Ende Oktober 2021 erhielt das Stadtarchiv Karlsruhe den Nachlass von Kunigunde Fischer. Die frühere Stadträtin, die am 10. November 1882 geboren wurde, heiratete 1904 ihren Mann Kaspar Fischer, der bei der sozialdemokratischen Zeitung "Der Volksfreund" arbeitete.
Kunigunde Fischer: Stadträtin und im Landtag
Kunigunde Fischer wurde bereits 1909 Vorsitzende der neugegründeten Frauensektion der Karlsruher SPD und 1912 Mitglied im Armut- und Waisenrat der Stadt. Nach dem Ersten Weltkrieg zog sie als eine der allerersten Frauen in die Badische Nationalversammlung von 1919 ein, wo sie die einzige Sozialdemokratin war und wurde Landtagsabgeordnete. Außerdem war sie von 1919 bis 1922 Stadträtin in Karlsruhe. Fischer blieb bis 1933 im Badischen Landtag, verlor dieses Amt aber unter den Nationalsozialisten. Nach dem Krieg wurde sie wieder von 1946 bis 1959 Stadträtin in Karlsruhe.
Ursprünglich wurde der Nachlass von Fischers Enkel, Albert Kleiber, dem Lernort Kislau übergeben. Der Verein, dessen Ziel auch die Errichtung einer Bildungsstätte auf dem Areal des ehemaligen Konzentrationslagers Kislau bei Bruchsal ist, betreibt historisch-politische Bildungsarbeit, in der über die Auseinandersetzung mit der Demokratie- und Diktaturgeschichte von der Weimarer Republik bis in die NS-Zeit zum Nachdenken über eigene Werte und Haltungen angeleitet wird.

Zu Archivierungs- und Dokumentationszwecken übergab der Lernort Kislau den Nachlass mit seinen 1537 Schriftstücken vor einem Jahr an das Stadtarchiv Karlsruhe.
Fischer wird 1965 Ehrenbürgerin Karlsruhes
Angelika Sauer ist Archivarin im Stadtarchiv Karlsruhe. Nach 39 Jahren als Beamtin ging sie im Februar dieses Jahres in den Ruhestand, arbeitet aber im Rahmen von Werkverträgen an Projekten weiter. Angelika Sauer erhielt den Nachlass von Kunigunde Fischer im November 2021 und ist mit den archivalischen Arbeiten fertig.

Bei der Verzeichnungsarbeit muss alles sehr präzise geordnet sein, damit jedes Dokument problemlos im Archivsystem gefunden werden kann. Das gelingt, in dem jedes Dokument eine "Signatur" – eine eindeutige Bezeichnung – bekommt und im Archivsystem erfasst wird. Angelika Sauer unterteilt die Dokumente zuerst in Themen und daraus entsteht eine Klassifikation. So gibt es beispielsweise die Themen Persönliches, die politischen Tätigkeiten als Landtagsabgeordnete und Stadträtin und die Ehrungen, die Fischer bekommen hat.

Am 18. Mai 1965 wurde sie zur Ehrenbürgerin der Stadt Karlsruhe ernannt. Das Thema "Persönliches" hat Angelika Sauer wiederum in Alltagsdokumente, Mitgliedschaft in Vereinen und Verfolgung im Nationalsozialismus unterteilt.
Nazis nehmen Fischer in "Schutzhaft"
Kunigunde Fischer wurde nach der NS-Machtergreifung 1933 in "Schutzhaft" genommen und verbrachte zwei Wochen im Gefängnis. 1944 wurde sie nach dem Attentat an Hitler erneut verhaftet, obwohl sie damit nichts zu tun hatte.
Auch der Karlsruher Anwalt Reinhold Frank wurde in gleicher Sache verhaftet und ins Gefängnis gebracht. Weitere Themenbereiche sind Frauenförderung und Gleichberechtigung, weil Fischer das ein sehr großes Anliegen war, aber auch Korrespondenz, Urkunden und Gegenständliches.

Das Stadtarchiv hat Kunigunde Fischers Füller und eine Schallplatte, auf der sie an einem internationalen SPD-Treffen für Frauen 1959 in Karlsruhe spricht. Die SPD nimmt einen weiteren Schwerpunkt ein, sowie der große Bereich Vereine, Verbände und Institutionen an denen Fischer mitgewirkt hat.
Da ist beispielsweise sowohl die Arbeiterwohlfahrt zu nennen, die Karlsruher Notgemeinschaft und der Verein Jugendhilfe, als auch die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen. Kunigunde Fischer hat sich sehr für arme und sozial benachteiligte Menschen eingesetzt. "Aus den Briefen, die sie bekommen hat, geht hervor, wie beliebt sie war", sagt Angelika Sauer. "Dadurch kommt sie als Mensch zum Ausdruck."
"Sehr loyal und eine aufrechte Sozialdemokratin"
Kunigunde Fischer und ihr Mann hatten zuerst in der Südstadt gewohnt und haben dort die Probleme der Arbeiterbevölkerung miterlebt – dadurch hat sich ihr soziales und politisches Engagement entwickelt, meint die Archivarin. Fischers Vater war Landwirt, auch Mühlen- und Sägewerksbesitzer. Aber durch ihren Mann, der SPD-Mitglied war, hat sie die Politik kennengelernt und sich bereits sehr früh politisch engagiert.
Bei der Verzeichnung hat Angelika Sauer die Themenbereiche Kommunalpolitik und Druckschriften definiert. “Ihr Engagement kommt zum Ausdruck in ihren Reden“, erklärt die Archivarin. Die geschriebenen Reden bilden auch einen Teil des Nachlasses. "Sie fordert die Frauen immer wieder auf, sich politisch zu beteiligen und an den Kommunalwahlen in Karlsruhe teilzunehmen."

Für Fischers Tochter Anni und ihren Ehemann Kaspar, der ihr immer zur Seite stand, wurde auch ein Themenbereich eingerichtet. Fischer hatte auch Kontakt mit der Karlsruher Politikerin Clara Siebert, die ihr mal schrieb "Unsere beiden Ehemänner haben uns immer unterstützt, also wir hatten da Glück gehabt." Verschiedene Dokumente bescheinigen, wie Fischer sich im Gefängnis verhalten hat.

“Sie war immer sehr loyal und eine aufrechte Sozialdemokratin", sagt Angelika Sauer. Die Karl Friedrich-, Leopold- und Sophien-Stiftung, eine selbständige, öffentlich-rechtliche Stiftung, die betagten Karlsruher Mitbürgerinnen und Mitbürgern Unterkunft, Verpflegung, Betreuung und Hilfe in Altenhilfeeinrichtungen bietet, hat ihr erstes Wohnheim 1966 in der Sofienstraße in Karlsruhe eröffnet.
Um Kunigunde Fischer zu ehren, hat die Stiftung dieses Wohnheim “Kunigunde-Fischer-Haus“ getauft. Ein Jahr zuvor, 1965, verlieh ihr die Stadt Karlsruhe als erster Frau die Ehrenbürgerwürde.