Seit Anbeginn der Pandemie gelten Kinder und Jugendliche als die Leidtragenden. Vom Homeschooling über die Kontaktreduzierung bis hin zur fehlenden Impfempfehlung. Besonders der letzte Punkt sorgte zwischen Politik und Medizin-Vertretern für enorme Spannungen. Nun ist die Impfempfehlung da und die Nachfrage an dem Impfstoff für die 12- bis 17-Jährigen steigt.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) spricht sich dafür aus, sehr süße Lebensmittel durch eine Zuckersteuer zu verteuern.
(Symbolbild) | Bild: Britta Pedersen/zb/dpa

Der Grund: Mit dem Ende der Sommerferien beginnt bald wieder die Schule - und der soll tunlichst im Präsenzunterricht stattfinden. Das Problem: Die meisten Kinder und Jugendliche sind nicht geimpft und machen aktuell den größten Anteil an Neuinfektionen aus. Könnte das womöglich bald zum Problem werden?

Bald mehr Kinder auf den Intensivstationen?

Grund zu der Annahme gibt die aktuelle Situation in der USA. Hier sollen vor allem Kinder unter 12 Jahren vermehrt von Covid-19 betroffen sein, was zu vollen Intensivstationen in den Krankenhäusern führe - und das, obwohl es heißt, dass das Virus nur selten schlimmen Verläufe bei Kindern auslösen soll. 

So ähnlich ist auch die Einschätzung vom Kinderarzt Lothar Maurer aus dem Frankenthal. In einem Interview mit dem SWR lässt er durchblicken: "Wenn viele Kinder und Jugendliche erkranken, wird es natürlich auch mehr geben, die ernsthaft erkranken."

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Das bestätigt auch Jean-Luc Wagner, Oberarzt der Franz-Lust-Klinik für Kinder und Jugendmedizin am Städtischen Klinikum.

Er sagt: "Mit Blick auf das Ende der Schulferien und des Schulbeginns, den nahenden Herbst, der höheren Infektiosität der Virusvariante sowie der Reiserückkehrer ist von einer steigenden Anzahl von Covid19-Infektionen bei Kinder- und Jugendlichen in den Herbst- und Wintermonaten auszugehen". Aus diesem Grund schließt sich der Kinderarzt auch der Impfempfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) an.

Jean-Luc Wagner, Oberarzt der Franz-Lust-Klinik für Kinder und Jugendmedizin am Städtischen Klinikum
Bild: Philip Dehm Fotografie

Aktuell befinden sich zwei Kinder wegen Covid in der Kinderklinik, ein weiteres wird dort aufgrund eines durchgemachten Corona-Infektes behandelt. Bislang sei aber noch kein "signifikanter Anstieg" auf der Corona-Kinderstation zu verzeichnen.

Kinder vermehrt mit anderen Infekten in Behandlung

Ein anderes Phänomen beobachtet aktuell der Kinderarzt Till Reckert, der auch als Sprecher für den Berufsverband der Kinder und Jugendärzte in Baden-Württemberg tätig ist. Kinder, die sonst regelmäßig in Kontakt mit Viren und Bakterien kommen und so ihr Immunsystem ausbilden, holen jetzt die ganzen Infekte aus dem Vorjahr auf.

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"Ich bin seit zwei Tagen aus dem Urlaub zurück und habe an den beiden Tagen so viele Mittelohrentzündungen gesehen wie im ganzen Winter nicht so viele spastische Bronchitiden und Lungenentzündungen. Die Kinder holen die Infekte wieder auf, deren Viren sie während des Lockdowns nicht hatten. Mitten im August. Das ist völlig ungewöhnlich und passt so gar nicht zu dem sonst üblichen Ferienplan der Kollegen, deren Kinder man jetzt mitbehandeln muss", erklärt Reckert im Gespräch mit ka-news.de.

Till Reckert, Sprecher des Landesverbands Baden-Württemberg im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte
Till Reckert, Sprecher des Landesverbands Baden-Württemberg im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte | Bild: Till Reckert privat

Zwar gehören derartige Infekte zum "normalen Kinderleben" dazu, aber durch die besser an den Menschen angepasste Delta Variante, die sich "leichter und kräftiger" im Menschen vermehren kann und leichter übertragbar ist, vermutet auch Reckert, dass es bei Kindern zu mehr Ansteckungen und mehr schweren Covid-Verläufen kommen wird.

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"Man kann der Natur danken, dass die Pandemie nicht so anfing und man muss befürchten, dass das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht ist", so Reckert weiter. Also ein Grund mehr, die Kinder impfen zu lassen?

Impfen lassen oder "Laufen lassen"?

Tatsächlich spricht sich Reckert positiv für die Kinderimpfungen aus, da sie das "Risiko stärkerer Komplikationen senken" würden.

"Das war vor Delta so und bleibt auch nach Delta so. Wir wissen nur nicht, wie gut und nachhaltig die Infektion im Vergleich zur Impfung schützt. Insofern könnte es sein, dass ein Laufenlassen mit milden infektionsdosisvermindernden Maßnahmen im Kinder- und Jugendlichen-Bereich nachhaltiger ist und die Schweden am Ende in der Gesamtbetrachtung doch noch die Nase vorn haben. Das kann man aber alles immer erst hinterher wirklich sagen", erläutert der Kinderarzt.

Ein Kinderarzt impft ein Kind mit einem 6-fach-Kombinationsimpfstoff gegen Diphtherie, Tetanus (Wundstarrkrampf), Kinderlähmung (Polio), ...
Ein Kinderarzt impft ein Kind. | Bild: Julian Stratenschulte/dpa

Bedenken hat er hinsichtlich dieser Maßnahmen den AHA-Regeln, trotzdem: "Die Maßnahmen sind Zeitschinder, um schwer Erkrankte nacheinander versorgen zu können und dies nicht gleichzeitig tun zu müssen (Überlastung). Diese Zeit ist wertvoll, allerdings besonders für die meisten Kinder und Jugendlichen und ihre Familien teuer erkauft und daher nicht endlos ausdehnbar."

 
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