Bereits vor der Gründung der Fächerstadt im Jahre 1715 existiert die Kaiserstraße im Zentrum von Karlsruhe. Sie verbindet die kleinen Städte Durlach und Mühlburg und verläuft über Gottesaue. Heute beginnt die Kaiserstraße am Durlacher Tor und führt über Kronenplatz, Marktplatz und Europaplatz bis zum Mühlburger Tor.

Von der Lang Gass zur Kaiserstraße

Ab 1719 entstehen hier die ersten Gebäude und die Kaiserstraße wird eine beliebte Adresse für Gewerbetreibende. Die ältesten Häuser sind die Nummern 45 und 47, die in den 1730er-Jahren entstanden sind. Ab 1760 heißt die heutige Kaiserstraße Lange Straße oder Lang Gass, östlich der Waldhornstraße heißt sie Pfannstihl und später Friedrichs Straße.

Shopping gefällig? Das ging auch schon 1887 in der Kaiserstraße.
Shopping gefällig? Das ging auch schon 1887 in der Kaiserstraße. | Bild: Reproduktion Karlsruher Tagblatt

Anschließend bekommt die Kaiserstraße die Namen Landstraße, Groß Allee von Mühlburg, Große Straße und Breite Straße. Anlässlich der Goldenen Hochzeit von Kaiser Wilhelm I. und Kaiserin Augusta am 21. Mai 1879 wird die Straße in Kaiserstraße umgetauft. Bereits zu dieser Zeit ist sie eine belebte Einkaufsstraße.

Der Stadtplaner aus der NS-Zeit

Im Zweiten Weltkrieg wird die Kaiserstraße schwer beschädigt und durch die Zerstörung vieler Gebäude bei Luftangriffen entsteht auch eine ganze Menge Schutt. Nach dem Krieg ist Stadtoberbaurat Carl Peter Pflästerer im städtischen Liegenschafts- und Vermessungsamt beschäftigt. Hier versucht er, optimale Lösungen für die Räumung des Schutts zu finden.

Vor 1933 ist Pflästerer Leiter des Stadterweiterungsbüros, verliert aber unter dem NS-Regime seine Stelle, weil er SPD-Anhänger ist. 1934 ändert er aber seine politische Zugehörigkeit und wird auf den "Führer" vereidigt. Nun Leiter der Abteilung für Städtebauliche Sonderaufgaben, entwirft er im Sinne des NS-Stils Pläne für den Ettlinger Tor-Platz und die Ettlinger Straße.

1887: Geschäfte in der Kaiserstraße locken mit Werbung.
1887: Geschäfte in der Kaiserstraße locken mit Werbung. | Bild: Reproduktion Karlsruher Tagblatt

Im Zuge des Entnazifizierungsverfahrens durch die Amerikaner ab 1946 muss Pflästerer jedoch seinen Posten räumen, wie Hunderte von anderen Mitarbeitern der Stadtverwaltung. Er versucht zu beweisen, dass er doch in der NS-Zeit als "rot" angesehen wurde. Trotz positiver Intervention durch Oberbürgermeister Hermann Veit bleibt Pflästerer aber erst einmal entlassen und nutzt diese Zeit, um Ideen zum Wiederaufbau der Stadt Karlsruhe zu entwickeln.

Pflästerer darf weiterarbeiten

Es wird in der Stadtverwaltung argumentiert, dass erfahrene Leute gebraucht werden, um die Fächerstadt wieder aufzubauen. Im Spruchkammerverfahren im Sommer 1946 gewinnt Pflästerer Zeugen, die für ihn positiv aussagen. Auch Oberbürgermeister Friedrich Töpper behauptet, die Verzögerung von Pflästerers Wiedereinstellung sei schädlich für den Wiederaufbau der Stadt.

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So darf Pflästerer im August 1947 seinen Posten als Stadtoberbaurat wieder aufnehmen. Er hat eine Übersicht der zerstörten Gebäude in der Kaiserstraße angefertigt – zwischen dem Marktplatz und dem Mühlburger Tor ist die Zerstörung am schlimmsten.

