Seit Oktober 2015 forscht das Reallabor "Go Karlsruhe" zum Thema Fußgänger. Über 1,1 Millionen Euro bekam das Forschungslabor, das an der Hochschule Karlsruhe angesiedelt ist, vom Wissenschaftsministerium an Fördergeldern zugesprochen. In der Fächerstadt untersucht das Reallabor, wie der Fußverkehr gefördert werden kann. 

Jochen Eckart ist Professor für Verkehrsökologie und einer der Projektleiter des Reallabors Go Karlsruhe im Gespräch mit ka-news.
Jochen Eckart ist Professor für Verkehrsökologie und einer der Projektleiter des Reallabors Go Karlsruhe im Gespräch mit ka-news. | Bild: ka-news

Gemeinsam mit der Stadt und den Bürgern haben Jochen Eckart, einer der Projektleiter des Reallabors, Stellen in der Stadt ausgemacht, an denen sich Fußgänger nicht wohlfühlen oder das Zusammenspiel mit anderen Verkehrsteilnehmern nicht funktioniert. Dort wurde nachgebessert, etwa in Knielingen. Dort wurden zwischen der Egon-Eiermann-Allee und der Rheinbrückenstraße zehn Kreuzungen mithilfe gelber Markierungen fußgängerfreundlich gestaltet. Das ist jedoch nicht das einzige Realexperiment, dass Go Karlsruhe auf den Weg gebracht hat, wie Jochen Eckart, Professor für Verkehrsökologie an der Hochschule Karlsruhe im Interview mit ka-news erklärt. 

Was ist das Reallabor Go Karlsruhe? 

Reallabore sind spezielle Forschungsformate, die auf der Logik basieren, dass man möglichst schnell Ideen zur Umsetzung bringen möchte. Dafür ist die Idee, dass man neben den Wissenschaftlern, die man braucht um neue Ideen zu entwickeln, auch schon Akteure aus der Praxis dazu holt. Heißt: die Stadt, die ist ein enger Projektpartner von uns und insbesondere die Bürger. Das Go Karlsruhe hat das Leitbild "Nachhaltige Stadt". Uns geht es um die Förderung des Fußverkehrs.  

Warum den Fußgängerverkehr?

Der Fußgänger ist zum einen der selbstverständlichste Verkehrsteilnehmer den wir kennen. Jeder geht irgendwie jeden Tag zu Fuß. Nichtsdestotrotz wurde in der Forschung und in der Planung der Fußgänger vergessen. Wir haben viel für das Auto getan in den letzten Jahrzehnten, auch für den ÖPNV und in den letzten zehn Jahren viel für die Förderung des Radfahrers. Wir wissen nicht, wie der Fußgänger tickt, was stört ihn, was können wir tun, dass es ihm das Laufen angenehmer macht.

Shopping in Karlsruhe
Shopping in Karlsruhe | Bild: Thomas Riedel

Das hat auch die Stadt Karlsruhe schon festgestellt und deswegen im Verkehrsentwicklungsplan festgeschrieben zu untersuchen, wie sich der Fußverkehr in den nächsten Jahren entwickeln kann. Daher schauen wir vom Reallabor in enger Zusammenarbeit mit der Stadt, wie wir das fördern können.

Warum müssen Fußgänger so gesondert betrachtet werden, etwa weil sie eine gefährdete Verkehrsgruppe sind? 

Gefährdung ist eine Sache, die würde ich noch nicht mal in den Vordergrund stellen. Wir wollen den Fußgängern aber tatsächlich eher das Leben leichter machen. Das ist eine sehr aktive Mobilitätsform. Es ist gesund, Gehen ist etwas, wo man gut sein Umfeld wahrnehmen kann, das ist wichtig für soziale Interaktion und es ist umweltfreundlich - das beinhaltet also sehr viele Aspekte, die wir gerne in der Stadt hätten. Wir wollen sie also fördern, weil wir es für eine Verkehrsart halten, der eine wichtige Rolle zukommt.

