Es erscheint einem als das Sommer-Dilemma 2021. Einerseits soll das normale Leben, so gut es geht, wieder stattfinden, andererseits werden immer wieder kleinere Ausbrüche des Virus registriert. Erhöht gefährdet für eine Infektion sind ungeimpfte Personengruppen, die in Einrichtungen zusammenkommen. Dazu zählen eben auch Kinder und Jugendliche. 

Kommt der "Sorgen-Herbst"?

Die Bundesregierung spricht diesbezüglich bereits vom "Sorgen-Herbst", da dann die Zahlen erfahrungsgemäß wieder nach oben gehen könnten. Keine guten Aussichten für den Schulbeginn nach den Sommerferien, angesichts der deutlich ansteckenderen Delta-Variante.  

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Dies übt wiederum Druck auf die Stiko aus, eine generelle Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche auszusprechen, doch die hält sich zurück. Bislang erhalten 12 bis 17-Jährige nur eine Impfempfehlung, wenn das Kind:

  • bestimmte Vorerkrankungen hat
  • Im Umfeld von gefährdeten Personen lebt, die sich selbst nicht schützen können
  • arbeitsbedingt erhöhtem Expositionsrisiko ausgesetzt ist

ka-news.de hört sich um

Eltern und Jugendliche stehen nun einem Dilemma gegenüber und manche fragen sich wohl: impfen oder nicht impfen? Einerseits wäre da die nur eingeschränkte Empfehlung der Stiko, andererseits locken die Vorteile der Impfung im Bezug auf Infektionsschutz und weiteren Erleichterungen im Alltag oder beim Reisen.

Ein Kinder- und Jugendarzt impft einen Jugendlichen mit dem Corona-Impfstoff Comirnaty von Biontech/Pfizer.
Ein Kinder- und Jugendarzt impft einen Jugendlichen mit dem Corona-Impfstoff Comirnaty von Biontech/Pfizer. Es mehren sich die Forderungen an die Ständige Impfkommission (Stiko), ihre Haltung zur Corona-Impfung von Jugendlichen zu überdenken. | Bild: Fabian Sommer/dpa

ka-news.de wendet sich deshalb an verschiedene Karlsruher Stellen und fragt: Wie stehen eigentlich diejenigen zur Kinder-Impfung, die diese schlussendlich auch ausführen müssen? Vertreten sie mehr die Meinung der Stiko, oder die der Politik?

Impfzentrumsleiter kann Stiko nachvollziehen

Laut Andreas Ruf, Leiter des Zentralen Impfzentrums in der Messe Rheinstetten, spiegle sich die Verunsicherung auch in der Nachfrage nach Kinderimpfungen wider. Insgesamt seien in den Karlsruher Impfzentren bisher etwa 100 Kinder im Alter zwischen zwölf und 16 Jahren gegen das Virus geimpft worden. 

Doch das Zögern der Stiko empfindet Ruf angesichts der fehlenden Daten als durchaus "nachvollziehbar". Aber eben auch, weil der Krankheitsverlauf von Covid-19 bei Kindern zumeist ein milderer sei. Ist die Impfempfehlung für sonst gesunde Kinder also trotz Corona-Mutation nicht unbedingt notwendig?

Andreas Ruf, Leiter des ZIZ in Rheinstetten, bei der Eröffnung des Impfzentrums | Bild: Thomas Riedel

"Es besteht ethischer, medizinischer und politischer Konsens, dass die Corona-Schutzimpfung auf freiwilliger Basis erfolgt. Die Entscheidung für eine Impfung sollte dabei stets auf einer individuellen Risiko-Nutzen-Abwägung fußen. Gesellschaftliche Aspekte, wie zum Beispiel Herdenimmunität, spielen dabei keine Rolle", so der Impfzentrumsleiter und ergänzt:

Thema: Risiko der Impfung bei Kindern

"Die Sicherheitsprofile der Impfstoffe wurden auf Basis eines relativ kurzen Beobachtungszeitraums erstellt. Um auch sehr seltene Nebenwirkungen sicher zu erfassen, müssen große Fallzahlen über einen möglichst langen Zeitraum untersucht werden"

Auf dieser Basis könnten dann möglichst vollständige Risikoprofile erstellt werden. "In der jetzigen Übergangsphase müssen Impfwillige trotz unvollständiger Risikoprofile bereit sein, mögliche unbekannte Restrisiken einzugehen", erklärt Ruf gegenüber ka-news.de. 