Das neue Gesicht der Kaiserstraße

Der Stadtoberbaurat hat eine Menge Ideen für den Aufbau der wichtigen Einkaufsstraße. Er möchte die Kaiserstraße als besonders repräsentativ und wirtschaftlich bedeutsam gestalten und entwirft Fassaden für die Gebäude, die direkt an der Straße liegen. Pflästerer möchte die Kaiserstraße nicht wieder so aufbauen wie vor den Zerstörungen, sondern ihr ein neues Gesicht verleihen.

1950: Karlsruhe im Wandel.
1950: Karlsruhe im Wandel. | Bild: Reproduktion Badische Neueste Nachrichten 12. September 1950

Seiner Ansicht nach sollen die neuen Gebäude alle gleich aussehen – lange Reihen unterbrochen nur durch bereits bestehende Strukturen. Die Häuser sollen nicht den Anschein machen, dass sie individuell entstanden sind, sondern gleichförmig gestaltet werden. Außerdem soll die Fahrbahn erweitert werden.

Neu aus Trümmern – die Fächerstadt von morgen

Die Pläne werden im Herbst 1947 veröffentlicht und Pflästerer zeigt auch Entwürfe, die in der NS-Zeit entstanden sind, unter anderem Detail-Aufbaupläne für die Kaiserstraße. Zu dieser Zeit wird auch eine Ausstellung geplant, die einen Überblick über die Absichten für den Aufbau der Fächerstadt gibt.

Fokus der Ausstellung ist die Wichtigkeit des Aufbaus und die Schuttbeseitigung. Die Ausstellung "Neu aus Trümmern! Ausstellung vom Lebens- und Aufbauwillen einer deutschen Stadt" soll die alte Weinbrennerstadt, die zerstörte Stadt und die wiederaufgebaute "Stadt von morgen" zeigen.

Pflästerers Pläne finden aber keine Zustimmung und es wird ein Wettbewerb für den Wiederaufbau der Kaiserstraße ausgeschrieben. Bis Dezember 1947 gehen 91 Entwürfe ein – leider kommt es immer noch nicht zu einer Entscheidung. Jetzt wird das Stadtplanungsamt, vertreten durch Pflästerer, beauftragt, einen endgültigen Aufbauplan für die Kaiserstraße aufzustellen.

Der lange Weg zum endgültigen Plan

Im August 1948 legt Pflästerer zwei Pläne für das "Kaiserstraßen-Projekt" vor – einen mit und einen ohne Durchgangsverkehr. Das Stadtzentrum soll aufgebaut werden "in enger Anlehnung an den historischen Kern der alten Residenzstadt und mit größter Rücksichtnahme auf die erhaltenen Einrichtungen".

1950: Die Kaiserstraße putzt sich wieder heraus.
1950: Die Kaiserstraße putzt sich wieder heraus. | Bild: Reproduktion Badische Neueste Nachrichten 12. September 1950

Einige Punkte stoßen auf Ablehnung, vor allem bei den Gebäudeeigentümern der Kaiserstraße. Pflästerers Ideen, die Straße zu verbreitern und Arkaden einzufügen, werden abgeschmettert – Arkaden sollen nur angewendet werden, wo der Verkehr unbedingt eine Verbreiterung der Straße erfordert, wie am Marktplatz und an der Hauptpost.

Vor allem will Pflästerer, dass die Obergeschosse der Gebäude ab dem zweiten Stock um sechs Meter zurückgesetzt werden, um Licht und Luft in die Kaiserstraße zu bringen. Vordächer sollen über den Schaufenstern angebracht werden. In einer Sitzung der Stadtverwaltung im Herbst 1949 sind die Gebäudeeigentümer der Kaiserstraße bereits durch ihre Anwälte vertreten.

