Seit Covid-19 aus den Stadtgrenzen von Wuhan (China) ausbrach, stellt das Virus die Experten der Welt vor medizinische Rätsel. Viele Fragen rund um das neuartige Virus sind weiter unbeantwortet. Dr. Sebastian Stier vom Karlsruher Klinikum versucht im Gespräch mit ka-news.de eine dieser Fragen zu beantworten: Was ist das Post-Covid-Syndrom?

Klinikum-Arzt klärt auf

Die Spätfolgen einer Corona-Infektion seien auch nach überstandenem Krankheitsverlauf nicht zu unterschätzen. "In Wuhan, wo das Virus weltweit als erstes ausbrach, zeigten dreiviertel aller Patienten noch nach sechs Monaten ein oder mehrere Symptome des Corona-Virus", sagt der Sektionsleiter der Pneumologie im Städtischen Klinikum. "Auch in Deutschland ist ein solches Post-Covid-Syndrom beobachtbar. Umgangssprachlich wird es auch Long-Covid-Syndrom genannt"

Dr. Sebastian Stier, Sektionsleiter der Pneumologie des Städtischen Klinikums Karlsruhe.
Dr. Sebastian Stier, Lungenspezialist und Sektionsleiter der Pneumologie des Städtischen Klinikums Karlsruhe. | Bild: Klinikum Karlsruhe

Dieses Post-Covid-Syndrom sei eine "Sammlung von beobachteten Symptomen, die ein Patient vor seiner Erkrankung noch nicht hatte." Dies sei eine häufig unterschätzte Gefahr, wie er weiterhin erklärt.

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Besonders deswegen, da die genauen medizinischen Zusammenhänge zwischen einer Covid-19-Erkrankung und ihren Spätfolgen noch nicht restlos erfasst wurden und auch, weil eine Covid-19-Erkrankung oft erst im Nachhinein an den Spätfolgen erkannt werde. 

"80 Prozent der Corona-Patienten haben keine Symptome"

"Eine Erkrankung am Coronavirus verläuft in 80 Prozent der Fälle mit wenigen bis gar keinen unmittelbaren Symptomen", so die Aussage des Mediziners. Und wenn keine Symptome auftreten, würden Patienten im Regelfall auch keine Behandlung aufsuchen und ihre Corona-Erkrankung bliebe zunächst unbemerkt. Dennoch sei es nicht ausgeschlossen, dass sich auch ein kaum spürbarer Krankheitsverlauf langfristige gesundheitliche Probleme mit sich bringe.

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"Fatigue war die bisher am häufigsten aufgetretene Spätfolge von Corona-Patienten - chronische Müdigkeit, bei der sich die Patienten teils über Monate hin kraftlos, müde und nicht belastbar fühlten", sagt Stier. Diese Fatigue scheine unabhängig von Schwere und Spürbarkeit der Symptome aufzutreten. Sie sei dabei allerdings nur ein Beispiel für psychische Spätfolgen, die neben den physischen Langzeitleiden protokolliert wurden.

"Schwere Verläufe haben auch schwere Langzeitfolgen"

"Hinter der Fatigue sind chronische Kopfschmerzen, Aufmerksamkeitsstörungen und Depressionen häufige Symptome, die nach einer überstandenen Covid-19-Infektion auftreten", sagt Stier. Dies könne natürlich auch mit physischen Gebrechen zusammenhängen, wie etwa Schäden am Gehirn oder den Blutgefäßen.

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"Auch die inneren Organe können betroffen sein. Beispielsweise das Herz, die Leber, die Muskulatur oder -ganz wichtig- die Lunge, die ja als Eintrittsorgan für das Coronavirus dient", so der Pneumologe. "Welche physischen Schäden auftreten, hängt auch von den Vorerkrankungen ab."

Diese Vorerkrankungen würden sich auf Widerstandsfähigkeit des Körpers und damit gleichzeitig auf die Schwere des Krankheitsverlaufes und die nachträglichen Post-Covid-Komplikationen auswirken.

