"Grünen-Stadtrat Aljoscha Löffler kündigte es bereits an und nun machte die gesamte Fraktion ihr Vorhaben offiziell: Am 28. Juni wurde ein Antrag vor den Gemeinderat gebracht, verschiedene Autoparkplätze innerhalb des Stadtgebiets in Abstellflächen für Fahrräder umzufunktionieren. Eine Abstimmung fand dabei allerdings nicht statt. Stattdessen reagierte die Stadt mit einer Stellungnahme und einer Auflistung von möglichen Standorten für die Fahrradparkplätze.

Zehn Parkplätze an drei Orten sollen abgebaut werden

Die " im Lager des Tiefbauamtes befindlichen Fahrradständer" sollen laut dieser Stellungnahme um den Karlsruher Hauptbahnhof und den Durlacher Bahnhof installiert werden. Dazu sollen bei insgesamt drei wichtigen Achsen des öffentlichen Personennahverkehrs in Karlsruhe mehrere Autoparkplätze als temporärer Abstellplatz für die Fahrradständer dienen. Vor allem am Hauptbahnhof seien sechs Parkplätze am Vorplatz nahe dem Zoo geplant.

Vor den Einzelhändlern auf der Nord-West-Seite sind in Zukunft teilweise Fahrräder statt Kurzparkern geplant.
Vor den Einzelhändlern auf der Nord-West-Seite sind in Zukunft teilweise Fahrräder statt Kurzparkern geplant. | Bild: Lars Notararigo

Als Alternative dazu benennt die Stadt die Viktor-Gollancz-Straße als möglichen Standort für die sechs umfunktionierten Parkplätze. Plan sei es, zu beobachten, wie nutzbringend die Fahrradständer an welchem Ort sind und sie im Optimalfall dort permanent anzubringen, wo sie am dringendsten gebraucht werden.

Parkplätze wie diese an der Viktor-Gollancz-Straße könnten bald für Fahrräder reserviert sein.
Parkplätze wie diese an der Viktor-Gollancz-Straße könnten bald für Fahrräder reserviert sein. | Bild: Lars Notararigo

Weiterhin schlage die Stadt vor, je zwei Parkplätze am Bahnhof in Durlach und an der Haltestelle "Entenfang" aufzustellen. Die Vorschläge der Stadt, die sie in ihrer Stellungnahme festhält, löste gespaltene Resonanzen innerhalb des Gemeinderates aus - nicht zuletzt bei den Grünen selbst, die den ursprünglichen Antrag einreichten.

"Wir sind bedingt zufrieden"

"Wir sind mit der Antwort der Verwaltung", sagt Löffler selbst und pausiert für einen Moment, "bedingt zufrieden. Einerseits ist es gut, dass Sie pragmatische Lösungen vorschlagen, Fahrradständer zu nutzen, die bereits zur Verfügung stehen. Auch, dass Sie die Möglichkeit einer temporären Beobachtung, wo sie am sinnvollsten eingesetzt werden können", so der Stadtrat der Grünen.

Aljoscha Löffler, Stadtrat der Grünen-Fraktion Karlsruhe.
Aljoscha Löffler, Stadtrat der Grünen-Fraktion Karlsruhe. | Bild: Grüne Karlsruhe

"Allerdings finden wir es auch ein wenig ambitionslos und ich habe nicht ganz den Eindruck, dass die Stadt die Situation für Radfahrer wirklich signifikant verbessern will. Manchmal liest es sich so, als sei die Stadt mit der Situation oder sogar einer kleinen Verschlechterung zufrieden. Natürlich glauben wir nicht, dass der Stadt die Entwicklung wirklich egal ist und würden uns über eine Kooperation bei weiteren Vorschlägen freuen."

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Eine Haltung, mit der auch die SPD und Die Linke konform gehen. Die Zustimmung ist im Gemeinderat allerdings keineswegs allgemeingültig. Andere Fraktionen, allen voran CDU und FDP, äußerten deutliche Kritik an Antrag und Stellungnahme.

"Der Einzelhandel braucht die Parkplätze um zu überleben"

"Ständig werden im Gemeinderat Anträge eingereicht, wo es darum geht, irgendwelche Parkflächen wegzurationalisieren", sagt Thomas Hock repräsentativ für die Liberalen. "Diesmal ausgerechnet die Kurzzeitparkplätze vor den Einzelhändlern an der Nordwestseite des Bahnhofs." Eine Idee, die sowohl für die FDP, als auch für andere Fraktionen nicht tragbar sei.

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"Sprechen Sie mit den einzelnen Betreibern, die noch übrig sind, was sie zu den gestrichenen Autoparkplätzen meinen. Sie brauchen diese Kurzzeitparkplätze, um sich finanziell zu halten. Um zu überleben. Die Entscheidung, den Kraftverkehr am Hauptbahnhof zu reduzieren, ist inakzeptabel", meint er weiterhin.

"Vielleicht sollte man ja das Problem der Fahrradleichen angehen"

"Wir haben genügend Parkplätze für Räder am Hauptbahnhof. Und da sind auch Hunderte von Fahrradleichen - Rädern, die dort abgeschlossen und nie wieder mitgenommen werden. Vielleicht sollte man mal dieses Problem angehen und dort ordentlich aufräumen. Dann wären auch wieder mehr Parkflächen frei. Gegen die kaputten Fahrräder, die seit Jahren herumstehen, wird nämlich nichts getan." Der Antrag der Grünen und der Stadt ginge laut FDP-Fraktion also am Problem vorbei.

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Die Fraktionen der AfD und der Freien Wähler schließen sich diesen Argumenten an.

