Es ist 25 Jahre her, als Dieter Ludwig die erste Zweisystemstadtbahn, ein Tram-Train, auf die Fahrt von Karlsruhe nach Bretten schickte. Seither gilt der 25. September 1992 als die Geburtsstunde des "Karlsruher Modells", also der Möglichkeit für Fahrgäste ohne Umsteigen aus dem Umland in die Karlsruher Innenstadt zu fahren. Und noch heute gilt diese Idee als erfolgreiches Vorbild für Verkehrsunternehmen weltweit. Nur bei den Karlsruher selbst ist der Glanz der Idee mittlerweile abgestumpft.

"Diese Mobilität in Karlsruhe ist mittlerweile selbstverständlich geworden", sagt Benjamin Bock. Er ist Prokurist beim KVV mit den Bereichen Marketing und Tarif. Und zudem bei der AVG für das Erlösmanagement zuständig. Er selbst kann da auch aus Erfahrung berichten: Erst wenn er am Abend die letzte Bahn verpasst hat, merkt er selbst, wie es selbstverständlich es ist mit der Bahn von A nach B transportiert zu werden.

Symbolbilder Bahn in Karlsruhe
Fahrgast steigt ein (Symbolbild). | Bild: Thomas Riedel

Genaue Anzahl an Fahrgästen ist unbekannt

Von dieser Art der Mobilität scheinen sich aber in der Vergangenheit viele Nutzer verabschiedet zu haben: Während laut Statistischem Bundesamt in Deutschland die Zahl der Fahrgäste im Nahverkehr steigt, sinkt diese Zahl in Karlsruhe sogar. Nach der Bestmarke von 178 Millionen Fahrgästen, die 2012 im KVV unterwegs waren,  sank diese Angabe zuletzt auf 172 Millionen Fahrgäste in 2016.  "Das heißt aber nicht unbedingt, dass wir sechs Millionen Fahrgäste weniger befördert haben", betont Bock im Gespräch mit ka-news.

So sei die Zahl der Fahrgäste nur ein theoretischer Wert - immerhin würde nicht jeder Fahrgast einzeln mit einem Drehkreuz oder einer Lichtschranke beim Einsteigen gezählt. Vielmehr basiert die Berechnung auf Kennzahlen des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV). Dieser gibt Empfehlungen aus, wie viele Fahrgäste beispielsweise pro verkaufter Monats-, Jahres-, oder Schülerkarte berechnet werden sollten. Der KVV hält sich dabei nach eigenen Angaben an diese Vorschläge zur Berechnung der Fahrgastzahlen. Für das Unternehmen selbst seien allerdings ohnehin die Erlöszahlen entscheidender, als die Zahl der beförderten Fahrgäste. Die Erlöse hingegen sind laut Verbundbericht in den vergangenen Jahren angestiegen.

Weniger Schüler, weniger Wachstum, mehr Alternativen

Nicht zu leugnen ist jedoch, dass sich bei gleicher Berechnungsart die Fahrgastzahlen in der jüngsten Vergangenheit eher negativ entwickelt haben. Dafür nennen Bock und die KVV-Pressesprecherin Sarah Fricke verschiedene Gründe. "Zum einen spielen der demografische Wandel und sinkende Schülerzahlen eine wichtige Rolle." Weniger verkaufte ScoolCards heißt auch entsprechend ein Minus in der Berechnung der Fahrgäste. Im Jahr 2016 machten die Schüler immerhin rund ein Drittel (33,5 Prozent), also etwa 54,3 Millionen aller Fahrgäste aus.

"Dann muss man bedenken, dass wir im KVV auf einem sehr hohen Niveau sind und in dieser hohen Ebene verlieren beziehungsweise stagnieren", so Fricke weiter. In den Jahren vor 2012 haben man so sukzessive neue, große Streckenäste erreichen können. "Mittlerweile können wir kein neues Tal mehr erschließen", ergänzt Bock. "Pfinztal, Kraichtal, Murgtal - dort fahren wir ja schon." Doch genau diese Erschließungen hätten die Fahrgastzahlen zuletzt sehr ansteigen lassen.

Weitere Gründe, warum andere Verbünde im Vergleich nun mehr Kunden-Wachstum haben? Der KVV habe vergleichsweise früh tarifliche Abo-Angebote wie die Karte ab 65, das Studiticket und andere eingeführt. "Viele solcher Angebote wurden von anderen Verbünden erst sukzessive in den vergangenen Jahren auf den Markt gebracht und ließen deren Fahrgastzahlen steigen", so Fricke weiter.

