Mehrere Gräberfelder mit Tausenden von Gräbern für Opfer der beiden Weltkriege – darunter Zivilisten, Soldaten und Euthanasieopfer des Dritten Reichs – liegen auf dem Hauptfriedhof in Karlsruhe. Jedes Jahr veranstaltet der Volksbund ein Workcamp in Baden-Württemberg für junge Leute aus ganz Europa.

18 Teilnehmer aus sechs Ländern 

Dieses Jahr kommen die achtzehn Teilnehmer aus Deutschland, Rumänien, Bulgarien, Ungarn, Italien und der Türkei und wohnen in der Kirchfeld Kaserne. Während ihres Aufenthalts machen die jungen Leute auch Städtebesuche, wie dieses Jahr in Heidelberg und Strasbourg, wo sie das Europäische Parlament besuchen werden.

Jugendliche pflegen Kriegsgräber in Karlsruhe
Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Außerdem machen sie einen Ausflug nach Niederbronn im Elsass bei der Bildungsstätte des Volksbunds und dem großen Soldatenfriedhof. Sie erleben auch kulturelle Angebote in Vorträgen und Veranstaltungen. Am Morgen des 11. August besuchte Karlsruhes Bürgermeisterin für Umwelt Bettina Lisbach die Jugendlichen bei der Arbeit auf dem Friedhof, zusammen mit Matthias Vogel, Leiter des Friedhofsamts Karlsruhe.

Persönliches Interesse an Friedensarbeit

Florin Badau aus Rumänien, einer der ehrenamtlichen Betreuer, ist seit elf Jahren dabei. Angefangen hat er wegen seines Interesses an Geschichte, und weil sein Großvater im Zweiten Weltkrieg gekämpft hat. Über die Jahre hat er schon viel mit dem Volksbund zusammengearbeitet und viele Leute kennengelernt, die beispielsweise Verwandte im Krieg verloren hatten.

"Viele können über den Volksbund erfahren, was aus ihrem Verwandten geworden ist", erzählt er.  "Nicht nur Corona, sondern jetzt auch der Krieg bremst uns aus und macht es uns schwer, dass die Leute zusammenkommen", erklärt Uwe Reinisch, der in seinem Sommerurlaub das internationale Camp leitet.

Jugendliche pflegen Kriegsgräber in Karlsruhe
Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Er ist akademischer Mitarbeiter an der Hochschule Aalen und die Arbeit im Camp macht ihm viel Spaß. Dieses Jahr jedoch machen es die Einreisebedingungen noch schwieriger – manche Impfstoffe aus anderen Ländern werden hier nicht akzeptiert – und durch den Krieg in der Ukraine fällt der Einsatz von jungen Leuten aus manchen Ländern auch weg.

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"Im Angesicht der aktuellen Situation ist es umso wichtiger, dass wir die jungen Leute zusammenbringen, damit sie sich austauschen und kennenlernen können, dass Frieden wieder geschaffen wird", sagt Reinisch.

"Die Folgen von Kriegen können zu weltweiten Krisen führen"

In ihrer Begrüßung am Friedhof bedankt sich Bürgermeisterin Bettina Lisbach bei den jungen Leuten für ihren Einsatz und hofft, dass ihre Erfahrungen hier im Austausch mit anderen Kulturen sie im weiteren Leben prägen werden. "Gräberfelder sind Lernorte, Gedenkorte und Mahnmale für den Frieden", sagt Lisbach.

Jugendliche pflegen Kriegsgräber in Karlsruhe
Bild: Katherine Quinlan-Flatter

"Ihr seid hier mit dem Schicksal des Menschen beschäftigt – vielleicht stellt ihr mal beim Lesen der Namen am Grab fest, dass manche Soldaten gerade in eurem Alter waren, als ihnen ihr Leben in Frieden genommen wurde. Die Folgen von Kriegen können weltweit zu Krisen, wie aktuell die Energie- und Lebensmittelkrisen, führen", betont die Bürgermeisterin. "Es freut mich sehr, dass ihr euch hier über nationalen Grenzen hinweg austauscht."

Das Wichtigste ist die Kommunikation miteinander

"Viele Menschen haben vergessen, was für Konsequenzen Krieg haben kann", sagt Uwe Reinisch abschließend. "Gerade jetzt sieht man, wie wichtig es ist, dass man miteinander redet, bevor man eine Waffe in die Hand nimmt."

Deborah ist 20 Jahre alt und kommt aus Jassi in Rumänien. Dies ist ihr zweites Camp, letztes Jahr war sie in Berlin und hat neben der Arbeit an kulturellen und historischen Veranstaltungen auch in Potsdam teilnehmen dürfen. Sie interessiert sich für Geschichte und die beiden Weltkriege. Was sie am Meisten beunruhigt ist der Einsatz junger Menschen im Zweiten Weltkrieg.