Medikamente mögen es am liebsten kühl, trocken und geschützt vor Sonnenlicht.
(Symbolbild) | Bild: Christin Klose/dpa-tmn

"Vorerkrankungen sind nur ein Faktor, der einen schweren Verlauf und nachträgliche Probleme triggern kann. Nach bisherigen Fällen haben Übergewicht und hohes Alter die schwersten Erkrankungen an der Lunge hervorgerufen. Dabei gilt mit wenigen Ausnahmen: Je schwerer der Krankheitsverlauf, desto schwerer die Langzeitfolgen", resümiert Stier.

Wie lange sind Langzeitfolgen?

Und je schwerer die Langzeitfolgen, desto langfristiger müssten sie natürlich auch behandelt werden. "Die Frage, wie lange ein Post-Covid-Verlauf genau ist, lässt sich momentan nur schwer beantworten. Dafür sind die Symptome von Patient zu Patient zu unterschiedlich."

Einige Menschen mit Geschmacksverlust seien beispielsweise nach wenigen Wochen genesen, während es für Patienten mit Lungenkrankheiten einer langfristigen Therapie bedurfte.

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"Verschiedene Rehabilitationskliniken haben bereits sogenannte Post-Covid-Programme eingerichtet", so Stier. "Dort werden die Symptome je nach Schweregrad ambulant oder stationär behandelt. Zu meinem Fachgebiet - der Pneumologie - zählen hierbei zum Beispiel Atem- oder Ergotherapien." Ansonsten müsse jedes Post-Covid-Leiden nach Aussage des Mediziners von einem entsprechenden Facharzt behandelt werden.

Noch keine einheitliche Behandlung möglich

Dies stelle ein weiteres Problem neben dem schwer abschätzbaren Krankheitsverlauf dar: Bei vielfältigen Therapien sei es schwierig, medizinisch auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. "Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass in nächster Zeit einheitliche Leitlinien für die Behandlung des Post-Covid-Syndroms innerhalb der Ärzteschaft herausgegeben werden", so Stiers Einschätzung. Momentan existierten solche Richtlinien aber noch nicht.

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"Sowohl durch Therapien als auch durch Medikamente können wir nach derzeitigem Stand nur Symptome bekämpfen", wie der Lungenspezialist fortfährt. "Eine einheitliche Ursachenbehandlung des Post-Covid-Syndroms ist aktuell nicht gegeben." Gerade eine solche Uneinheitlichkeit wirft die Frage auf, wie sich die zugelassenen Impfstoffe auf das Post-Covid-Syndrom auswirken.

"Wo kein Covid, da kein Post-Covid"

Doch auch hierbei lägen noch keine klaren Ergebnisse vor. "Bislang sind noch keine größeren Untersuchungen bekannt, die der Medizin seriöse Daten zum Thema Impfung geliefert hätten", sagt Sebastian Stier. "Es gibt zwar Einzelfälle und Berichte, dass eine Impfung die Symptome beeinflusst, doch die sind kaum repräsentativ. Inwieweit eine Impfung das Post-Covid-Syndrom abschwächt oder sogar heilt, ist noch nicht systematisch untersucht worden."

Ein Mitarbeiter des Karlsruher Zoos wird gegen Corona geimpft.
Bild: Carsten Kitter

Trotzdem empfehle das Robert-Koch-Institut, sich nach einer überstandenen Covid-Erkrankung nach einem Zeitraum von sechs bis acht Monaten impfen zu lassen. Hierbei sei laut Angaben des Instituts auch nur eine Impfdosis vonnöten.

Was die Impfungen betrifft, so entstehe ihr größter Nutzen allerdings in der Prävention: "Eine Impfung gegen das Coronavirus macht eine Infektion und auch die damit verbundenen Langzeitfolgen unwahrscheinlicher", erklärt Stier, "und wo kein Covid, da kein Post-Covid."

 

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