Zwei Positionen kristallisieren sich also aus der Diskussion des Gemeinderates: Die Überfüllung der Abstellplätze, der durch mehr Fahrradständer beigekommen werden muss, und die Vielzahl an "Fahrradleichen", die die Abstellplätze blockieren. Inwieweit treffen beide Argumente zu?

Die vielen Fahrräder vor dem Hauptbahnhof

Um eben jene Frage zu beantworten, macht sich ka-news.de am Hauptbahnhof ein Bild von der Situation der abgestellten Fahrräder. Was auf den ersten Blick auffällt: Direkt vor dem Haupteingang befindet sich ein Ballungszentrum an Fahrrädern, das weit über die ausgewiesenen Ständer hinausgeht - so sehr, dass sie kaum noch zu sehen sind.

Fahrräder am Hauptbahnhof
Ein Fahrraddickicht vor dem Haupteingang des HBF. | Bild: Lars Notararigo

"Überfüllung" könnte man diese Situation am Donnerstagnachmittag also ohne Probleme nennen. Um den gesamten Bahnhof herum stehen Fahrräder entweder vereinzelt oder nahe einer Anhäufung von Drahteseln. Einige werden an die erstbeste Gelegenheit angeschlossen, die sich bietet - etwa an der Nord-West-Seite, wo die Räder zwischen den Säulen angeschlossen werden, wo eigentlich ein Parkplatz für sie im Gespräch ist.

Bisher parken die Fahrräder an der Nord-West-Seite zwischen den Säulen.
Bisher parken die Fahrräder an der Nord-West-Seite zwischen den Säulen. | Bild: Lars Notararigo

Wie viele davon als "Fahrradleichen" gelten ist schwer zu sagen, denn trotz aller Mängel an den Rädern, wie zerschlissenen Sätteln oder platten Reifen kann man kaum bestimmen, wie lange die Räder schon an Ort und Stelle stehen.

Fahrräder am Hauptbahnhof
Ein platter Reifen hinter einem rostigen Ständer, | Bild: Lars Notararigo

Ein überfüllter Unterstand

Ähnlich verhält es sich bei der überdachten Abstellfläche für Fahrräder östlich vom Haupteingang des Bahnhofes. So ziemlich jeder einzelne Fahrradständer ist hundertfacher Ankerplatz von Schlössern, Ketten und und eisernen Bügeln in allen Farben und Größen.

Fahrräder am Hauptbahnhof
Parkflächen nur für Räder sind bereits voll. | Bild: Lars Notararigo

Bei manchen dieser Schlösser gewinnt man allerdings den Eindruck, als kämen sie ihrer Aufgabe schon zu lange nach. Spinnenweben, Staubschichten, abgenutzte Griffe und ausfransende Sättel finden sich in regelmäßigen Abständen zwischen polierten Sporträdern und Mountainbikes in grundsolidem Zustand.

Ab wann zählt ein Fahrrad als Leiche?

Andere Exemplare zeigen sich wiederum in einem Stadium, in der sie der Bezeichnung "Zweirad" nicht mehr gerecht werden. Ein ruinöser Fahrradrahmen, von dem nur noch das Hinterrad übrig ist.

Fahrräder am Hauptbahnhof
Manche Räder dienen bereits als Ablage für Müll. | Bild: Lars Notararigo

Ansonsten zeigt sich eine durchaus nicht zu unterschätzende Anzahl an auffällig lädierten Fahrrädern, die sich in mehr oder minder regelmäßigen Abständen zwischen die intakten Modelle schieben.

Fahrräder am Hauptbahnhof
Bild: Lars Notararigo

Jedes dieser in Mitleidenschaft gezogenen Räder nimmt einen Stellplatz für sich ein und man kann die Ansicht vertreten, dass ein Fahrrad in besserem Zustand an dieser Stelle ein schönerer Anblick wäre. Doch bedeutet das, dass die Stadt sie einfach entfernen kann? Dass sie herrenlose "Fahrradleichen" sind, die ohnehin nicht mehr abgeholt werden, ist alleine durch ihren Zustand immerhin nicht gesagt.

"Wir können die Fahrradleichen nicht einfach entfernen"

"Als Stadt haben wir rein rechtlich nicht die Möglichkeit, einfach mit dem Seitenschneider zu kommen und die als solche betitelten 'Fahrradleichen' zu entfernen. Das ist mit einem sehr komplexen juristischer Prozess verbunden, den ich jetzt nicht aus dem Stegreif rezitieren könnte", sagt Oberbürgermeister Frank Mentrup im Namen der Stadt. 

Oberbürgermeister Frank Mentrup.
Karlsruhes Oberbürgermeister Frank Mentrup. | Bild: Carsten Kitter

"Grundsätzlich ist es aber möglich und die Stadt wird den Einwand, dass die ungenutzten Fahrräder zu selten entfernt werden, berücksichtigen." Dies ist nicht das einzige von der FDP angesprochene Problem, auf das der OB dabei eingeht.

Fahrräder am Hauptbahnhof
Der Sattel zerschlissen, die Griffe abgenutzt, der Rahmen voller Spinnenweben. Doch ob das Rad herrenlos ist und somit entfernt werden kann, ist damit noch nicht gesagt. | Bild: Lars Notararigo

"Ich kann Ihre Argumentation, dass weniger Parkplätze den Einzelhandel belasten, durchaus verstehen. Deshalb legte ich auch der Verwaltung nahe, die Abstellplätze für Räder nicht unmittelbar vor seinen Vertretern am Hauptbahnhof umzusetzen. Dass wir den Alternativstandort in der Viktor-Gollancz-Straße mit eingebunden haben, ist in erster Linie auf diese Bedenken zurückzuführen", sagt er.

Wo und wann die neuen Fahrradabstellplätze nun aber tatsächlich drapiert werden, müsse aber noch genauer von der Stadtverwaltung festgelegt werden.