Achtung Fußgänger
Bild: Thomas Riedel

Die Leute gehen lieber an bestimmten Sachen entlang, wo es vielleicht etwas sicherer ist. Es ist ein Verkehr, wo man sich wohlfühlt, es sind ja verschiedene Faktoren die entscheiden, wo man langgeht. Wo fühle ich mich wohl, wo ist es nett und wo sehe ich etwas oder auch die Frage, wo ist der Weg kurz? Denn Fußgänger sind sehr 'umwegsensitiv'. Man möchte keinen langen Umweg laufen, denn es ist der eigene Kraftaufwand, der mich ans Ziel bringt.

Wie hat das Reallabor in der Fächerstadt funktioniert, wie sind Sie an die Ideen gekommen? 

Wir versucht haben, das was wir machen zusammen mit den Bürgern zu entwickeln. Wir hatten zwei Ansätze: Zum einen hatten wir die App, wo wir gesagt haben: 'Melden Sie uns die Punkte, wo sie sich wohlfühlen und wo sie etwas stört.' Das haben wir gesammelt und ausgewertet und daraus haben wir Ideen entwickelt, wie man da Abhilfe schaffen kann.

Jochen Eckart ist Professor für Verkehrsökologie und einer der Projektleiter des Reallabors Go Karlsruhe.
Jochen Eckart ist Professor für Verkehrsökologie und einer der Projektleiter des Reallabors Go Karlsruhe. | Bild: ka-news

Wir haben uns an Bühnenveranstaltungen der Stadt gehängt. Da waren wir teilweise dabei und haben zugehört, welche Punkte aufkommen. Wir haben in diesem Rahmen auch selbst kleinere Workshops mit den Bürgern gemacht und Ideen entwickelt, was man verändern könnte.

Provisorische Markierungen erleichtern Fußgängern das Überqueren der Straße.
Provisorische Markierungen erleichtern Fußgängern das Überqueren der Straße. | Bild: Philip Zwernemann

Ein Beispiel hierfür ist das Realexperiment in Knielingen. Da haben wir versucht, die Fahrbahn etwas enger zu machen, um die Überquerung für die Fußgänger mit den gelben Punkten leichter zu machen. Das war nicht unsere Idee, das kam von den Bürgern. Wir haben da nur geholfen, die weiterzuentwickeln.

Welche Projekte gab es noch? 

In vielen Fußgängerzonen gibt es den Konflikt zwischen Fußgängern und Radfahrern, deswegen haben wir in der Erbprinzenstraße Displays aufgestellt, die kennt man auch für Autofahrer, wenn man nicht die richtige Geschwindigkeit hat, leuchten sie. Dort war es so, dass die Displays angehen, wenn man schneller als 10 oder 12 km/h radelt. Einfach, damit die Radfahrer Rücksicht nehmen. Da war also die Frage, wie man das Miteinander verträglich gestalten kann.

GO Karlsruhe - Dialog Display
GO Karlsruhe - Dialog Display | Bild: John Christ

Das andere war von Oktober bis Dezember 2018 am Mühlburger Tor: Dort sind jeweils zwei Fahrspuren und in der Mitte verläuft die Bahnlinie. Da war das Problem, dass viele Menschen bei Rot über die Ampel gelaufen sind, weil sie zur Haltestelle wollten. Zudem ist der Bereich zwischen Fahrbahn und Bahnsteig sehr eng.

GO Karlsruhe
Bild: ps

An dieser Stelle wollten wir ausprobieren, ob es angenehmer wird, wenn wir die Straße auf eine Fahrspur verengen, so haben die Fußgänger mehr Platz, um sich aufzustellen. Der Trick dabei: Die Ampel war nicht mehr die ganze Zeit Rot, sondern der Fußgänger musste sich Rot beziehungsweise Grün anfordern. Der Rest der Zeit war die Ampel dunkel und der Fußgänger konnte einfach auf die andere Seite gehen.

Das war allerdings ein Eingriff in den Straßenverkehr, über den sich viele beschwert haben. Ging es da nicht anders? 

Sagen wir so, das ist nichts unübliches. Das ist ein Straßenraum und für uns zählt die Straße von der einen Hauswand zur anderen. Jetzt die Frage: Wie verteilt man den Platz? Den kann ich verschiedenen Verkehrsteilnehmern exklusiv geben oder zusammen zur Nutzung überlassen. Und wir haben in den letzten 40 Jahren Platz verteilt in der Stadt - und zwar viel Platz den Fußgängern und Radfahrern weggenommen und dem Autoverkehr gegeben. 

