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Karlsruhe: Corona-Wahnsinn: Schwangere sorgt sich um ihr Baby – und wird von Klinik zu Klinik verwiesen

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Corona-Wahnsinn: Schwangere sorgt sich um ihr Baby – und wird von Klinik zu Klinik verwiesen

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    (Symbolbild)
    (Symbolbild) Foto: pixabay

    Alina Scherrer ist 28 Jahre alt und lebt gemeinsam mit ihrem Mann in Ettlingen. Das junge Paar erwartet ein Kind, Scherrer ist im dritten Monat schwanger. Ihren richtigen Namen möchte sie nicht veröffentlicht sehen, da Freunde und Familie von ihrer erneuten Schwangerschaft noch nichts wissen. 

    Bis der Schwangerschaftstest Erfolg anzeigt, ist es für viele Paare ein weiter Weg. Die Kosten für künstliche Befruchtung lassen sich dabei von der Steuer absetzen.
    Bis der Schwangerschaftstest Erfolg anzeigt, ist es für viele Paare ein weiter Weg. Die Kosten für künstliche Befruchtung lassen sich dabei von der Steuer absetzen. Foto: Mascha Brichta/dpa-tmn

    Zwei Fehlgeburten hat sie bereits hinter sich. Da sie unter mehreren chronischen Krankheiten leidet, ist es eine Risikoschwangerschaft. Unter anderem hat sie eine angeborene Blutgerinnungsstörung, genannt Faktor-V-Leiden. Als Scherrer sich mit dem Corona-Virus infiziert und starke Symptome bekommt, fürchtet sie um ihr Baby.

    Das Paar infiziert sich mit dem Corona-Virus

    "Die erste Woche verlief wie eine milde Grippe", sagt die junge Frau im Gespräch mit ka-news.de. Seit dem 19. März befindet sich das Paar in häuslicher Quarantäne. Scherrers Mann hat sich bei einem Arbeitskollegen mit dem Corona-Virus infiziert. Nach einem Abstrich beim Karlsruher Corona-Drive-In in der Haid-und-Neu-Straße lautete das Testergebnis: positiv. 

    Da sie und ihr Mann das Haus nicht verlassen dürfen, stellt die Familie dem Paar von nun an Einkäufe vor die Türe. Nicht einmal den Waschkeller des Mehrfamilienhauses suchen die beiden auf, um ihre Nachbarn nicht zu gefährden.

    Zunächst war alles ok, dann kam der Hautausschlag

    Doch nach einigen Tagen wird der Krankheitsverlauf bei der werdenden Mutter schlimmer. "Zu Beginn der zweiten Woche - es war ein Montag - ging es bei mir richtig los", erinnert sie sich. Ein Ausschlag breitet sich auf dem gesamten Oberkörper der Schwangeren aus, vor allem auf dem Rücken und im Brustbereich. 

    Die Angst, dass die Infektion ihrem Kind schaden könnte, wird immer größer. Drei Tage später, am Donnerstag, ruft Scherrer ihren Hausarzt an. In seine Praxis kommen darf das junge Paar aufgrund ihrer Corona-Virus-Infektion allerdings nicht. Der Arzt empfiehlt ihnen, sich an eines der Karlsruher Krankenhäuser zu wenden. 

    Angst um das Baby, doch ein schwerer Weg in die Klinik

    Zuerst versuchen sie ihr Glück mit einem Anruf bei einem Krankenhaus des ViDia-Verbunds: Dem Vincentius-Krankenhaus in der Südendstraße. Doch dort ist kein Spezialist für den Hautausschlag beschäftigt. "Patienten, die unsere Klinik mit einer Hautsymptomatik aufsuchen, verweisen wir grundsätzlich an andere Kliniken, die dieses Fachgebiet abdecken", teilen die ViDia-Kliniken gegenüber ka-news.de mit. Alina Scherrer wird an das Städtische Klinikum Karlsruhe verwiesen. 

