Die geliebte Heimat verlassen müssen, weil dort Krieg herrscht. Ein Szenario, welches in Europa lange undenkbar war, aktuell aber für viele Menschen in der Ukraine zur Realität wird. Nachdem sich die Lage zwischen Russland und Ukraine immer weiter zuspitzte, kam es laut mehrerer Medienberichte in der vergangenen Nacht zu russischen Angriffen auf militärische Stützpunkte der Ukraine.

"Ich kann es einfach nicht glauben"

Die Angriffe sind eine neue Eskalationsstufe in dem seit 2014 schwellenden Konflikt zwischen Russland und der Ukraine. "2014 hat alles in Donezk und auf der Krim angefangen, seitdem herrscht dort mehr oder weniger Krieg, aber nicht so heftig wie jetzt. Ich kann es einfach nicht glauben", sagt Artem Yemchenko im Gespräch mit ka-news.de. Yemchenko stammt ursprünglich aus der Ukraine, genauer gesagt aus Donezk. Die Stadt im Osten der Ukraine wird seit wenigen Tagen als eigenständige "Volksrepublik" von Russland anerkannt. 

Kremlchef Wladimir Putin hat einen Auslandseinsatz des russischen Militärs in Luhansk und Donezk angeordnet.
Kremlchef Wladimir Putin hat einen Auslandseinsatz des russischen Militärs in Luhansk und Donezk angeordnet. | Bild: Sergey Guneev/Kremlin Pool/Planet Pix via ZUMA Press Wire/dpa

Bis zuletzt habe Yemchenko an eine friedliche Lösung geglaubt. "Wir haben die letzten Tage viel gehofft. Jetzt mache mir gerade große Sorgen um meine Heimat", so Yemchenko weiter. Wie viele seiner Landsleute ergriff er 2014 die Flucht aus seiner Heimatstadt und landete zunächst in Dnipropetrowsk. Von der viertgrößten Stadt der Ukraine ging es schließlich nach Deutschland. Seit 2018 lebt Yemchenko mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen in Ubstadt-Weiher im Landkreis Karlsruhe.

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Eine Verbindung zu seiner Heimatstadt besteht seit seiner Flucht nicht mehr. "Meine Eltern und meine Familie lebt jetzt hier und meine Schwester lebt aktuell in Kiew", erklärt er. Aufgrund der aktuellen Eskalation wächst bei ihm die Angst vor einem Krieg in ganz Europa. "Russland und die Nato besitzen Atomwaffen und die Lage könnte so natürlich noch schlimmer werden. Wenn man sich vorstellt, dass die USA und Russland Krieg führen könnten ist es schon schwer zu begreifen."

Demokratie beschützen

Wie so viele kann Yemchenko nur schwer nachvollziehen, wie es zur aktuellen Eskalation kommen konnte. "Jeder Mensch hat seine Vorstellung von der Welt. Jeder weiß was gut ist und was schlecht ist. In Europa gibt es eine andere Vorstellung davon als in Russland. Dort haben noch viele veraltete Vorstellungen von der Welt", sagt Yemchenko.

Hunderte Ukrainer demonstrieren vor der Botschaft der Russischen Föderation in London.
Hunderte Ukrainer demonstrieren vor der Botschaft der Russischen Föderation in London. | Bild: Hesther Ng/SOPA Images via ZUMA Press Wire/dpa

Seiner Meinung nach müssten die ukrainischen Verbündeten nun die "Demokratie beschützen. Europa und Amerika sind für mich eine freie Welt und das muss so bleiben." Er hoffe darauf, dass seine Landsleute mithilfe von Europa überleben. "Die Menschen die sich für Freiheit und Demokratie entschieden haben, brauchen jetzt Hilfe." 

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Der gebürtige Ukrainer fühle sich nach vier Jahren in Deutschland sehr wohl und willkommen. Auch wenn ihm und seiner Familie die Umstellung auf die Bundesrepublik schwer viel, wie er erklärt. "Die Sprache zu lernen und einen Arbeitsplatz zu finden war am Anfang sehr schwer und wir mussten uns große Mühe geben die Menschen hier zu verstehen."

"Ich mag Deutschland"

Auch Behördengänge seien eine große Umstellung gewesen, diese würden in Deutschland ganz anders ablaufen als in der Ukraine. Nach rund vier Jahren sagt bilanziert Yemchenko schmunzelnd: "Ich mag Deutschland, auch wenn die Menschen nicht so offen sind wie in der Ukraine." 

Ein gepanzertes Fahrzeug rollt eine Straße außerhalb des von pro-russischen Kämpfern kontrollierten Gebiets von Donezk in der Ostukraine ...
Ein gepanzertes Fahrzeug rollt eine Straße außerhalb des von pro-russischen Kämpfern kontrollierten Gebiets von Donezk in der Ostukraine entlang. | Bild: Uncredited/AP/dpa

Geholfen bei der Umstellung habe ihm der Verein "Ukrainer in Karlsruhe." Der Verein aus der Fächerstadt möchte mit einer Kundgebung am Samstag vor dem Karlsruher Schloss auf die aktuelle Lage aufmerksam machen. "Nach unserer Ankunft bin ich über Facebook auf den Verein gestoßen. Ich mag es mit Menschen zu kommunizieren und der Verein hat mir geholfen Anschluss und Landsleute zu finden", so der 50-Jährige.

Mit Blick auf die Lage in seinem Heimatland, fällt es Yemchenko schwer eine Prognose für die nächsten Tage zu treffen. "Russland ist größer und mächtiger und die Ukraine wird es schwer haben, aber ich hoffe, dass die Ukraine eine eigene Demokratie bleibt. Ich hoffe die Menschen in der Ukraine bleiben stark und mutig."