Der Aufruf beschreibt Senge als den einzigen badischen Flieger, der bisher große Erfolge erzielte – und ein neuer Apparat würde es ihm ermöglichen, "dem spendenden Publikum Schauflüge vorführen zu können".

Der Aufruf zum "Crowdfunding" in der Badischen Presse.
Der Aufruf zum "Crowdfunding" in der Badischen Presse. | Bild: Badische Presse 30. September 1911

Der Deutsche Luftflottenverein übermittelt Paul Senge eine Spende von 100 Mark. Senge sei nicht nur auf den Flugsport ausgerichtet, auch "unsere Militärverwaltung bedient sich der Flieger", erinnert die Badische Presse. Der Pilot könne seinem Vaterland in Krieg und Frieden dienen. Noch weiß zu diesem Zeitpunkt keiner, dass dies knapp drei Jahre später tatsächlich der Fall sein wird.

Nach dem Absturz geht Paul Senge nach Mannheim, wo Flugzeugkonstrukteur und Fabrikant Hugo Hübner aus Mosbach bei Heilbronn einen neuen Flugzeugtyp gebaut hat. In Mannheim wird Senge, inzwischen 22 Jahre alt, auch durch zahlreiche Passagierflüge bald sehr beliebt. Und Jetzt folgen auch große Erfolge – mit Motoren bis zu 100 PS.

Höher, schneller, weiter

So erreicht der junge Pilot erstmals dort 100 Meter Höhe und legt am 19. Mai 1912 sein "Fliegerexamen" vor einer Prüfungskommission ab. Dieses besteht er mit der Note "sehr gut". Die Prüfung besteht aus zwei Flügen von fünf Kilometern und fünf Achterflügen und ist notwendig, um Schauflüge – damals eine Sensation – bei den Pferderennen von Mannheim-Heidelberg absolvieren zu können.

Doch am 30. Juni 1912 folgt der nächste schwere Rückschlag: Auf dem Pforzheimer Flugtag stürzt der Pilot aus 500 Metern Höhe ab – zwar springt er diesmal frühzeitig aus dem Flugzeug, wird aber erneut erheblich verletzt. Auf einen geplanten Flug von Pforzheim nach Karlsruhe muss er nun zwar verzichten - trotzdem hinkt er kurz nach dem Unfall schon wieder mit Verband ins Gasthaus, da er "mit den paar kleinen Schrammen" nicht im Bett liegen möchte.

Flugzeugtyp der Hugo Hübner-Eindecker im Technik Museum Sinsheim.
Flugzeugtyp der Hugo Hübner-Eindecker im Technik Museum Sinsheim. | Bild: Technik Museum Sinsheim

Nach dem Unfall fliegt Senge wieder in Mannheim und nimmt an verschiedenen Flugmeetings und Konkurrenzen teil. Im November 1912 baut Senge ein taubenähnliches Flugzeug in Neustadt und fliegt damit nach Speyer, jedoch muss er wieder notlanden und das Flugzeug wird dabei schwer beschädigt.

Für die Firma Pippart-Noll-Werke fliegt Senge im Frühjahr 1913 einen neuen Eindecker. Mit diesem Flugzeug besucht er auch den Prinz-Heinrich-Flug im Mai desselben Jahres in Karlsruhe – das Publikum ist begeistert, denn Senge ist in seiner Heimatstadt sehr beliebt. Mit dem schnellen Eindecker macht er Flüge von bis zu 26 Minuten Dauer.

Der letzte Flug

Inzwischen ist Senge sehr bekannt geworden und erhält bei den neu gegründeten Aristoplan-Werken eine Anstellung als Konstrukteur und Flieger auf dem Flugplatz Wanne-Eikel. Das Werk ist entstanden "dank der Gebefreudigkeit von Kommerzienrat Kaiser in Viersen", daher will Senge seinen ersten großen Flug von Wanne nach Viersen machen. Am Abend des 8. September 1913 fliegt er mit einem Taube-Eindecker los.

Der junge Karlsruher Luftfahrtpionier Paul Senge.
Der junge Karlsruher Luftfahrtpionier Paul Senge. | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 10/Zs 1 Hierzuland 45

In Viersen hat bereits der Kommerzienrat Kaiser, ein eifriger Förderer der Flugfahrt, einen Landeplatz vorbereitet. Nach etwa einer Stunde in der Luft, in der Senge in bis zu 1.600 Meter Höhe fliegt, muss der Pilot bei Grevenbroich eine Notlandung machen. Vermutlich kann er den vorbereiteten Landeplatz nicht finden und möglicherweise hat er auch die Orientierung verloren. Er kreuzt mehrmals über Mönchengladbach und vom Boden aus bemerkt man dort eine unregelmäßige Dampfentwicklung am Flugzeug.

In Grevenbroich beobachtet man auch das Aussetzen des Motors. Senge geht im Gleitflug nieder und stürzt bei dem Versuch, einer Baumgruppe auszuweichen, aus etwa 50 Meter Höhe ab, wird durch Böen aus dem Flugzeug geschleudert und prallt wenige Augenblicke später auf einem Acker auf.

Wohnbungalows entlang dem Naturschutzgebiet "Alter Flugplatz"
Im Hintergrund der ehemalige Karlsruher Exerzierplatz - heute "Alter Flugplatz" genannt - wo Senge seine Flugversuche absolviert. Heute ist das Areal in der Nordstadt Naturschutzgebiet. | Bild: Carmele/TMC-Fotografie

Seinen leblosen Körper bringt man zum Gutshof St. Leonhard. Im Krankenhaus hatte man sich noch Hoffnungen gemacht, dass er den Unfall überlebt. Doch die Hoffnung war vergebens: Am Nachmittag des 9. September stirbt Paul Senge. Vier Tage später wird er in seiner Geburtsstadt Hagenau beigesetzt.

Karlsruhe ist Teil der Luftfahrt-Geschichte

In seiner Heimatstadt Karlsruhe wird man "dem talentvollen Flieger ein ehrendes Andenken bewahren", schreibt die Badische Presse noch am Tag seines Todes. Die Zeitung lobt auch die Person Senge: Durch seine Beharrlichkeit, Intelligenz und Mut habe er alles in ehrliche Begeisterung verwandeln können.

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Und auch nach seinem Tod reißt die Begeisterung für den jungen Flugpionier nicht ab: Besonders in der Zeit des Nationalsozialismus wird Senge als Held verehrt. Die Fächerstadt jedenfalls hat er mit seinen Flugversuchen für immer fest mit der Entwicklungsgeschichte des Flugzeugs verbunden. Zu seinem Andenken ist die Sengestraße in der Nordstadt heute nach dem Aviatiker benannt.

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