Rot heißt stop. Das ist in so ziemlich jedem Ampelsystem Europas eine absolute und indiskutable Regelung. Ausnahmen dafür können höchstens durch die Angaben eines Polizeibeamten gültig werden - oder aber durch eine kleine, quadratische Grünpfeil-Plakette, die an manchen Ampelleuchten angebracht ist.

Grünpfeil Moltkestraße
Ein Grünpfeil an der Kreuzung Moltkestraße - Erzbergerstraße. | Bild: Lars Notararigo

Rund 30 Grünpfeile gibt es laut Angaben der Stadtverwaltung in Karlsruhe. Ihr Zweck: Sie befugen einen Autofahrer auch bei rot abzubiegen, sofern er zuvor anhält und sich vergewissert, keine anderen Verkehrsteilnehmer zu gefährden. Eine kluge Regelung also, die Wartezeiten verkürzt und Haltespuren entlastet?

Die Linken-Fraktion fordert Rückbau der Grünpfeile

"Leider trifft das nicht zu", sagt Mathilde Göttel, Stadträtin der Fraktion Die Linke im Karlsruher Gemeinderat. "Die Verkehrssituation, in deren Zusammenhang dieses Verkehrszeichen entstanden ist, entspricht nicht der Verkehrsmenge in heutigen Großstädten", sagt sie. "Deshalb formuliert unsere Fraktion einen Antrag, um sämtliche Grünpfeil-Plaketten in Karlsruhe abzubauen", wie sie im Gespräch mit ka-news.de erklärt.

Mathilde Göttel (Die Linke), Stadträtin im Gemeinderat Karlsruhe.
Mathilde Göttel (Die Linke), Stadträtin im Gemeinderat Karlsruhe. | Bild: Lars Notararigo

Angeleitet und zu diesem Antrag ermutigt sei die Fraktion vor allem durch einen Forschungsbericht des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), der sich ausführlich mit dem Thema des Grünpfeils auseinandersetzt. "Dieser Bericht hat in 75 deutschen Städten Protokoll geführt und stellt fest, dass die Grünpfeil-Plakette kaum Nutzen für den Verkehr bringt, sondern - im Gegenteil - eher Risiken mit sich", so die Stadträtin.

Eine höhere Unfalldichte durch Grünpfeile

Das Gutachten der GDV kommt nämlich zum Ergebnis, dass Grünpfeile nicht nur häufig durch Rückstaus ihren Zweck verfehlen, sondern dass es in ihrer Nähe auch zu einer höheren Dichte an Unfällen komme. Ursache dafür sei in erster Linie die mangelnde Rücksicht, die gegenüber schwächeren Verkehrsteilnehmern an den Tag gelegt wird. Das Gutachten berichtet hierbei von häufigen Verstößen. Es werde kaum vorschriftsgemäß gewartet und oft einfach abgebogen.

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"Viele Autofahrer, auch hier in Karlsruhe, haben nur ein sehr geringes Bewusstsein für Räder und Fußgänger. Gerade im Zusammenhang mit Grünpfeilen", meint Göttel dazu.

"Ich will gar nicht behaupten, dass das bei jedem der Fall ist. Und vielleicht ist so ein Verhalten in Dörfern und Kleinstädten ein geringeres Problem und Grünpfeile bringen eher Nutzen. Aber in einer großen Stadt wie der unseren kann es an etlichen Stellen zu Gefährdungen durch unaufmerksame Rechtsabbieger kommen", sagt sie weiter.

Das Paradoxon der Moltkestraße

Man müsse sich nur vorstellen, ein Radweg verlaufe nahe einer Ampel mit einem Grünpfeil. Dadurch, dass Autofahrer jederzeit abbiegen würden, entstünden häufig Behinderungen.

Grünpfeil Moltkestraße
Kreuzung Moltkestraße - Erzbergerstraße. Wer von dieser Straße aus die Haltestelle der Bahn ansteuert muss am Grünpfeil vorbei. | Bild: Lars Notararigo

"Natürlich können auch Radfahrer die Grünpfeile nutzen. Aber dabei entstehen seltener und weniger kritische Probleme. Dass Fuß- und Radverkehr durch Autofahrer gefährdet werden, kommt in Karlsruhe deutlich häufiger vor. Etwa in der Brauerstraße oder der Moltkestraße", so Göttel.