Symbolbilder Bahn in Karlsruhe
(Symbolbild) | Bild: Thomas Riedel

Zuletzt gebe es in Karlsruhe schlicht zu viele und gute Alternativen zu Bus und Bahn "Innerhalb der Stadt Karlsruhe gibt es zudem mittlerweile eine sehr multimodale Fahrwelt. Es gibt ein immer attraktiver werdendes Radnetz, Bike- und Carsharing-Angebote", sagt Fricke. "Karlsruhe ist nach Münster immerhin auch auf Rang 2 der fahrradfreundlichsten Städte", ergänzt Bock.

Bock sieht KVV vergleichsweise gut aufgestellt

Die Kritik an den zu hohen Fahrpreisen kann Bock hingegen nicht ganz nachvollziehen: Man sei einer der günstigsten Nahverkehrsanbieter im Bund. Auch die Preise würden im Vergleich nicht überproportional steigen. Und die Kombilösung, hat die zu einem Fahrgastschwund geführt? "Wir sind bemüht, den Verkehr so stabil wie möglich zu halten. Die einzige Einschränkung ist eigentlich der fehlende Abzweig am Marktplatz", sagt Bock. Dafür ist er der festen Annahme, dass der Betrieb eine deutliche Verbesserung mit Inbetriebnahme des Tunnels erfährt - und das Karlsruher Bahnnetz zu einem der modernsten Netze in Europa oder sogar der Welt macht.

Dennoch hat der Nahverkehr in Karlsruhe weiterhin einen hohen Stellenwert in Benjamin Bocks Augen - nur, dass in den vergangenen Jahren eine Art Stimmungsumschwung stattgefunden hat. "Früher war man stolz auf die erreichten Ziele", sagt er mit Blick auf die Anfänge der Tram-Train-Zeit. Mittlerweile sei man aber an den Luxus gewohnt, ohne Umsteigen aus dem Umland nach Karlsruhe zu kommen. "Es muss eine Trendwende in der Stimmung stattfinden. Die Fahrgäste sollen den Mehrwert wieder zu schätzen wissen", so Bock weiter. "Die Karlsruher sollen wieder stolz auf ihren Nahverkehr sein!"

Symbolbilder Bahn in Karlsruhe
Bahn am barrierefreien Bahnsteig (Symbolbild). | Bild: Thomas Riedel

KVV will mehr Präsenz abseits der Schienen zeigen

Dafür arbeite man aktuell daran, die Unternehmen Verkehrsbetriebe Karlsruhe (VBK), die AVG aber auch den KVV fit für die Zukunft zu machen, "modern auszurichten", wie es Bock beschreibt. Ein Teil sei die Erneuerung: "Die permanenten Baustellen sind nötig, um das System am Laufen zu halten." Ein Fortschritt der Mobilität soll beispielsweise auch der barrierefreie Ausbau sein: Bis 2022 sollen alle Haltestellen umgebaut sein. Weiter soll die Fahrzeugflotte nach und nach durch moderne Fahrzeuge ersetzt werden. Auch das autonome Testfeld, welches der KVV federführend betreibt, und der geplante Betrieb von autonomen Bussen soll das moderne und zukunftsorientierte Image der Unternehmen stärken.

Zusätzlich will man mehr in die Kommunikation mit dem Kunden einsteigen, also beispielsweise durch Apps, und somit die Informationen zu den Verbindungen, und mögliche Behinderungen, in Echtzeit an den Kunden übertragen. Mit Werbung, Marketing und dem neuen Eventmobil sollen zusätzlich die Menschen informiert werden. "Wir wollen Präsenz zeigen und so mehr ins Bewusstsein kommen", erklärt Bock das Ziel.

KVV-Tarifbedingungen sollen verbessert werden

Zusätzlich kündigt Bock an, in den nächsten Jahren die Tarife, also die Nutzungsbestimmungen des KVV, überarbeiten und einer Reform unterziehen zu wollen. Man wolle auf die Bedürfnisse der Kunden eingehen und somit den Service verbessern. Das Ziel sei es, die Tarife gerechter zu machen, aufzuarbeiten und anzupassen. "Aber hier sind wir noch ganz am Anfang", so Bock.

"Nahverkehr ist einfach ein 'must-have' für ein urbanes Stadtleben", sagt Benjamin Bock. "Und daher müssen wir einfach im Gespräch bleiben." Die Idee des "Karlsruher Modells" ist und bleibt - soll aber weiterentwickelt werden. "KVV bleibt weiter ein Trendsetter", wirbt er.

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