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Diese Restrisiken seien auch der Grund, weshalb Ruf die Kinderimpfung kritisch sieht, denn: "Bei Kindern ohne Vorerkrankung wird das Risiko, durch eine Corona-Infektion schwere Schäden davon zu tragen, von den allermeisten Experten als äußerst gering eingestuft. Vor diesem Hintergrund wiegen dann mögliche Restrisiken einer Corona-Schutzimpfung bei Kindern besonders schwer."

Kinderimpfungen müssen freiwillig bleiben

Weniger kritisch fällt die Antwort vom Karlsruher Landratsamt aus, welches für die Impfzentren in Bruchsal und Sulzfeld verantwortlich ist. Nach deren Angaben sollen dort über 750 Minderjährige bereits vollständig geimpft worden sein. Bei den Erstimpfungen ist die Zahl nochmal deutlich höher.  

Allerdings sehen sie die älteren Menschen mehr in der Verantwortung, zur Herdenimmunität beizutragen. Dass es Impfungen für Kinder gebe, sei laut Landratsamt zwar "gut, müsse aber freiwillig bleiben."

Bundeswehr unterstützt Gesundheitsamt
Bild: Thomas Riedel

Aus Sicht des Gesundheitsdezernats müsse der Blick zunächst weiterhin in Richtung der älteren Bevölkerungsgruppen gehen. So sei landesweit fast ein Fünftel der über 60-Jährigen noch ungeimpft. Innerhalb dieser Altersgruppe sei die Impflücke sogar noch größer. 

Das Gesundheitsdezernat hinterfrage deshalb ob Menschen für die es keine Risiko-Nutzen-Analyse zugunsten einer Impfung gibt, zur Schaffung einer Herdenimmunität beitragen.

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"Wenn wir Herdenimmunität erreichen und zugleich den Schutz der Vulnerableren erhöhen wollen, dann müssen wir die immer noch zahlreichen Erwachsenen ansprechen, die sich bisher nicht für eine Impfung entschieden haben", heißt es gegenüber ka-news.de.

Ärzte verweisen auf Empfehlung der Stiko

Selbst bei den niedergelassenen Ärzten hält sich die Nachfrage nach Kinderimpfungen in Grenzen. Das berichtet zumindest ein Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung von Baden-Württemberg. Genaue Zahlen, wie viele Kinder bereits eine Impfung durch Kinder- und Jugendärzte erhalten haben, gebe es aber nicht. 

Ein Kinderarzt impft ein Kind mit einem 6-fach-Kombinationsimpfstoff gegen Diphtherie, Tetanus (Wundstarrkrampf), Kinderlähmung (Polio), ...
Ein Kinderarzt impft ein Kind mit einem 6-fach-Kombinationsimpfstoff gegen Diphtherie, Tetanus (Wundstarrkrampf), Kinderlähmung (Polio), Keuchhusten (Pertussis), Haemophilus influenzae Typ b (Hib) und Hepatitis B. | Bild: Julian Stratenschulte/dpa

So heißt es in einem Statement der  Kassenärztlichen Vereinigung: "Natürlich werden die chronisch kranken Jugendlichen geimpft oder auch diejenigen, bei denen die Eltern entsprechend erkrankt sind. Ansonsten findet die Impfung nur auf ausdrücklichen Wunsch der Eltern statt. Im Aufklärungsgespräch weisen die Ärzte auf die Empfehlung der Stiko hin und darauf, dass es bisher noch keine ausreichenden wissenschaftlichen Studien gibt, um das Risiko der Impfung fundiert einschätzen zu können." 

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Wie die Einstellung der Kinder- und Jugendärzte generell zu dem Thema ist, konnte bis Redaktionsschluss jedoch nicht geklärt werden. Dieser Teil wird aktualisiert, sobald der Redaktion die Antworten vorliegen. 

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