Tocotronic sind echte Götter des deutschen Indie-Rock und (immer noch) wichtige Vertreter der sogenannten "Hamburger Schule". Mit dem mittlerweile 13. Album "Nie wieder Krieg" setzen die Herren ihre Reihe exquisiter Platten fort, da ging es auch rasch wieder auf Platz 2 der deutschen Charts. Tocotronics Einfluss auf die deutsche Musikszene kann bis heute gar nicht hoch genug eingeschätzt werden - wir haben uns die brandneue Scheibe zu Gemüte geführt.

Tocotronic bestechen durch Coolness

Der titelgebende Track "Nie wieder Krieg" klingt vielleicht etwas lapidar und eindimensional, ist er aber nicht, gilt sowohl privat als auch politisch. Angesichts der jetzigen Lage in der Ukraine gelingt der Song fast prophetisch, ambivalent, musikalisch, mit alarmierenden Gitarren, ganz Toco-Style - ein schöner Beginn. Die Lyrics sind albumweit natürlich Geschmackssache, ich finde sie großartig in all ihrer Prägnanz und Simplizität! Das ist ja der Signature-Move von Tocotronic.

Tocotronic gründeten sich 1993 in Hamburg
Tocotronic gründeten sich 1993 in Hamburg | Bild: ps

Ich feiere die Lead-Stimme von Dirk von Lowtzow schon seit Anbeginn in den 1990ern, er ist ganz einfach der Sänger, der Dekaden von Künstlern geprägt hat, als wichtiger Vertreter der Hamburger Schule gilt. Auch seine Band besticht durch sympathische Coolness.

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"Ich hasse es hier" ist melodiös-krachig, wie man es von den Hamburgern gewohnt ist – und einfach ein guter Song. "Ein Monster kam am Morgen" kommt im glockenhellen Midtempo daher, ein bisschen spooky ist das Ganze schon, aber wie immer elegant gelöst vom Quartett. Stilistisch ist das "Monster" doch etwas aus der Reihe - was nichts heißen muss, gar nichts, das passt!

Infernalische Gitarren

Und so geht es weiter: "Komm in meine freie Welt" birst geradezu vor Energie, eine Wand von infernalischen Gitarren breitet sich im Song aus. Das alles klingt immer ganz einfach, ist aber fein austariert und ausgeklügelt. "Nachtflug" könnte man sich tatsächlich auf einem solchen vorstellen - ungemein eingängig und irgendwie auch beruhigend das Ding, mit schönen Wah-Wah-Gitarren. Ein kleiner Hit vielleicht?

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"Ich gehe unter" ist ein schmissiger Popsong, der unterhält und nicht weiter stört. Im Gegenteil, er passt in das Bild dieser durchaus eingängigen Scheibe. Erinnert mich ein bisschen an die tollen Schotten The Pearlfishers.

Klassiker in der Bandhistorie

"Ich tauche auf" ist folgend eine schöne, sanfte Ballade mit empathischem Text und ganz viel Gefühl im Gesang, hallo Element Of Crime! Das Feature von den erratischen Kollegen Soap & Skin ergänzt dieses Lied wunderbar - leicht genießbar und doch voller Tiefe. Fein.

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"Jugend ohne Gott gegen Faschismus" ist trotz der immerwährenden Klasse der weiteren Songs quasi der Edelstein unter den Pretiosen. Da stimmt alles, Melodie, Text, Message - ein Monster von einem Indie-Rock-Song und zudem eine gigantische Parade-Single. Ich überschlage mich fast, ich weiß, aber: Es gibt nicht viele Songs in der bandeigenen, eigentlich hochklassigen Diskographie! Tolles Video, übrigens optisch schwer an Oasis angelehnt. Schon jetzt ein Klassiker in der Bandhistorie.

"Liebe" klingt nach Tom Petty

"Leicht lädiert" besticht durch Ambiente, auch "Hoffnung" gefällt mit seinen seidenweichen Streichern – schön! "Crash" ist durch und durch Pop und stilistisch etwas ganz Besonderes, ein melancholisches Song-Gefühl, ganz nah dran an den Kollegen von Tomte. Das ist Befindlichkeits-Pop dieser Hamburger Heroen. Auch "Ich gehe unter" stößt stilistisch ins gleiche Horn.

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"Liebe" klingt zum Finale ein bisschen nach melancholischem Tom Petty und The Verve, das gilt als glasklares Kompliment, wieder tolle Lyrics, liebe Hanseaten! Kommen wir zum Fazit: "Nie wieder Krieg" ist wieder ein ganz vortreffliches Album mit herausragenden Momenten - und hätte stilistisch perfekt in den verblichenen Karlsruher Club Le Carambolage gepasst. Das ist kein Soul, aber echte Seelenmusik. Ganz große Klasse!

Toni Mogens – "Scherben" (Single)

Kommen wir auf ein anderes Blatt: "Scherben" von dem gebürtigen Karlsruher Toni Mogens - zuallererst ist da mal Gefühl. Viel Gefühl. Das ist ein emotionaler Track, gesungen mit ganz viel Herz. Mogens hat bereits mit vier Jahren angefangen, mit Klavier und Schlagzeug Musik zu machen.

Ein aufgehender Stern: Der Karlsruher Liedermacher Toni Mogens
Toni Mogens | Bild: ps

Er ist ein außerordentliches Liedermachertalent, welches seinen eigenen, musikalischen Weg geht - wie weiland der extrem erfolgreiche Waldbronner Max Giesinger.

"Scherben" - der Durchbruch?!

Mit "Scherben" ist Mogens auf der musikalischen Überholspur und reiht sich damit ein in die Phalanx der hoffnungsvollen, deutschen Singer/Songwriter wie Johannes Oerding und der soulige Phil Siemers - kein Zweifel, gefällt! "Scherben" ist ein wirklich schöner Song, das könnte der Durchbruch sein - Scherben bringen Glück, sagt man ja, hier wäre es angebracht!

Das Release-Konzert seines wunderbaren Debütalbums „So wie es ist“, auf dem “Scherben” unter anderem zu hören ist, ist übrigens am 22. Mai im Jubez - das passt zusammen, der aufstrebende Mogens war dort schon ein paar Mal zugegen. Die Fächerstadt kann stolz sein auf diesen gebürtigen Karlsruher!