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In der Moltkestraße nämlich könnten Autos dank Grünpfeil bei jeder Ampelfarbe nach rechts in die Erzbergerstraße einbiegen. "Damit Kreuzen sie zwangsläufig den Fußgängerüberweg, der in Richtung der Straßenbahnhaltestelle Kunstakademie führt", sagt Göttel. Genau gesagt liege das Problem sogar noch tiefer, denn da die Fußgängerampel mit den anderen Lichtsignalen parallel geschaltet ist, ist sie immer gleichzeitig mit ihnen grün.

Grünpfeil Moltkestraße
Bild: Lars Notararigo

"Eigentlich ist man als Fußgänger darauf konditioniert, bei Grün freie Bahn zu haben. Hier in der Moltkestraße muss man aber auch dann aufpassen, ob nicht doch ein Auto angerauscht kommt. Und das, während Autofahrer jederzeit abbiegen können. Bei diesem Beispiel müsste man sich dabei nicht nur um den Grünpfeil, sondern auch um die Schaltung kümmern, bei vielen anderen allerdings wäre der Verkehr bereits mit Abbau der Grünpfeile sicherer", meint die Stadträtin.

"Grünpfeile sollten in Karlsruhe abgeschafft werden"

Städte wie Leipzig seien laut Göttels Aussage bereits zu ähnlichen Schlüssen gekommen und haben begonnen, die Grünpfeile abzubauen. "Mit dem eingereichten Antrag hoffen wir, dass auch der Karlsruher Gemeinderat diese Ansicht teilen wird", so Göttel.

Grüner Pfeil
Bild: Frank May (dpa)

"Theoretisch wäre auch ein flächendeckendes Monitoring der Grünpfeile eine Option. Aber das wäre teurer und aufwendiger, als die Plaketten einfach im Rahmen der Verkehrsverwaltung abzumontieren", sagt sie.

"Gespannt auf die Reaktionen"

Wann genau der Antrag eingereicht wird, könne sie allerdings noch nicht sagen. "Derzeit wird er noch in einem Ausschuss besprochen, aber vielleicht wird ja noch vor der Sommerpause im Gemeinderat darüber abgestimmt", sagt die Stadträtin.

"Ich bin sehr gespannt auf die Reaktionen der Verwaltung und der anderen Fraktionen und ich hoffe, dass man dort eher einem wissenschaftlichen Gutachten der GDV zugetan ist als den Glaubensgrundsätzen mancher Autofahrer."

Dateiname : GDV: Unfallforschung kompakt - Sicherheit von Knotenpunkten mit Grünpfeil
Dateigröße : 1397680
Datum : 14.06.2022
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GDV: Unfallforschung kompakt - Sicherheit von Knotenpunkten mit Grünpfeil

Update: 27. September, 16.30 Uhr

Der Antrag zur Abschaffung des Grünpfeils wurde abgelehnt (25 Stimmen dagegen, 16 Stimmen dafür). SPD, AfD, Freie Wähler und FDP sehen keine Notwendigkeit für die Abschaffung der Verkehrszeichen - welche in sehr geringer Zahl in Karlsruhe zu finden seien. Diese Einschätzung teilt auch Oberbürgermeister Frank Mentrup: "Wir hatten schon mehr Rechtsabbiegerpfeile und wir passen sie den Beobachtungen des Verkehrs an."

Die wenigen betroffenen Schilder sieht die SPD als sinnvoll und wohl überlegt, weshalb die Fraktion sich gegen die Abschaffung ausspricht. Auch die Freien Wähler sprechen sich klar gegen den Antrag aus, der unproblematische Umgang werde mit der Befähigung zur Teilnahme am Straßenverkehr vorausgesetzt.

Die FDP lehnt den "müßigen" Antrag ebenfalls ab: "Es gibt nicht mehr viele, und die wenigen die es gibt sorgen für einen vorschriftsmäßigen Verkehrsverlauf. Die Schilderungen im Antrag sind Quatsch", so Thomas Hock von der FDP.