Venezianische Brücken und Tunnel mit Neonlicht

Aber im Februar 1950 erscheint plötzlich aus Stuttgart ein völlig neuer Plan, der angeblich auf große Einigung stößt. Der Architekt Professor Gehweit schlägt eine Unter- und Überbebauung der Kaiserstraße und eine Verbreiterung der Fahrbahn vor. In ihren Dimensionen soll die Kaiserstraße somit würdig an der Seite anderer Prunkstraßen stehen, wie Piccadilly in London oder die Champs-Elysées in Paris. Die Arkaden werden nach hinten verlegt.

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Der Durchgangsverkehr soll unterirdisch verlaufen – durch einen Tunnel mit Neonlicht vom Schlachthof bis zur Honsellstraße. Die Erhebung der Durchfahrtsgebühren erfolgt unter der Pyramide. Es soll eine Überbrückung in Form venezianischer Bögen bei der Lamm-, Wald und Herrenstraße geben.

Die Fußgänger werden somit rechts und links der Straße in etwa fünf Meter Höhe laufen – somit können auch die Obergeschoße der Geschäfte ausgebaut werden. Die ebenerdige Kaiserstraße wird hauptsächlich der Benutzung durch Kinder vorbehalten sein und soll zu einem riesigen Kinderspielplatz werden. Auch die Rückverlegung des oberen Geschosses entfällt in dem neuen Entwurf.

Die Geschäftsleute wehren sich

Gehweits Pläne werden jedoch nicht verabschiedet und das Stadtplanungsamt trifft sich ein paar Tage später erneut. Die Geschäftsleute im südlichen Teil der Kaiserstraße stimmen vor allem gegen die Zurücknahme der Häuser um sechs Meter vom zweiten Stock ab.

Dabei möchte das Stadtplanungsamt eine Rückversetzung der oberen Stockwerke, um die große "steinige Schlucht" vom Mühlburger Tor bis zum Durlacher Tor zumindest im Mittelteil der Strecke aufzulockern. Dagegen meint die Mehrheit der Grundstückseigentümer, die Straße müsse nicht aufgelockert werden, da sie nie wie eine finstere Gasse gewirkt habe.

Stadtplanungsamt setzt sich durch

Nach einer fünfstündigen Stadtratssitzung am 24. Februar 1950 können sich die Pläne des Stadtplanungsamts schließlich doch durchsetzen – 38 Stadträte sind für und 4 gegen den Wiederaufbauplan des Amts. Die Grundstückseigentümer jedoch wollen sich jedoch vorbehalten, Klage zu erheben. "Es geht darum, eine neue Entwicklung einzuleiten, deren Früchte unsere Enkel und Urenkel genießen sollen", sagt Bürgermeister Heurich.

Altstadtsanierung an der Kaiserstraße 1973.
Altstadtsanierung an der Kaiserstraße 1973. | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8_BA_Schlesiger_A25_154_4_39

Dass die Arbeit im Geiste der wiedererweckten Demokratie vorgenommen wird, sei ein gutes Vorzeichen. "In keiner Stadt wurde bei dem Wiederaufbau nach Kriegsende ein so demokratisches Verfahren durchgeführt wie in Karlsruhe", meint Heurich.

Kaiserstraßen-Projekt wird genehmigt

Bis Herbst 1950 hat sich das Verhältnis zwischen Stadtverwaltung und den Gebäudeeigentümern der Kaiserstraße deutlich gebessert. Inzwischen haben zwei große Geschäfte oberhalb der Hauptpost sowie auch zwei Unternehmen am Marktplatz die vorgeschriebenen Arkaden errichtet. An diesen Brennpunkten wurde der Verkehr wesentlich entlastet.

Im August 1951 wird der Bebauungsplan vom Landbezirk Baden genehmigt und somit kann das "Kaiserstraßen-Projekt" durchgesetzt werden. Pflästerer wird jetzt zum Stadtbaudirektor ernannt und geht 1954 in den Ruhestand. Er stirbt im Januar 1962.

 
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