(Symbolbild)
(Symbolbild) | Bild: Paul Needham

In den letzten Jahren ist man jedoch dazu übergangen genau zu schauen, wofür man den Platz braucht. Dann hat man festgestellt, dass man an bestimmten Ecken mehr Platz für den Fuß- oder Radverkehr braucht und das in deren Richtung verteilt. Dieses Umverteilen, und Platz ist ja eine knappe Ressource, das war der Versuch am Mühlburger Tor. Das haben wir für einen bestimmten Zeitraum gemacht.

Das muss jedoch für ein paar Wochen bestehen bleiben, damit sich das einspielt. Gleich zu Beginn gibt es immer ein paar Reibereien, das ist klar, wenn sich etwas ändert. Wir sind hier aber noch in der Auswertung, deswegen kann ich leider noch kein Ergebnis nennen.

Sie beziehen mit den Projekten immer den Bürger mit ein. Warum ist das wichtig? Schließlich könnte die Stadt Karlsruhe auch einfach so die Verkehrswege planen, ohne Feedback. 

Das ist sehr wichtig! Wir wollen ja aber wissen, was stört den Fußgänger und nicht den Planer. Wir machen das ja nicht aus eigenem Interesse, sondern sind am Nutzer interessiert. Dazu war die App sehr wichtig, denn wenn wir rausgehen und Bürger befragen, ist das meist abends und dort, wo die Leute auch wohnen. Deswegen bekommen wir meist nur das Feedback von den Leuten aus ihrem Quartier und nicht von 'Fremden'. Fußgänger sind aber mehr als Menschen, die nur dort wohnen, sie sind eine gemischte Gruppe. 

Können die Ergebnisse aus Karlsruhe auch auf andere Städte angewandt werden?

Es ist schon die Idee, dass man Erkenntnisse gewinnt und die auch auf andere übertragen kann. Aber jede Stadt hat ihre eigene Mobilitätskultur, jede Stadt tickt anders. Münster etwa, da fahren sehr viele Menschen Fahrrad. Das ist dort in der Mobilitätskultur verankert, das ist aus den Niederlanden inspiriert und wird gefördert. Ich würde aber schon sagen, dass vieles übertragbar ist, aber eben nicht alles.

(Symbolbild)
(Symbolbild) | Bild: Paul Needham

Seit etwas mehr als drei Jahren gibt es nun das Reallabor Go Karlsruhe. Wie lange dauert das Forschungsformat noch?

Mitte des Jahres wird Go Karlsruhe endgültig abgeschlossen. Gerade sind wir dabei, alle Ergebnisse zusammenzutragen. Wir als Forscher sind dann zunächst raus. Dann ist die Frage, wie die Stadt, die Bürger und die Fußgänger das Projekt weiter betreiben wollen. Ich weiß noch nicht, in welche Richtung das geht. Wir haben schon Interesse daran, dabei zu bleiben. 

Jochen Eckart ist Professor für Verkehrsökologie und einer der Projektleiter des Reallabors Go Karlsruhe.
Jochen Eckart ist Professor für Verkehrsökologie und einer der Projektleiter des Reallabors Go Karlsruhe. | Bild: ka-news

Ein Projekt starten wir jetzt allerdings noch, auch in Knielingen. Da geht es darum, den Autoverkehr herunterzubremsen, wo es sehr eng ist. An diesen Stellen können die Fußgänger auf der Straße laufen. Auch diese Idee kam von den Bürgern. Wir wollen da nichts aufschwätzen, sondern wir begleiten sie, ob die Fußgänger das annehmen und sich wohlfühlen. 

Das erheben wir vor dem Projekt und danach - und natürlich auch während der Projektlaufzeit. Das machen wir entweder, indem wir die Bürger direkt befragen oder mit interaktiven Feeedback-Plakaten an denen die Fußgänger abstimmen können.

Reallabor Go Karlsruhe
Mit solchen interaktiven Feedback-Plakaten sollen Fußgänger befragt werden. | Bild: ka-news

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