Jugendliche pflegen Kriegsgräber in Karlsruhe
Bild: Katherine Quinlan-Flatter

"Die Kinder und jungen Leute hatten doch keine Wahl", sagt Deborah. "Sie durften über ihr Schicksal nicht selbst entscheiden." Jonas, einer der Jüngsten in der Gruppe, ist 16 und kommt aus der Nähe von Neapel in Italien.

Er meint: "Von meiner Deutschlehrerin habe ich über dieses Camp erfahren." Seine Beweggründe waren: Neue Leute kennenzulernen, Baden-Württemberg zu sehen, seinen Horizont zu erweitern und Netzwerke aufzubauen. "Vielleicht möchte ich später hier arbeiten", sagt Jonas. "So habe ich die Möglichkeit, mehr über Deutschland und seine Geschichte zu erfahren."

"Kriege werden von Menschen geführt und von Diktatoren begonnen"

Nick kommt aus Pleven in Bulgarien und hat ebenfalls über seine Deutschlehrerin von dem Camp erfahren. "In diesen zwei Wochen lernt man viel über Deutschland", sagt er. Er hat sehr viele Gräber besucht – "sie haben einen tiefen Eindruck auf mich gemacht. Es ist alles sehr relevant in diesen Zeiten."

DreiJungs aus der Türkei: "Wir sind sehr glücklich, dabei zu sein."
DreiJungs aus der Türkei: "Wir sind sehr glücklich, dabei zu sein." | Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Wir sollten keine totalitären Regimes tolerieren, meint Nick, das ist die Hauptsache. Daraus entstehen Kriege, sagt er, und wir müssen unsere Demokratie und Freiheit schätzen. "Kriege werden von Menschen geführt und von Diktatoren begonnen", sagt Nick.

Elena ist 19 und kommt auch aus Neapel in Italien. Sie studiert Physik. Karlsruhe ist ihr zweites Camp, vor den Pandemiejahren war sie in Remscheid. Elena genießt die Aktivitäten, die der Volksbund für die jungen Leute bietet. Man trifft neue Leute und kann voneinander lernen.

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"Im Camp ist es interessant, etwas über Geschichte zu erfahren und über andere Kulturen und Traditionen zu lernen", erklärt sie. Vor allem gerade wegen der Spannungen in Europa sei es wichtig, auf persönlicher Ebene mit Leute aus anderen Ländern zu sprechen.

Eine Ehre, am Camp teilnehmen zu dürfen

Denitsa, 18, ist noch in der Schule in Bulgarien. In ihrem Fall war die Beteiligung am Camp eine Ehrung. Sie wurde von ihrer Deutschlehrerin vorgeschlagen und im Wettbewerbsverfahren zur Teilnahme ausgewählt. Denitsa interessiert sich sehr für Geschichte.

Jugendliche pflegen Kriegsgräber in Karlsruhe
Bild: Katherine Quinlan-Flatter

"Hier hat man handfeste Beweise der Schicksale im Krieg". erklärt sie. "Wir haben die Gräber gesehen und die Kriegsausstellung im Generallandesarchiv mit Feldpostbriefen und Reste der Kriegsausrüstungen."

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"Wir haben in der Regel eine monolithische Sicht der Geschichte", sagt Denitsa. "Wir sehen die Leute nicht als Personen. Die Geschichte wiederholt sich, deswegen müssen wir aus tragischen Ereignissen lernen, um eine Wiederholung zu verhindern".

Das Entstehen eines neuen Wesens aus der Zerstörung

Kim ist 25, kommt aus Oberberg bei Köln und das ist ihr letztes Camp. Ist jemand älter als 25 darf man nicht mehr als Gruppenmitglied teilnehmen. Kim war schon in Camps in Lübeck und Gotha und ist diesmal mit ihrem Freund Hendrik dabei. Sie ist Sozialarbeiterin.

Jugendliche pflegen Kriegsgräber in Karlsruhe
Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Kim mag Geschichte und hat sich viel mit dem Schicksal ihrer Vorfahren auseinandergesetzt. Sie findet die Arbeit des Volksbund sehr interessant. "Das Besondere dabei ist, dass man die Anonymität verliert", erklärt sie, "und man bekommt Anschluss zu den anderen Ländern durch die persönlichen Kontakte. Dadurch kann man besser auf Frieden hinarbeiten."

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Hendrik und Kim sind politisch aktiv. "Als junger Mensch muss man Verantwortung übernehmen", sagt Kim. "Politisches Bewusstsein ist jetzt wichtiger denn je," Kim trägt die Tätowierung einer Ginkgo-Pflanze am Arm. "Das symbolisiert das Entstehen eines neuen Wesens aus einer Zerstörung", erklärt sie. "Es verkörpert für mich die Arbeit des Volksbunds."

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