    Eine Masernerkrankung geht mit grippeähnlichen Symptomen und später einem charakteristischen Hautausschlag einher.
    Eine Masernerkrankung geht mit grippeähnlichen Symptomen und später einem charakteristischen Hautausschlag einher. Foto: Maurizio Gambarini/Symbolbild

    Das Telefonat mit dem Städtischen Klinikum nimmt laut der Aussage der jungen Frau allerdings eine unerwartete Wendung. "Es wurde mir mit einer Anzeige gedroht, wenn mein Mann und ich vorbeikommen", sagt die 28-Jährige gegenüber ka-news.de.

    Erst nein, dann ja - Städtisches Klinikum sagt Untersuchung zu

    Nur kurze Zeit später kontaktiert das Klinikum die junge Frau erneut. "Mir wurde dann mitgeteilt, dass wir kommen können, wenn zuvor die entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden", erinnert sie sich. Der Aufforderung der Hautärztin, ihr vorab ein Bild ihres Oberkörpers per Mail zukommen zu lassen, kommt sie nicht nach. Ihr sei nicht wohl dabei gewesen, ein Bild ihrer Brust über das Internet zu versenden, sagt sie.

    Wie abgesprochen fährt das Paar daraufhin in den Hof der Hautklinik und gibt per Telefon über ihr Ankommen Bescheid. Eine Krankenschwester in Schutzkleidung begleitet Scherrer, die ebenfalls Mundschutz und Handschuhe bekommt, vom Auto in das Krankenhaus.

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    Foto: ka-news.de

    Bei all diesen Schutzmaßnahmen rechnet Scherrer mit einer adäquaten Behandlung - einer Untersuchung ihres Ausschlags. Und fühlt sich vernachlässigt. "Die Ärztin hat meinen Ausschlag nur aus zwei Metern Entfernung betrachtet", erzählt sie. 

    Klinik äußert sich nicht - zum Schutz der Mitarbeiter

    Mit dem Vorfall konfrontiert, will das Städtische Klinikum auf ka-news.de-Anfrage keine Aussage treffen, obwohl ein Einverständnis der schwangeren Patientin über die Datenweitergabe vorliegt. Grund ist, dass "auch die Persönlichkeitsrechte der betreffenden Mitarbeiter tangiert werden", teilt das Klinikum mit. "Zum Schutz aller Beteiligten möchten wir von einer öffentlichen Stellungnahme absehen."

    Da sie mit der Behandlung nicht zufrieden sind, entscheidet sich das Paar, noch am selben Tag in das Vincentius-Krankenhaus zu fahren. Nach einer telefonischen Anmeldung wird Alina Scherrer dort schließlich behandelt.

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    Foto: tor

    "Ich wurde in eine isolierte Kammer gebracht und dort nach einiger Wartezeit von einer Ärztin untersucht", erzählt die 28-Jährige. Ihr wird Blut für ein Blutbild abgenommen und ein EKG angefertigt. 

    Der Behandlungsbericht bestätigt den Hautausschlag an Brust, Thorax und Rücken. Die Ärzte empfehlen eine weitere Beobachtung. Sofern sich keine Besserung einstellt, solle sich die werdende Mutter erneut an die Spezialisten des Städtischen Klinikums wenden.

    Nach dem Besuch der Polizei bricht Scherrer zusammen

    Um 20 Uhr an diesem Abend ist das Paar wieder zu Hause und zurück in Quarantäne. "Am nächsten Morgen sind wir aufgewacht und konnten beide kaum glauben, was am Tag zuvor passiert war", so die Betroffene. 

    Doch die Odyssee des Paares sollte schwerwiegende Folgen haben: Am Abend klingelt es mehrfach an der Haustür, es sind zwei Beamtinnen der Polizei. Zur Wohnungstür im ersten Obergeschoss des Mehrparteienhauses kommen die Polizistinnen allerdings nicht. Stattdessen rufen sie lautstark durch das Treppenhaus, dass das junge Paar am Tag zuvor ohne Schutzkleidung das Klinikum aufgesucht habe. So stellt es Scherrer in einem Schreiben an das Karlsruher Polizeipräsidium dar.

    Der kommunale Ordnungsdienst (KOD).
    Der kommunale Ordnungsdienst (KOD). Foto: Archiv/Paul Needham

    "Ich wollte nicht, dass die Nachbarn diese privaten Informationen mitbekommen und habe die Wohnungstüre geschlossen", so die Betroffene im Gespräch mit ka-news.de. Noch von der Straße aus hätten die Beamtinnen daraufhin gerufen, sie solle das Fenster öffnen.

    Das junge Paar notiert sich das Kennzeichen des Streifenwagens und erstattet Anzeige gegen die beiden Polizistinnen. Den Eingang der Anzeige bestätigt das Polizeipräsidium Karlsruhe. Stellung zu dem Vorfall möchte das Präsidium als betroffene Partei nicht beziehen, um einer Verhandlung nicht vorweg zu greifen.

    Hat die Polizei gegen den Datenschutz verstoßen?

    "Wenn tatsächlich gegen den Datenschutz verstoßen wurde, stehen wir dafür selbstverständlich gerade", sagt Polizeisprecher Ralf Minet. Der Spagat zwischen dem Überbringen einer Mitteilung und dem Datenschutz sei eine "schwierige Materie". In diesem Fall wollten die Beamtinnen allem Anschein nach einen persönlichen Kontakt mit dem infizierten Paar vermeiden.

    Jedoch liege in jedem Streifenwagen eine entsprechende Schutzausrüstung für solche Situationen parat. "Um uns nicht nur in dieser Zeit, sondern generell gegen Ansteckungskrankheiten schützen zu können, haben wir hochklassifizierte Atemschutzmasken und Handschuhe in den Fahrzeugen", teilt das Polizeipräsidium mit. 

    Zusammenbruch und erneuter Krankenhausbesuch

    Nach dem Besuch der Polizei erleidet die 28-Jährige schließlich einen Nervenzusammenbruch. "Ich hatte starke Unterleibsschmerzen und Angst um mein Baby", erzählt sie. In der Marienklinik, der Frauenklinik des Vincentius-Krankenhauses, wird sie daraufhin erneut behandelt. 

    Wie geht es dem Kind? In den Mutterschafts-Richtlinien sind Ultraschalluntersuchungen beim Frauenarzt fest eingeplant.
    Wie geht es dem Kind? In den Mutterschafts-Richtlinien sind Ultraschalluntersuchungen beim Frauenarzt fest eingeplant. Foto: Bodo Marks/dpa-tmn

    Der Behandlungsbericht bestätigt ein psychisch-traumatisches Erlebnis, der Fötus habe sich zudem verkrampft. Nach der Behandlung fährt das Paar wieder nach Hause. "Ich habe große Angst, eine weitere Fehlgeburt zu erleben", sagt Alina Scherrer gegenüber ka-news.de

    Paar kämpft weiter - notfalls vor Gericht

    Das Paar hat sowohl gegen das Städtische Klinikum, in welchem sie zunächst allem Anschein nach nicht angemessen untersucht wurde, als auch gegen die Polizei Anzeige erstattet. Im Gegenzug hat das Klinikum das Paar angezeigt, da sie gegen den Infektionsschutz verstoßen hätten. 

    Vermutlich wird der Fall vor Gericht landen. In einem Brief an das Polizeipräsidium schreibt die junge Frau: "Ich weiß, dass momentan aufgrund der aktuellen Situation viele ihre Grenzen erreichen. Trotzdem begründet dieser Umstand keinesfalls die Reaktion und Vorgehensweise der einzelnen Personen!"

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